31. August 2026, 18:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Während die meisten Radsportler nach einer einwöchigen Alpentour bereits nach einem Massagetermin und Wellnessurlaub lechzen, rollen Jonas Deichmann und Partnerin Josefine Rutkowski nach 127 Tagen im Sattel zurück nach München. Hinter ihnen liegen 24.000 Kilometer, 250.000 Höhenmeter und eine Reise durch 27 Länder – ohne einen einzigen Ruhetag. Wer glaubt, Deichmann würde jetzt mal etwas länger die Beine hochlegen, irrt. FITBOOK hat mit ihm gesprochen.
Deichmann zu FITBOOK: Ȇber Monate nicht perfekte Verpflegung ging an Substanz
Hinter Extremsportler Jonas Deichmann und Josefine Rutkowski, selbst erfahrene Ausdauerathletin, liegt ein Kraftakt. Die nackten Zahlen ihrer Europa-Umrundung sind gewaltig (24.000 Kilometer, 250.000 Höhenmeter), doch die wahre Härte liegt im Detail: „Im Schnitt neun Stunden pro Tag Fahrzeit und das ohne Ruhetag für über vier Monate“, berichtet Deichmann. Besonders die Versorgungsmöglichkeiten in Teilen Osteuropas und im hohen Norden brachten die beiden ans Limit. „Ein paar Tage mit nicht perfekter Verpflegung – kein Problem. Aber wenn es dann einfach über Wochen und Monate geht, dann geht es an die Substanz.“ Wer dem Paar auf Instagram folgt, bekam mit, dass sie immer wieder vor dem Problem standen, überhaupt genug Kalorien zu bekommen, weil Supermärkte geschlossen waren. Insgesamt sei es ein „herausforderndes, aber schönes Projekt“ gewesen, so der aus Stuttgart stammende Extremsportler zu FITBOOK.
Jonas Deichmann ist für spektakuläre Weltrekorde bekannt. Bspw. umrundete er 2021 als erster Mensch die Welt in den drei Triathlon-Disziplinen. 2024 absolvierte er in Roth (Bayern) die meisten Langdistanz-Triathlons an aufeinanderfolgenden Tagen – 120 Ironman an 120 Tagen. 2018 radelte Deichmann die Strecke von Prudhoe Bay (Alaska) bis nach Ushuaia (Feuerland/Argentinien) – insgesamt ca. 23.000 Kilometer – solo und unbegleitet in einer Rekordzeit von 97 Tagen. Seine Partnerin Josefine Rutkowski wollte 2025 an 60 aufeinanderfolgenden Tagen 60 Ironman-Distanzen laufen und einen Weltrekord aufstellen. Sie musste verletzungsbedingt abbrechen.
Paar musste Route immer wieder anpassen
Anders als bei früheren Weltrekorden stand dieses Mal das Erlebnis im Vordergrund. Die Route führte durch 27 Länder, oft abseits ausgetretener Pfade durch das Hinterland. Jedoch stieß die Planung der „schönsten Route“ immer wieder an ihre Grenzen und erforderte mehrfache Anpassungen. Bereits vor dem Start stand fest, dass Russland und die Ukraine aufgrund des Krieges umfahren werden mussten. Während der Reise zwangen dann vor allem Waldbrände in Osteuropa das Paar dazu, ihre Pläne kurzfristig zu ändern. Auf Instagram berichtete Deichmann etwa aus Bosnien, wo sie direkt an einem frisch ausgebrochenen Feuer vorbeikamen. „Mehrere Kilometer hat sich das Feuer entlang des Berges erstreckt und wir hatten dichten Rauch und Asche auf der Straße die aber offen war“, teilte Deichmann am 22. August auf Instagram mit.
Auch sonst lief einiges nicht wie geplant, wie man Deichmanns Berichten auf Instagram entnehmen kann: „Hundebiss und Streiks in Portugal, Hitzewelle in Spanien und Frankreich, wochenlanger Gegenwind oder drei Wochen Dauerregen bei kalten Temperaturen in Norwegen. Überraschende Herausforderungen gehören dazu.“
Highlight, Lowlight und Deichmanns Geheimtipp
Nach den Höhe- und Tiefpunkten gefragt, sagt Jonas Deichmann: „Unser Highlight war generell, Norwegen und das Nordkap am Abend gemeinsam zu erreichen“, so Deichmann. Dass sie fast allein waren, beschreibt er als „wunderschön“. Das Lowlight der Reise sei der Straßenverkehr gewesen. Besonders in Teilen Osteuropas und am Mittelmeer sei die Situation oft sehr gefährlich gewesen, erinnert sich der Extremsportler. Für die anderen Verkehrsteilnehmer seien sie als Radfahrer teilweise „eigentlich nicht existent“ gewesen. Die Leute würden teils „wie die Verrückten“ fahren.
Sein Geheimtipp zum Radfahren in Europa: Meidet die „gehypten“ Orte wie die Lofoten, die durch Social Media viel Charme verloren haben, und haltet euch im Sommer vom Mittelmeer fern – das sei zum Radfahren schlicht „ungeeignet“. Meistens seien die schönen Orte die, die man selbst finde, und nicht die Orte, die gerade gehypt würden, so Deichmann zu FITBOOK.
Weltrekordversuch abgebrochen! Josefine Rutkowski lief letzten Marathon verletzt
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Kurz Nichtstun, dann winkt das nächste Projekt
Und wie sieht die Regeneration nach einer solchen Megatour aus? „Wir machen so zwei, drei Tage erst mal gar nichts“, meint Deichmann. Nach der Ankunft ist bei dem Extremsportler aber immer vor der nächsten Challenge. „Aktive Regeneration“ heißt es dann. Da sie ja „nur“ Ausdauersport gemacht hätten, würden sie mit Yoga und Krafttraining anfangen, „damit der Oberkörper wieder ein bisschen mehr Muskelkraft bekommt“. Es gehe darum, die einseitige Belastung des Radfahrens auszugleichen.
Und dann gilt, was er FITBOOK schon kurz vor der Europa-Umrundung verriet: dass er sichnie einfach nur vom Alten erhole, sondern immer schon für etwas Neues. Das Neue: Vom 24. September an bis zum 30. Oktober will Deichmann für eine Charity-Initiative 30 Marathons an 30 aufeinanderfolgenden Tagen quer durch Baden-Württemberg laufen. Die Herausforderung für den Körper ist der radikale Disziplinwechsel. Entscheidend sei, die Balance zu finden zwischen aktiver Regeneration von der Europa-Umrundung – und gleichzeitig wieder Laufform aufzubauen für den ersten Marathon in dreieinhalb Wochen.
Aufgeben war wohl nie Thema – Geheimnis seiner mentalen Stärke
Zweifel am Erfolg ihrer Europa-Umrundung habe es zu keinem Zeitpunkt gegeben, so Deichmann. Auch keine Abbruchgedanken. „Es gab immer den Fokus, dass wir gemeinsam in München ankommen wollen.“
Das „Geheimnis“ seiner unfassbaren mentalen Stärke entlockte FITBOOK-Chefredakteur Nuno Alves dem Extremsportler vor einiger Zeit schon: „Bedingungsloser Optimismus.“ Und die feste Überzeugung, er könne das.