6. August 2025, 19:52 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Es ist eine der ewigen Ernährungsfragen: Ist es besser, morgens und mittags mehr Kalorien aufzunehmen, oder spielt es keine Rolle, wenn man sie in der zweiten Tageshälfte und am Abend zu sich nimmt? Forscher haben nun herausgefunden, wie die Essenszeit und die genetische Veranlagung mit Adipositas zusammenhängen.
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Essenszeit und Adipositas-Risiko hängen zusammen
Aus früheren Studien geht hervor, dass sowohl die Essenszeit als auch genetische Faktoren jeweils für sich genommen das Risiko für Adipositas (Fettleibigkeit) erhöhen.1,2 Zudem wirken sich beide Faktoren negativ auf den Langzeiterfolg von Diäten beziehungsweise auf das Halten des Gewichts aus. Nun haben spanische Forscher erstmals untersucht, wie sich beide Faktoren gemeinsam auswirken und welche Wechselwirkungen sie haben.3 Das Ergebnis: Spätes Essen ist als Risikofaktor für Adipositas besonders ausgeprägt bei Personen mit einer höheren genetischen Veranlagung für Fettleibigkeit.
Probanden durchliefen 16-wöchiges Abnehmprogramm
Für die Untersuchung wurden 1.195 Probanden rekrutiert. Sie alle nahmen an der sogenannten ONTIME-Studie (Obesity, Nutrigenetics, Timing, and Mediterranean) teil. Die übergewichtigen Teilnehmer wurden in sechs verschiedenen Diätkliniken in Spanien behandelt. Das Abnehmprogramm dauerte jeweils 16 Wochen. Zwölf Jahre später hat man alle Probanden zu ihrem Abnehmeerfolg befragt.
Auch interessant: Das Durchschnittsalter der erwachsenen Studienteilnehmer betrug 41 Jahre. Rund 81 Prozent waren weiblich, 36 Prozent waren übergewichtig und 54 Prozent adipös. Dabei betrug der BMI der Probanden im Schnitt 31,3 kg/m².
24 Prozent konnten ihr Körpergewicht auch nach 12 Jahren noch halten
Außerdem hat man alle Teilnehmer zu ihren Essenzeiten befragt. Im Durchschnitt haben sie um 8:28 Uhr morgens gefrühstückt, um 14:33 Uhr zu Mittag und um 21:20 Uhr zu Abend gegessen. Der rechnerische Mittelpunkt der Mahlzeiten lag um 14:54 Uhr. Im Schnitt haben die Studienteilnehmer während des Abnehmprogramms 9,3 Prozent ihres Gewichts verloren. 23,9 Prozent der Teilnehmer konnten ihr Körpergewicht auch noch nach 12 Jahren halten.
Um die genetische Veranlagung für Adipositas zu bestimmen, wurden sogenannte polygenetische Risikowerte für den BMI (PRS-BMI) erhoben. Die Werte basieren auf der Kombination vieler genetischer Faktoren, die für sich genommen eine geringe Einzelwirkung haben. Hierfür analysierte man Genmarker, die mit dem BMI in Verbindung stehen. Ein höherer polygenetischer Risikowert für BMI deutet auf ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Adipositas hin.
Die spanischen Forscher berechneten den PRS-BMI basierend auf 900.492 Einzelnukleotid-Polymorphismen (genetischen Variationen) und bewerteten den Zeitpunkt der Mahlzeiten der Studienteilnehmer. Der Mittelpunkt der Essenszeit wurde als die Hälfte der Zeit zwischen der ersten und der letzten Mahlzeit des Tages berechnet. Faktoren wie Alter, Geschlecht, Klinikstandort und Abstammung wurden als Einflussfaktoren herausgerechnet.
Je später gegessen wurde, desto höher lag der BMI
Die Auswertung der Daten lieferte überraschende Ergebnisse. Mit jeder Stunde, die über dem Mittelpunkt der Mahlzeiten (14:33 Uhr) lag, stieg der BMI der Probanden um 0,952 kg/m². Das entspricht 2,2 Prozent mehr Gewicht 12 Jahre nach dem Klinikaufenthalt. Das bedeutet: Wer insgesamt später aß, insbesondere auch spät am Tag, hatte eher zugenommen. .
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Vor allem Menschen mit genetisch hohem Adipositas-Risiko betroffen
Besonders hoch war der Wert bei Probanden mit einem hohen genetischen Risiko für Übergewicht: Innerhalb des Tertils mit dem höchsten polygenen Risiko stieg der BMI um etwa 2,21 kg/m² mit jeder Stunde, die über dem Mittelpunkt der Mahlzeiten lag. Im Gegensatz dazu haben die Forscher in Gruppen mit geringerem genetischen Risiko keinen Zusammenhang zwischen Essenszeit und Gewichtszunahme gefunden.
Fazit und Einschränkungen der Studie
Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass späte Essenszeiten nicht nur mit Übergewicht, sondern auch mit einer erschwerten Gewichtsstabilisierung zusammenhängen. Vor allem in Verbindung mit einer genetischen Veranlagung für Adipositas erhöhen späte Mahlzeiten das Risiko für Übergewicht. Mit anderen Worten: Wer spät isst und genetisch vorbelastet ist, hat möglicherweise schlechtere Diätchancen.Die Forscher raten deshalb zu einer individuellen Adipositasbehandlung, bei der man sowohl die Essenszeiten als auch die genetischen Faktoren berücksichtigt.
Leider geht aus der Studie nicht hervor, wann der ideale Zeitpunkt für Mahlzeiten ist, um Übergewicht zu vermeiden. Auch eine Empfehlung, bis zu welcher Uhrzeit die meisten Kalorien aufgenommen werden sollten, geben die Forscher nicht. Sie weisen jedoch darauf hin, dass zukünftige Forschungsarbeiten genau diese Fragen klären sollten. So könnte man gezielte Ernährungsprogramme für Übergewichtige entwickeln, die sowohl den Faktor Essenszeit als auch den Faktor Genetik berücksichtigen, um Adipositas langfristig erfolgreich zu behandeln.