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Studie an Mäusen

Offenbar weitreichende Spätfolgen von Süßstoffen möglich

süßstoffe spätfolgen
Eine Studie untersuchte die Effekte von Sucralose und Stevia über mehrere Generationen hinweg Foto: Getty Images/Westend61
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Sophie Brünke
Ernährungsexpertin

23. April 2026, 10:24 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Süßstoffe sind kaum wegzudenken: Nicht nur in der Fitness-Bubble dominieren sie in Form von Getränkesirups und Geschmackspulvern. Auch in der breiten Masse sind Süßstoffe ein beliebtes Tool, um einfach Kalorien zu sparen, z. B. durch Light-Getränke. Dabei geraten Süßstoffe und ihre Spätfolgen immer wieder in die Kritik: Sie sollen die Darmflora verändern und auf diesem Wege möglicherweise Stoffwechselerkrankungen begünstigen. Eine neue Studie liefert Hinweise darauf, dass dieser Effekt sogar generationsübergreifend sein könnte. Allerdings beruht sie auf Mäuse-Experimenten, Weitere Untersuchungen mit Menschen fehlen noch.

Sind Süßstoffe wirklich harmlos?

Eine zuckerreiche Ernährung fördert nachweislich die Entstehung von Adipositas, Diabetes Typ 2 und weiteren chronischen Erkrankungen. Folglich wurden zahlreiche kalorienfreie und -arme Süßstoffe entwickelt, um die negativen Effekte von Zucker auf den Stoffwechsel abzumildern und die Gewichtskontrolle zu erleichtern. Und ihr Konsum steigt weltweit an.1 Laut einer US-Studie auch bei Frauen im gebärfähigen Alter.2

Doch inzwischen stellt die Weltgesundheitsorganisation den langfristigen Nutzen von Süßstoffen infrage. In einer 2023 erschienenen Leitlinie betont die WHO, dass es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Mortalität in Verbindung mit langfristigem Süßstoffkonsum (nicht jedoch kurzfristigem) gebe. Die Beweislage sei aber bisher uneindeutig.3

Anlass für Dr. Francisca Concha Celume von der Universidad de Chile, Süßstoffen auf den Grund zu gehen: „Wir fanden es bemerkenswert, dass trotz des steigenden Konsums dieser Zusatzstoffe die Häufigkeit von Adipositas und Stoffwechselstörungen wie Insulinresistenz nicht zurückgegangen ist. Das bedeutet nicht, dass Süßstoffe für diese Trends verantwortlich sind, aber es wirft die Frage auf, ob sie den Stoffwechsel auf eine Weise beeinflussen, die wir noch nicht vollständig verstehen.“4

Generationsübergreifendes Experiment

Die Wissenschaftler teilten 47 männliche und weibliche Mäuse in drei Gruppen auf.5 Neben uneingeschränktem Zugang zu einem Standardfutter bekamen die Mäuse je nach Gruppe:

  • Wasser
  • Wasser mit Stevia
  • Wasser mit Sucralose

Beide Süßstoffe wurden in einer Konzentration von 0,1 Milligramm pro Milliliter Trinkwasser gegeben. Das entspricht ungefähr fünf bis 15 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag und liegt damit im Bereich der für Menschen zugelassenen täglichen Aufnahmemenge (ADI-Wert). Nach sechs Wochen Behandlung wurden die Mäuse verpaart. Nachkommen wurden über zwei Generationen hinweg gezüchtet, wobei beide Generationen keine Süßstoffe erhielten. Jede Gruppe wurde bis zur 20. Lebenswoche verfolgt.

Concha erklärt: „Tiermodelle ermöglichen es uns, die Umweltbedingungen sehr genau zu kontrollieren und die Wirkung eines bestimmten Faktors, wie zum Beispiel einer Nahrungskomponente, zu isolieren, während wir gleichzeitig mehrere Generationen innerhalb einer relativ kurzen Zeit verfolgen können.“

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Glucose und Stuhlproben

Jede Generation absolvierte einen oralen Glukosetoleranztest. Dieser zeigt, wie gut der Körper nach einer Zuckerbelastung mit Glukose umgeht, und liefert Hinweise auf eine gestörte Insulinwirkung – ein frühes Warnsignal für Diabetes. Zusätzlich analysierten die Forscher Stuhlproben, um Veränderungen im Darmmikrobiom und bei kurzkettigen Fettsäuren zu erfassen. Diese Stoffe entstehen durch Darmbakterien und können die Genaktivität mitsteuern. Genau hier vermuten die Autoren einen möglichen Mechanismus, über den Süßstoffe biologische Effekte an die Nachkommen weitergeben könnten.

Außerdem prüfte das Team die Aktivität von Genen, die mit Entzündung, Darmbarriere und Stoffwechsel in Leber und Darm zusammenhängen. So wollten die Forscher erfassen, ob sich auf molekularer Ebene Muster zeigen, die zu den beobachteten Veränderungen im Stoffwechsel und im Darm passen.

Studie zeigte unterschiedliche Effekte – je nach Süßstoff und Generation

Das Forschungsteam stellte fest, dass verschiedene Süßstoffe unterschiedliche Wirkungen hervorriefen, die sich zudem über die Generationen veränderten. In der ersten Generation (Kinder der Süßstoff-Mäuse) zeigten nur die männlichen Nachkommen von Sucralose-Mäusen Anzeichen einer gestörten Glukosetoleranz. In der zweiten Generation (Enkel der Süßstoff-Mäuse) zeigte die gleiche Gruppe einen erhöhten Nüchternblutzuckerspiegel. Beides sind frühe Hinweise darauf, dass die Blutzuckerregulation aus dem Gleichgewicht geraten könnte.

Und wie sah es bei den weiblichen Mäusen aus? Auch hier zeigte sich in zweiter Generation ein erhöhter Nüchternblutzuckerspiegel, allerdings bei Nachkommen von Stevia-Mäusen.

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Veränderungen im Darmmikrobiom

Die Zusammensetzung der Darmflora veränderte sich in allen Generationen. Zudem wiesen die Mäuse geringere Konzentrationen an kurzkettigen Fettsäuren im Darm auf. Ein Hinweis darauf, dass die Darmbakterien weniger nützliche Stoffwechselprodukte herstellen. Bei Sucralose-Mäusen sowie ihren Nachkommen waren die Veränderungen im Mikrobiom stärker als bei Stevia – in ihrem Kot fanden sich mehr pathogene und weniger nützliche Bakterienarten.

Sucralose steigerte ähnlich wie Stevia die Aktivität von Genen, die mit Entzündungsprozessen zusammenhängen, und bremste zugleich stoffwechselrelevante Genaktivität. Bei Sucralose hielten diese Effekte teils bis in die zweite Nachkommengeneration an. Stevia beeinflusste die Genaktivität ebenfalls, insgesamt aber schwächer und nur bis zur ersten Nachkommengeneration.

„Im Vergleich der Generationen waren diese Effekte im Allgemeinen in der ersten Generation am stärksten ausgeprägt und nahmen in der zweiten Generation tendenziell ab“, sagte Concha. „Insgesamt waren die mit Sucralose verbundenen Effekte über die Generationen hinweg konsistenter und anhaltender.“

Einordnung und Bedeutung der Studie

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass kalorienfreie Süßstoffe biologisch nicht gänzlich neutral sein müssen. Auffällig waren vor allem Veränderungen im Glucosestoffwechsel und im Darmmikrobiom. Besonders Sucralose war in dieser Mausstudie mit stärkeren und länger anhaltenden Effekten verbunden als Stevia. Gleichzeitig mahnen die Autoren zur Zurückhaltung: „Die beobachteten Veränderungen der Glukosetoleranz und Genexpression könnten als frühe biologische Signale im Zusammenhang mit Stoffwechsel- oder Entzündungsprozessen interpretiert werden“, sagte Concha. Aber: „Die Tiere entwickelten beispielsweise keinen Diabetes.“ Beobachtet wurden also keine manifesten Erkrankungen, sondern eher frühe Verschiebungen in biologischen Regelkreisen. Ebendiese Verschiebungen könnten jedoch unter bestimmten Bedingungen, wie einer fettreichen Ernährung, die Anfälligkeit für Stoffwechselerkrankungen erhöhen.

Wichtig ist außerdem: Die Studie zeigt Zusammenhänge, beweist aber keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung, und Ergebnisse aus Tierexperimenten lassen sich nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen. Entsprechend betont Concha: „Ziel dieser Studie ist es nicht, Panik zu verbreiten, sondern die Notwendigkeit weiterer Untersuchungen hervorzuheben. Es erscheint ratsam, den Konsum dieser Zusatzstoffe zu mäßigen und ihre langfristigen biologischen Auswirkungen weiter zu erforschen.“

Sophie Brünke
Ernährungsexpertin

Sollte ich besser auf Süßstoffe verzichten?

„Zuerst muss ich mich selbst als Süßstoff-Fan outen. Bevor ich mir ein zuckerhaltiges Getränk kaufe, greife ich lieber zur Light-Variante. Zudem gibt es für jeden Süßstoff einen von der europäischen Lebensmittelbehörde festgelegten ADI-Wert, den Süßstoffe in Produkten nicht überschreiten dürfen. Dieser Wert beschreibt diejenige tägliche Aufnahmemenge eines Zusatzstoffes, die ein Mensch lebenslang ohne gesundheitliches Risiko aufnehmen kann. Allerdings beruhen ADI-Werte auf dem jeweils aktuellen Forschungsstand und werden laufend neu bewertet und festgelegt. Wie einleitend erwähnt, hegt die WHO erste Zweifel an der Unbedenklichkeit von Süßstoffen. Und die Mikrobiomforschung, also die Erforschung der Darmbakterien und ihrer Wirkung auf unsere Gesundheit, steckt noch in den Kinderschuhen. Bis dieses Rätsel entschlüsselt ist, möchte ich für den Alltag keine pauschale Warnung vor jedem Light-Produkt aussprechen, aber für Zurückhaltung plädieren. Ein Ersatz hier und da ist völlig okay. Doch in die tägliche Ernährung würde ich süßstoffhaltige Produkte nicht aufnehmen.“

Quellen

  1. Statista. Süßungsmittel. (aufgerufen am 22.04.2026) ↩︎
  2. Sylvetsky, A. C., Welsh, J. A., Brown, R. J. et al. (2012). Low-calorie sweetener consumption is increasing in the United States. American Journal of Clinical Nutrition. ↩︎
  3. WHO. Use of non-sugar sweeteners: WHO guideline summary. (aufgerufen am 22.04.2026). ↩︎
  4. Universidad de Chile. Negative effects of artificial sweeteners may pass on to next generation, mouse research suggests. EurekAlert. (aufgerufen am 22.04.2026). ↩︎
  5. Concha Celume, F., Pérez-Bravo, F., Magne, F. et al. (2026). Artificial and natural non-nutritive sweeteners drive divergent gut and genetic responses across generations. Frontiers in Nutrition. ↩︎

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