17. Oktober 2025, 15:53 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Kleine Studie mit großer Erkenntnis: Ein Extrakt aus Schwarzen Johannisbeeren kann offenbar die Laufleistung verbessern. Grund dafür sollen Anthocyane sein. Das sind Pflanzenfarbstoffe, die in vielen Obst- und Gemüsesorten vorkommen. Die vielversprechenden Ergebnisse gelten bislang allerdings nur für Männer. Was genau britische Forscher herausgefunden haben, erklärt FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer.
Es gibt viele Methoden, um die eigene Laufleistung zu verbessern. Neben ausreichend Schlaf und der richtigen Ernährung erzielen beispielsweise bestimmte mentale Tricks oder sogar die Wahl der richtigen Worte messbar bessere Ergebnisse (FITBOOK berichtete). Nun haben britische Forscher der University of Chichester mit Johannisbeerextrakt ein weiteres Hilfsmittel für den flotten Sprint ausgemacht. Das als Nahrungsergänzungsmittel erhältliche Produkt enthält pro Dosis ca. 210 Milligramm Anthocyane, die letztlich für die vermehrte Power verantwortlich sein sollen. Welche Steigerung der Laufleistung können Anwender erwarten?
„Wunder-Substanz“ Anthocyane – ein natürliches Doping?
Zahlreiche Studien legen nahe, dass Anthocyane die Muskeldurchblutung und Sauerstoffversorgung kurzfristig verbessern und somit die Ausdauer steigern können.1 Der sekundäre Pflanzenfarbstoff ist für die rote, violette oder schwarze Farbe von etwa Blaubeeren, Rotkohl, Kirschen und eben Schwarzen Johannisbeeren verantwortlich. Je mehr die Wissenschaft darüber herausfindet, desto erstaunlicher entpuppt sich die Substanz. So soll sie Alterungsprozesse verlangsamen, vor Krebs schützen oder Entzündungsprozesse stoppen (FITBOOK berichtete). Daher wollten die Forscher herausfinden, wie sich hohe Dosen unmittelbar auf die sportliche Leistung auswirken. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Nutrients“ veröffentlicht.2 Wichtiger Hinweis: An der Untersuchung war kein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln finanziell beteiligt.
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So lief die Studie ab
Die Forscher rekrutierten 16 junge, sportlich aktive Männer. Diese erhielten jeweils eine Woche lang 600 Milligramm Schwarzes Johannisbeerextrakt (was 210 Milligramm Anthocyane entspricht) und nach einer zweiwöchigen Pause noch einmal eine Woche lang ein Placebo. Ob sie gerade ein Placebo oder das echte Produkt erhielten, wussten die Männer natürlich nicht. Währenddessen wurden die Männer täglich auf das Laufband geschickt, wo sie bis zur Erschöpfung laufen sollten. Dabei wurden jedes Mal die Gesamtlaufdistanz, die Distanz in den High-Intensity-Intervallen (die Strecke während der wirklich schnellen Abschnitte) sowie Herzfrequenz, Sauerstoffaufnahme und der Laktatwert gemessen.
Wie Anthocyane die Laufleistung verbessern
Während das Placebo bei einigen Läufern ebenfalls einen leichten leistungssteigernden Effekt hatte, erzielten alle Männer unter der Supplement-Einnahme bessere Ergebnisse. Interessanterweise variierten diese stark. So erreichte ein Mann eine um 38 Prozent höhere Distanz, im Durchschnitt betrug der Leistungsvorteil 8 Prozent. Die Messungen von Herzfrequenz, VO2max und Laktat ergaben zwischen den beiden Messperioden keinen Unterschied. Die Leistungssteigerung ist demnach wahrscheinlich nicht durch Veränderungen der Herz-Kreislauf-Belastung zu erklären. Die Forscher vermuten eine bessere Muskeldurchblutung, die allerdings nicht gemessen wurde. Ihre Schlussfolgerung: Es handelt sich zwar nicht um ein Wundermittel, dennoch dürfen die meisten Sportler eine kurzfristig erhöhte Leistungsfähigkeit bei intensivem Training erwarten.
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Stärken und Schwächen der Studie
Randomisierte, doppelblinde Cross-Over-Studien wie diese bieten einige Vorteile: Sie reduzieren Verzerrungen, sind reproduzierbar und praxisnah. Das heißt, die Ergebnisse kann jeder Sportler zumindest bedingt in seinem Alltag für sich selbst nachprüfen. Allerdings war die Studiengruppe in diesem Fall mit 16 fitten Männern sehr klein. Die Ergebnisse, die obendrein von Person zu Person sehr unterschiedlich ausfielen, gelten nicht automatisch für Frauen, ältere Menschen oder Laufanfänger. Der kurze Versuchszeitraum lässt zudem keine Rückschlüsse auf Langzeiteffekte zu. Ebenso bleibt die genaue biologische Ursache der Leistungssteigerung weiter Spekulation. Darüber hinaus kann die Studie keine Aussagen dazu treffen, ob weitere Faktoren aus generellem Lebensstil, Training oder Ernährung eine Rolle spielten. Auch, ob nur das Extrakt oder auch die Früchte selbst einen Effekt haben, bleibt offen. Interessierten Läufern bleibt also nur, einen Selbstversuch zu starten.
Sollten Sportler auf eine anthocyanreiche Ernährung setzen? Das sagt der Studienleiter
Braucht es für den Effekt womöglich kein teures Nahrungsergänzungsmittel? Schließlich stecken die wertvollen Anthocyane ganz natürlich in zahlreichen Lebensmitteln. FITBOOK hat beim Studienleiter Prof. Mark Willems nachgefragt. Seine Einschätzung: „Wenn es sich tatsächlich um die spezifische Menge handelt, die wir für unsere Studie gewählt haben, ist das sehr wahrscheinlich.“ Allerdings fehle es an Untersuchungen dazu. Dennoch empfiehlt er, möglichst viel Obst und Gemüse mit der typischen blauen, roten oder schwarzen Farbe in die tägliche Ernährung einzubauen. Zu den größten „Anthocyan-Bomben” neben Schwarzen Johannisbeeren gehören:
- Holunderbeeren
- Brombeeren
- Rotkohl
- Rote Zwiebeln
- Rote Beete
- Auberginen
- Kidneybohnen
- Violette Rüben
Willems hat übrigens noch eine Vermutung, die besonders Sportlerinnen freuen dürfte: „Wir haben Hinweise darauf, dass die metabolischen Reaktionen bei Frauen und Männern ähnlich sein können.“