12. Juni 2026, 20:19 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Abnehmspritzen haben in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Immer mehr Unternehmen brachten entsprechende Medikamente auf den Markt. Doch bislang waren Präparate zur Gewichtsreduktion hierzulande nur als Injektionen erhältlich – nicht als Tabletten oder Pillen. Das könnte sich jedoch ändern: Abnehmpillen könnten bald in der EU zugelassen werden. FITBOOK hat hierzu auch bei Ernährungsmediziner Prof. Dr. Hans Hauner von der TU München nachgefragt.
Abnehmpille könnte bald kommen
Eines vorweg: GLP-1-Tabletten – also Medikamente, die den Appetit zügeln und beim Abnehmen helfen können – sind hierzulande bereits verfügbar. Sie werden jedoch vor allem zur Behandlung von Typ-2-Diabetes eingesetzt. Medikamente zur Gewichtsreduktion sind bislang dagegen nur in Form von Spritzen erhältlich und für die Behandlung von Übergewicht beziehungsweise Adipositas zugelassen.
Zu den bekanntesten Medikamenten zur Gewichtsreduktion zählen hierzulande Wegovy mit dem Wirkstoff Semaglutid, Mounjaro mit Tirzepatid und Saxenda mit Liraglutid. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hat erst kürzlich eine Erweiterung der EU-Zulassung für die Wegovy-Tablette empfohlen. Diese würde eine orale Darreichungsform des Medikaments ermöglichen – also die Einnahme in Tablettenform. Stimmt die Europäische Kommission dem Vorschlag zu, wovon auszugehen ist, wäre Wegovy das erste GLP-1-Medikament zur Gewichtsreduktion, das in der EU auch als Tablette verfügbar ist. In den USA sind die Tabletten bereits seit Anfang 2026 verfügbar.
Für Prof. Dr. Hans Hauner ist die neue Darreichungsform allerdings weniger ein therapeutischer Durchbruch als vielmehr eine zusätzliche Option: „Die Wegovy-Tablette ist vor allem eine Alternative zur Spritze, wenngleich nicht ganz so wirksam.“
BILD (gehört wie FITBOOK zu Axel Springer) hatte bereits im Vorfeld über die Wegovy-Tabletten berichtet. Neben Informationen zu Kosten und Bezugswegen schilderte dabei auch eine Patientin aus den USA, die das Medikament bereits einnimmt, ihre Erfahrungen.
So unterscheiden sich Tablette und Spritze in der Anwendung.
Auf den ersten Blick klingt die Einführung der Wegovy-Tablette verlockend: Schließlich dürfte die tägliche Einnahme der verschreibungspflichtigen Tabletten für viele Menschen angenehmer sein als die regelmäßige Injektion einer Spritze. Ganz so unkompliziert ist die Anwendung allerdings nicht. Die Tabletten müssen einmal täglich auf nüchternen Magen eingenommen werden – nach mindestens acht Stunden Fastenzeit. Anschließend müssen Anwender weitere 30 Minuten warten, bevor sie essen, trinken oder andere Medikamente einnehmen. Die Spritze wird dagegen nur einmal pro Woche verabreicht und ist in der Anwendung weniger an Vorgaben geknüpft.
Zugelassen werden sollen die Tabletten zudem ausschließlich für Erwachsene, also ab 18 Jahren, mit Adipositas oder Übergewicht und mindestens einer gewichtsbedingten Begleiterkrankung. Die Spritzen hingegen sind bereits ab zwölf Jahren zugelassen. Wie die Spritzen sollen die Tabletten nur in Kombination mit einer kalorienreduzierten Ernährung und mehr körperlicher Aktivität eingesetzt werden.
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Routine im Blick behalten
Gerade im Alltag könnte sich zeigen, ob die Tablette tatsächlich die bequemere Alternative ist. Denn während die Wegovy-Spritze nur einmal pro Woche angewendet wird, erfordert die Tablettenform eine tägliche Einnahme. Damit ist die Behandlung stärker an feste Routinen und regelmäßige Abläufe gebunden. Für den Therapieerfolg dürfte es entscheidend sein, das Medikament konsequent und korrekt einzunehmen.
Darauf weist auch Prof. Dr. Hauner hin: „Die Einnahme der Wegovy-Tablette muss exakt wie vorgeschrieben erfolgen, damit sie wirken kann. Die Tabletten müssen wenigstens einigermaßen regelmäßig und konsequent eingenommen werden, sonst ist kein Behandlungserfolg zu erwarten.“
Wer die Einnahme häufiger vergisst oder unregelmäßig handhabt, riskiert möglicherweise Einbußen bei der Wirksamkeit.
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Nicht frei von Nebenwirkungen
Zudem sollten Patienten mögliche Nebenwirkungen im Blick behalten. Wie die Spritze kann auch die Tablettenform Magen-Darm-Beschwerden verursachen. Zu den häufigsten unerwünschten Wirkungen zählen Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Bauchschmerzen, Verdauungsstörungen und Erbrechen.
Unabhängig davon, ob die Behandlung per Spritze oder Tablette erfolgt, betonen Experten, dass Medikamente allein keine nachhaltige Lösung darstellen. „Diese Medikamente sollten mehr als Unterstützung der Gewichtsabnahme gesehen werden, im Vordergrund sollte immer die Umstellung der Ernährung und die Steigerung der Bewegung stehen“, sagt Prof. Dr. Hauner. Lebensstilmaßnahmen seien die sinnvollste Grundlage der Therapie, kostenfrei und frei von medikamentösen Nebenwirkungen.