19. Mai 2026, 14:30 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Der Blick ins Auge könnte Aufschluss über das Osteoporose-Risiko geben. Und das Jahre, bevor sich Knochenschwund überhaupt bemerkbar macht. Eine medizinische Revolution?
Osteoporose zählt weltweit zu den häufigsten altersbedingten Erkrankungen, insbesondere bei Frauen nach den Wechseljahren. Sie wird auch als „stille Krankheit“ bezeichnet, da viele Betroffene erst nach einem Knochenbruch davon erfahren. Jetzt haben Forscher aus Singapur und Großbritannien eine neue, kostengünstige Methode entdeckt, um Knochenschwund besonders früh zu erkennen. Dies soll mittels einer Augenuntersuchung möglich sein. Tatsächlich scheint es einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Zustand der Netzhaut und der Knochenmineraldichte im gesamten Körper zu geben. In der neuen Studie, die in „PLOS Digital Health“ 1veröffentlicht wurde, bestätigte sich nun, dass Personen, deren Netzhaut im Auge biologisch „älter“ erschien, mit größerer Wahrscheinlichkeit auch an Osteoporose erkrankten.
Fokus auf biologisches Alter gewinnt an Bedeutung
Anstelle des chronologischen Alters, also der Zahl der Lebensjahre, rückt das biologische Alter immer mehr in den Fokus. Es beschreibt wesentlich treffender, wie stark Organe und Gewebe biologisch gealtert sind. Sei es durch Lebensstil, Erkrankungen oder genetische Faktoren. Die Netzhaut wird zunehmend als möglicher Biomarker für allgemeine Alterungsprozesse untersucht. Erfüllt das neuartige Verfahren alle Voraussetzungen, um schon bald zur diagnostischen Routine für Osteoporose zu werden? Schließlich ist die bisherige sogenannte DEXA-Messung kostenintensiv und ohne medizinischen Verdacht nur schwer zugänglich.
Netzhaut-Analyse mittels KI-Tool
Für die Analyse nutzten die Forscher ein KI-Tool namens RetiAGE. Das System schätzt anhand von Fotos, ob die Netzhaut einer Person biologisch älter erscheint als erwartet. Zunächst testeten Forscher aus Singapur das System an knapp 2000 älteren Erwachsenen. Tatsächlich wiesen Personen, deren Netzhaut biologisch älter erschien, tendenziell schwächere Knochen in mehreren Bereichen der Hüfte und des Oberschenkelknochens auf. Ob die Augen lediglich einen bereits bestehenden Knochenverlust widerspiegelten oder ob sich eine Osteoporose Jahre vor dem Auftreten vorhersagen ließe, war noch unklar.
Anhand Netzhaut lässt sich das biologische Alter und Sterberisiko erkennen
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Langzeitdaten von 44.000 Personen der UK Biobank untersucht
Auf der Suche nach weiteren Antworten nutzte das Co-Team aus Großbritannien Daten von 43.938 Menschen der UK Biobank. Zu Beginn der Studie wiesen sie alle keine Osteoporose auf. Je stärker die Netzhaut biologisch gealtert war, desto höher war das spätere Osteoporose-Risiko. In der Studie nahm es mit jedem Anstieg des gemessenen Netzhaut-Alters um etwa zwölf Prozent zu. Dieses Muster blieb auch nach Berücksichtigung weiterer Faktoren wie Rauchen, körperlicher Aktivität, Diabetes usw. bestehen. Besonders schwer wiegen osteoporosebedingte Hüftfrakturen: 20 bis 24 Prozent der Betroffenen sterben innerhalb des ersten Jahres nach dem Bruch. Von den Überlebenden verlieren zudem knapp 40 Prozent innerhalb eines Jahres die Fähigkeit, selbstständig zu gehen.
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Noch in den Kinderschuhen, doch schon bald medizinische Revolution?
Neuere Erkenntnisse im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz deuten mit Studien wie dieser bereits darauf hin, wie drastisch sich Diagnosemöglichkeiten und die damit verbundenen Therapien verbessern könnten. Zum einen gilt das Auge nicht mehr nur als „Organ für die Außenwelt“, sondern lässt bezüglich „innerer Gesundheit“ sprichwörtlich tief blicken. Andererseits zeigen jüngste Forschungen, dass unser Skelett mehr ist als nur ein Gerüst. Tatsächlich befindet es sich mittels Hormonen und anderer Signalwege im engen Austausch mit Gehirn und Organen (FITBOOK berichtete). Die Studie liefert Hinweise darauf, sich Knochenprobleme wie Osteoporose auch in den Augen widerspiegeln. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lässt sich jedoch nicht beweisen, dass Veränderungen der Netzhaut Osteoporose direkt verursachen oder biologisch antreiben.
Auch wenn die aktuellen Untersuchungen bislang experimentellen Charakter haben und die KI-Systeme noch Schwächen aufweisen, ist die Forschung womöglich nur noch wenige Studien vom entscheidenden Durchbruch entfernt.