17. Juli 2026, 18:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Fingernägel könnten künftig mehr verraten als nur, ob jemand zur Maniküre geht oder heimlich knabbert. Denn sie speichern offenbar Informationen, die man ihnen nicht ansieht. Eine neue Studie der Hochschule Fulda zeigt: In den Nägeln finden sich Mineralstoffmuster, die Hinweise auf Ernährung, Supplemente und Lebensstil geben können.
Fingernägel verraten mehr, als man denkt
Fingernägel bestehen vor allem aus Keratin. Während sie wachsen, lagern sich darin Mineralstoffe, Spurenelemente und auch Schwermetalle ab. So entsteht eine Art biologische Sammlung, die nicht nur eine Momentaufnahme, sondern auch längerfristige Spuren aus Stoffwechsel, Ernährung und Umwelt abbildet.
Ein Team aus Wissenschaftlern der Fachbereiche Ökotrophologie, Informatik und Public Health untersuchte in der „Fulda NutriNAIL“-Studie, ob sich die Mineralstoffzusammensetzung der Fingernägel als nicht-invasive Methode für die Ernährungs- und Präventionsforschung eignet. In einer Pressemitteilung erklärt der leitende Studienautor Professor Dr. Marc Birringer: „Es gibt bislang nur wenig Forschung zum Mineralstoffgehalt als Biomarker für die Bewertung von Lebensstil und Ernährungsgewohnheiten.“ Bislang würden Nagelproben vor allem für toxikologische Untersuchungen auf Schwermetalle genutzt. „Wir dagegen wollten wissen, inwieweit sich diese auch für das Gesundheitsmonitoring einsetzen lassen.“1
184 Einwohner aus Fulda gaben ihre Fingernägel
Für die Studie wurden Fingernagelproben von 184 Personen aus Fulda analysiert. Die Teilnehmer waren zwischen 18 und 83 Jahre alt, das Durchschnittsalter lag bei 38,5 Jahren. Der Frauenanteil lag bei 77,7 Prozent.2
Die Probanden beantworteten Fragen zu Ernährung, Supplementen, ob Krankheiten oder bekannte Nährstoffmängel vorliegen, Medikamenten, Bewegung und Nagelveränderungen. Die Ernährungsgewohnheiten wurden dabei über einen Food-Frequency-Questionnaire erfasst – also einen Fragebogen, der abfragt, wie häufig bestimmte Lebensmittelgruppen in den vergangenen vier Wochen gegessen wurden.
Bei der Ernährungsform gaben 62,5 Prozent an, omnivor zu essen, Fleisch und andere tierische Produkte. 19,6 Prozent ernährten sich vegetarisch, 10,9 Prozent vegan, sieben Prozent pescetarisch.
Die Nagelproben wurden mittels ICP-MS analysiert. Das ist eine sehr empfindliche Labormethode, mit der mehrere Elemente gleichzeitig gemessen werden können. Untersucht wurden unter anderem Natrium, Kalium, Calcium, Magnesium, Eisen, Zink, Chrom und Selen.
Nägel speicherten messbare Mineralstoffmuster
Das auffälligste Ergebnis zeigte sich beim Spurenelement Selen. Personen, die Selenpräparate einnahmen, hatten im Schnitt 18,7 Prozent höhere Selenwerte in den Fingernägeln als Nicht-Nutzer. Dabei spielte auch die Ernährungsform eine Rolle. Besonders deutlich war der Unterschied bei der veganen Ernährung: Veganer hatten im Schnitt 11,1 Prozent niedrigere Selenwerte im Vergleich zu den Teilnehmern, die Fleisch und Fisch aßen. Das passt zu der Tatsache, dass in Deutschland vor allem tierische Produkte wie Fisch, Eier und Fleisch zu den relevanten Selenquellen gehören. Wer sich rein pflanzlich ernährt, muss die Versorgung deshalb genauer im Blick behalten. Gute pflanzliche Quellen sind Paranüsse, Kohlgemüse wie Brokkoli oder Weißkohl, Zwiebeln, Knoblauch, Pilze, Spargel und Hülsenfrüchte.3 Überraschend war zudem, dass Personen mit Schilddrüsenerkrankungen signifikant höhere Selenwerte (plus 10,5 Prozent) aufwiesen – ein Punkt, den die Forscher in künftigen Studien noch genauer untersuchen wollen.
Auch die Zusammenhänge zwischen der Nagelstruktur und Mineralstoffen waren interessant. Brüchige Nägel gingen in der Studie mit niedrigeren Kaliumwerten einher. Längsrillen waren mit niedrigeren Natrium- und Kaliumwerten verbunden. Weiße Flecken zeigten sich bei Personen mit niedrigeren Chromwerten. Daraus lässt sich aber noch nicht ableiten, dass weiße Flecken automatisch auf Chrommangel oder brüchige Nägel auf Kaliummangel hinweisen. Die Studie zeigt zunächst nur Zusammenhänge.
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Was die Studie zeigt – und was nicht
Die Studie zeigt, dass Fingernägel messbare Mineralstoffmuster speichern können und diese zumindest teilweise mit Ernährung und Supplementeinnahme zusammenhängen. Besonders überzeugend ist das beim Selen, weil die Nagelwerte sowohl mit Selenpräparaten als auch mit der Ernährungsform variierten. Für die Forschung ist das spannend, da Nagelproben einfach, schmerzfrei und kostengünstig gewonnen werden können und langfristige Spuren besser abbilden als eine reine Momentaufnahme.
Noch ist die Methode aber nicht als Diagnosetest geeignet. Die Studie war nicht repräsentativ, da unter den Teilnehmern überdurchschnittlich viele Frauen, Vegetarier, Veganer und Supplement-Nutzer waren. Außerdem geben die Studienautoren an, dass der Ernährungsfragebogen nicht validiert wurde und die Nagelwerte nicht mit etablierten Blutmarkern verglichen wurden. Aus einem Nagelwert lässt sich aktuell noch nicht zuverlässig ableiten, ob jemand tatsächlich einen klinisch relevanten Mangel hat.
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Mein Blick als Ernährungsexpertin
Ich finde die Studie vor allem mit Blick auf Selen interessant, da es für die Selenzufuhr in Deutschland keine aktuellen Daten gibt. Schätzungen zufolge wird die empfohlene tägliche Zufuhr von 60 Mikrogramm (Frauen) bzw. 70 Mikrogramm (Männer) jedoch teilweise unterschritten.
Die Studienergebnisse sollen Sie im Alltag aber nicht dazu ermutigen, bei Flecken oder brüchigen Nägeln direkt zu Nahrungsergänzungsmitteln zu greifen. Solche Veränderungen können viele Ursachen haben. Wer einen Mangel vermutet, sollte ihn ärztlich abklären lassen.