21. September 2026, 4:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Viele Menschen orientieren sich beim Abnehmen oder Training an den Kalorienwerten ihrer Smartwatch. Eine neue Studie aus den USA mit populären Smartwatch-Modellen legt jedoch nahe, dass der angezeigte Kalorienverbrauch oft deutlich danebenliegt. Besonders problematisch: Mit steigendem Körperfettanteil werden die Schätzungen ungenauer. Wie die Untersuchung ablief und wie Sie Ihre Smartwatch trotzdem sinnvoll nutzen können.
Warum wurden die Smartwatches untersucht?
Smartwatches und Fitness-Tracker gehören inzwischen für viele Menschen zur täglichen Gesundheits- und Trainingsroutine. Sie erfassen unter anderem die Herzfrequenz, körperliche Aktivität und den geschätzten Kalorienverbrauch. Die Angaben zum Energieverbrauch werden von vielen Trägern gerne zur Gewichtsabnahme oder Trainingsplanung genutzt. Allerdings ist die Genauigkeit dieser Schätzungen seit Jahren umstritten. Frühere Untersuchungen deuteten bereits auf teils erhebliche Fehler hin.1,2 Unklar war jedoch, welche Faktoren diese Ungenauigkeiten beeinflussen.
Die aktuelle Studie untersuchte deshalb insbesondere die Rolle des Körperfettanteils und des Hauttons. Hintergrund ist, dass die optischen Sensoren vieler Smartwatches möglicherweise je nach Hautpigmentierung unterschiedlich präzise messen. Ziel der Untersuchung war es, die Kalorienverbrauchsschätzungen von vier weitverbreiteten Smartwatch-Modellen mit einem etablierten Laborverfahren zur Messung des tatsächlichen Energieverbrauchs zu vergleichen.3
4 Smartwatches im Test
An der Untersuchung nahmen 58 Erwachsene im Alter von 18 bis 50 Jahren teil. Alle Teilnehmer hatten einen hispanischen Hintergrund und gehörten den Hauttypen III bis V an.
Um den Kalorienverbrauch zu untersuchen, absolvierten die Teilnehmer ein standardisiertes Training auf einem Liegefahrrad, bei dem sich moderate und intensive Belastungsphasen abwechselten. Während des Trainings wurde der tatsächliche Energieverbrauch mit einem COSMED-K5-Metabolismusanalysator erfasst. Dieses Verfahren basiert auf der sogenannten indirekten Kalorimetrie und gilt als Goldstandard zur Bestimmung des Energieverbrauchs. Parallel dazu trugen die Teilnehmer vier verschiedene Smartwatches:
- Apple Watch Series 8
- Fitbit Sense 2
- Samsung Galaxy Watch 5
- Garmin Forerunner 955
Anschließend verglichen die Forscher die von den Uhren berechneten Kalorienwerte mit den Laborwerten. Zusätzlich wurden Körperfettanteil, Körpermaße und Hauttyp erfasst. Mithilfe statistischer Modelle analysierten die Autoren, welche Faktoren mit Messfehlern zusammenhingen.
Fitnessuhren versagen – eine ist komplett unbrauchbar
Die Ergebnisse zeigen, dass alle untersuchten Smartwatches den Kalorienverbrauch falsch einschätzten, teilweise erheblich. Die durchschnittliche Abweichung gegenüber den Laborwerten betrug:
- Apple Watch: 21,6 kcal
- Garmin Forerunner: 68,6 kcal
- Samsung Galaxy Watch: 56,8 kcal
- Fitbit Sense 2: 3,1 kcal (allerdings hohe Fehlerquote)
Das scheinbar gute Fitbit-Ergebnis ist mit Vorsicht zu interpretieren. Das Gerät fiel durch zahlreiche Fehlmessungen auf und lieferte in einzelnen Trainingsdurchläufen gar keine Kalorienwerte, meldete nur eine verbrannte Kalorie für ein komplettes Training oder überschätzte den tatsächlichen Energieverbrauch um mehr als 450 Prozent. Mehrere dieser Messungen wurden deshalb vor der Analyse ausgeschlossen.
Damit ist der eigentliche Sieger die Apple Watch mit den geringsten Abweichungen. Garmin und Samsung überschätzten den Energieverbrauch deutlich. Die mittleren prozentualen Fehler lagen je nach Gerät häufig zwischen etwa 15 und 25 Prozent. Laut den Autoren bedeutet dies, dass eine angezeigte Verbrennung von 500 Kalorien in Wirklichkeit deutlich niedriger, etwa bei 350 Kalorien, ausfallen kann.
Auch interessant: Keine Angst vor Krafttraining! So wird der Anfang leicht
Wie beeinflussten Körperfettanteil und Hauttyp das Ergebnis?
Der wichtigste Einflussfaktor war der Körperfettanteil. Mit zunehmendem Körperfett stiegen die Messfehler bei allen Geräten signifikant an. Besonders ausgeprägt war dieser Zusammenhang bei Fitbit und Garmin. Für die untersuchten Hauttypen fanden die Forscher dagegen keinen Zusammenhang mit der Genauigkeit der Kalorienmessung.
Studienleiter Jason Kostrna zufolge hat das Team noch keine endgültige Antwort darauf, warum die Tracker gerade bei höheren Körperfettanteilen Schwierigkeiten haben. Er vermutet, dass die zur Schätzung des Kalorienverbrauchs verwendeten Algorithmen eine Rolle spielen könnten. „Wenn die Unternehmen diese Algorithmen entwickeln, wissen wir nicht, woher die Testdaten stammen“, sagte er in einer Pressemitteilung der Universität Florida.4
Smartwatches und Fitnesstracker bei Stiftung Warentest – ein günstiges Produkt kann überzeugen
Die 11 besten Smartwatches für Sportler im Überblick
So nutzen Sie Ihre Smartwatch trotzdem sinnvoll
Die Ergebnisse sind vor allem für Menschen wichtig, die Smartwatch-Daten zur Gewichtskontrolle nutzen. Wer abnehmen möchte, aber aufgrund der verzerrten Daten mehr isst, könnte durch die Fitnessuhr um seinen Erfolg gebracht werden. Kostrna bringt es auf den Punkt: „Man kann die angezeigte Kalorienverbrauchszahl nicht als genauen Wert betrachten, denn sie ist es nicht.“ Nach seiner Einschätzung können sich durch solche Fehler über Wochen hinweg mehrere Hundert Kalorien Unterschied ansammeln.
Für Nutzer bedeutet das aber nicht, dass Smartwatches wertlos sind. Die Forscher betonen vielmehr, dass die Kalorienangaben als grobe Orientierung und nicht als exakte Messung verstanden werden sollten. Man sollte vorsichtshalber einen Sicherheitspuffer bei den Werten einkalkulieren, insbesondere, wenn man einen hohen Körperfettanteil hat. Gleichzeitig warnen die Autoren davor, als Reaktion zu wenig zu essen. Der Körper benötigt weiterhin ausreichend Energie für Regeneration und regelmäßiges Training.
Nach Einschätzung der Forscher könnten zudem andere Messwerte vieler Smartwatches nützlicher sein als der Kalorienverbrauch. Dazu zählen etwa die Herzfrequenz, die Zeit in bestimmten Herzfrequenzzonen oder langfristige Entwicklungen über Wochen und Monate. Kostrna empfiehlt deshalb: „Beobachten Sie Ihre eigenen Trends im Zeitverlauf.“ Wer seine Fitnessentwicklung verfolgen möchte, sollte deshalb stärker auf langfristige Trends achten als auf die Kalorienzahl eines einzelnen Trainings.
Einordnung der Studie und Ausblick
Die Studie gehört zu den umfangreicheren Untersuchungen, die mehrere bekannte Smartwatch-Marken direkt mit einem Goldstandard der Stoffwechselmessung vergleichen. Zu den Stärken zählen die kontrollierten Laborbedingungen, die standardisierte Belastung sowie die Berücksichtigung des Körperfettanteils als möglicher Einflussfaktor.
Allerdings gibt es einige Einschränkungen. Die Teilnehmer absolvierten ausschließlich ein Training auf einem Liegefahrrad. Ob die Ergebnisse auf andere Aktivitäten übertragbar sind, bleibt offen. Zudem wurden ausschließlich hispanische Erwachsene untersucht, und die Zahl der Teilnehmer mit Hauttyp V war gering.
Da die Hersteller ihre Algorithmen nicht offenlegen, lässt sich außerdem nicht nachvollziehen, welche technischen Faktoren die Messfehler verursachen. Die Autoren vermuten, dass die Modelle möglicherweise nicht ausreichend auf Personen mit höherem Körperfettanteil abgestimmt sind. Studienleiter Kostrna untersucht derzeit, wie genau Smartwatches den Kalorienverbrauch während klassischer Krafttrainingseinheiten schätzen.
Unabhängig davon macht die Untersuchung deutlich, dass Kalorienangaben aktueller Smartwatches mit Vorsicht genossen werden sollten. Für die Trainingsplanung können langfristige Entwicklungen, etwa Herzdaten, aussagekräftiger sein als die angezeigten Kalorien eines Workouts.