10. September 2025, 11:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
„Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages“ – dieser Satz hat erfolgreich den Sprung aus dem Cornflakes-Marketing in die Köpfe der Menschen gemacht. Doch vielleicht ist mehr dran? Eine neue Langzeitstudie mit fast 3000 Teilnehmern zeigt: Ein spätes Frühstück im Alter ist nicht nur eine Frage der Gewohnheit – es kann mit zahlreichen Erkrankungen zusammenhängen und sogar das Sterberisiko erhöhen.
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Wann ältere Menschen essen und warum das wichtig ist
Mit zunehmendem Alter verändern sich nicht nur Schlafgewohnheiten, sondern offenbar auch die Zeiten, zu denen Menschen essen. In der Forschung gibt es bislang kaum Langzeitdaten zur sogenannten Chronoernährung (auch: Chrononutrition) bei älteren Menschen – also der Frage, wann Mahlzeiten im Tagesverlauf eingenommen werden und welche Auswirkungen das hat.
In der kürzlich veröffentlichten Studie der University of Manchester wurde untersucht, wie sich die Zeiten der Mahlzeiten bei älteren Erwachsenen über Jahrzehnte hinweg verändern, welche Faktoren damit zusammenhängen – etwa Krankheiten, Schlafverhalten oder genetische Veranlagungen – und ob sich daraus Rückschlüsse auf die Lebenserwartung ziehen lassen.1
Daten von knapp 3000 Personen
Die Daten stammen aus der UMLCHA-Kohorte (University of Manchester Longitudinal Study of Cognition in Normal Healthy Old Age), einer laufenden Langzeitstudie mit 2945 älteren Erwachsenen aus dem Raum Manchester und Newcastle, die zwischen 1983 und 2017 wiederholt befragt wurden. Das durchschnittliche Alter zu Studienbeginn lag bei 64 Jahren, wobei die Altersspanne zwischen 42 und 94 Jahren lag. Die durchschnittliche Nachbeobachtungsdauer betrug 22 Jahre.
Die Teilnehmer gaben per Fragebogen bis zu fünfmal über mehrere Jahrzehnte hinweg Auskunft über ihre Essens- und Schlafgewohnheiten, Gesundheitszustand und Lebensstilfaktoren. Dabei wurden die genauen Uhrzeiten für Frühstück, Mittag- und Abendessen sowie Schlafenszeiten erfasst, um daraus weitere Variablen zu berechnen – etwa die Zeitspanne zwischen Aufstehen und Frühstück. Zusätzlich wurden Symptome aus 19 medizinischen Bereichen (z. B. Depression, Angst, Müdigkeit, Zahnprobleme) mithilfe eines standardisierten Fragebogens (Cornell Medical Index) dokumentiert. Für einen Teil der Teilnehmer lagen zudem genetische Daten vor, um Risikoprofile für den Abend-Chronotyp und Adipositas zu berechnen.
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Statistische Analyse
Statistisch wurde eine Kombination aus linearen Mischmodellen, latenter Klassenanalyse (zur Identifikation von Essmustern) und Cox-Regressionsmodellen (zur Analyse der Sterblichkeit) verwendet.
Was die Chronoernährung untersucht
„Die Chronobiologie erforscht die inneren biologischen Rhythmen des Körpers, sozusagen unsere innere Uhr. Dazu gehören etwa der Schlaf-Wach-Rhythmus oder der Hormonhaushalt im Tagesverlauf. Diese Abläufe folgen meist einem circa 24-Stunden-Takt, auch bekannt als zirkadianer Rhythmus. Die Chronoernährung überträgt dieses Wissen auf unsere Essgewohnheiten. Sie untersucht, wann wir essen – nicht nur was oder wie viel – und welche Auswirkungen das auf unseren Stoffwechsel und sogar das Risiko für Krankheiten hat. Dabei spielt auch der persönliche Chronotyp eine Rolle – also ob jemand eher ein Frühaufsteher (Lerche) oder ein Spättyp (Eule) ist. Diese genetisch mitgeprägten Unterschiede bestimmen, zu welchen Tageszeiten Körperfunktionen besonders aktiv oder träge sind.“
Im Alter gibt es zunehmend ein spätes Frühstück
Je älter wir werden, desto weniger eilig haben wir es offenbar zu frühstücken. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass sich mit zunehmendem Alter die Mahlzeiten nach hinten verschieben – vor allem das Frühstück. Pro Lebensjahrzehnt fand das Frühstück im Schnitt um etwa 2,89 Minuten später statt. Außerdem schmälerte sich das Essenszeitfenster, also der Zeitraum zwischen der ersten und der letzten Mahlzeit des Tages.
Die Studienautoren betonen insbesondere den Zusammenhang zwischen einem späteren Frühstück und gesundheitlichen Problemen. So frühstückten Menschen mit Depressionen, Angststörungen, Erschöpfung (Fatigue), schlechter Schlafqualität oder mehreren gleichzeitig bestehenden Krankheiten (Multimorbidität) signifikant später und aßen insgesamt in einem engeren Zeitfenster. Auch Schwierigkeiten bei der Essenszubereitung oder Probleme mit der Zahngesundheit wirkten sich auf die Essenszeiten aus.
Ein genetischer Abend-Chronotyp (also eine Veranlagung zu spätem Schlaf-Wach-Rhythmus) ging ebenfalls mit späteren Essenszeiten einher: Das Frühstück wanderte 7,2 Minuten weiter nach hinten. Ein genetisches Risiko für Adipositas zeigte hingegen keinen klaren Zusammenhang mit den Essenszeiten.
Wer früher isst, lebt länger
Ein wichtiger Befund: je später das Frühstück, desto höher das Sterberisiko. Pro Stunde Verzögerung des Frühstücks stieg das Sterberisiko (unter Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren) um acht Prozent. Personen mit generell späterem Essverhalten hatten zudem niedrigere Überlebensraten – zehn Jahre nach Beginn der Beobachtung lebten in der „Spätesser“-Gruppe noch 86,7 Prozent, in der „Frühesser“-Gruppe 89,5 Prozent.
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Wer zu dieser Tageszeit isst, nimmt eher an Gewicht zu
Frühstück als einfacher Indikator für Gesundheit?
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass sich das Timing der Mahlzeiten im Alter nicht nur verändert, sondern möglicherweise ein Frühindikator für gesundheitliche Probleme sein kann. Besonders die Zeit des Frühstücks scheint ein empfindlicher Marker zu sein: Wer im Alter später frühstückt, weist häufiger körperliche oder psychische Erkrankungen auf, die es der Person erschweren, Mahlzeiten zuzubereiten und zu essen, etwa Zahnprobleme oder fehlender Antrieb bei Depression. Auch genetische Faktoren spielen eine Rolle: Personen mit einer Veranlagung zum „Abendtyp“ neigen nicht nur zu späterem Schlaf, sondern auch zu späterem Essen. Das könnte helfen, individuelle Risiko- und Verhaltensprofile besser zu verstehen.
Die Studie legt nahe, dass eine einfache Alltagsbeobachtung – „Wann frühstücken Sie?“ – Medizinern Hinweise auf den Gesundheitsverlauf im Alter geben kann. Insbesondere im Kontext altersbedingter Appetitlosigkeit („Anorexie des Alters“) könnte das Frühstück ein relevanter Beobachtungspunkt sein.
Einordnung der Studie und Fazit
Die Studie zeigt erstmals langfristig, wie sich Mahlzeiten im Alter verschieben, primär das Frühstück wird später. Diese Veränderungen stehen im Zusammenhang mit psychischen und körperlichen Erkrankungen sowie einem erhöhten Sterberisiko. Damit könnten Essenszeiten, vor allem der Frühstückszeitpunkt, als früher Hinweis auf gesundheitliche Probleme im Alter dienen.
Zu den Stärken der Untersuchung zählen die große Teilnehmeranzahl, die lange Nachbeobachtung und die wiederholten Erhebungen. Auch genetische Veranlagungen wurden berücksichtigt. Allerdings basieren die Essenszeiten auf Selbstauskünften. Zudem wurden Snacks, die Nährstoffzusammensetzung der Mahlzeiten und die körperliche Aktivität nicht erfasst. Die Ergebnisse beruhen zudem auf älteren, gesunden britischen Erwachsenen und lassen sich nur bedingt auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen.
Trotz dieser Limitationen bietet die Studie wichtige Impulse für die Erforschung der Chronoernährung. Sie verdeutlicht, dass nicht nur die Frage nach dem „was essen wir“, sondern auch die nach dem „wann“ die Gesundheit im Alter beeinflusst.