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Neuer Gentest

Adipositas-Risiko kann offenbar schon bei Kindern genetisch erkannt werden

Kind Gewicht
Schon als Kind wissen, ob man später leicht zunimmt? Ein Gentest könnte genau das möglich machen. Foto: Getty Images
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29. Juli 2025, 13:28 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Eine neue Mega-Studie mit Daten von über fünf Millionen Menschen aus aller Welt zeigt: Ein genetischer Test – ein sogenannter polygener Risiko-Score – kann erstaunlich früh Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Übergewicht liefern. Schon bei Kleinkindern ist ein Zusammenhang sichtbar. Doch: Der Test funktioniert nicht bei allen Bevölkerungsgruppen gleich gut.

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Worum geht es in der Studie?

Übergewicht beginnt häufig bereits in der Kindheit – und bleibt meist auch im Erwachsenenalter bestehen. Die Forschenden wollten herausfinden, ob man mit einem genetischen Test frühzeitig erkennen kann, wer ein besonders hohes Risiko für Adipositas hat, also starkes Übergewicht.1 Dafür entwickelten sie einen sogenannten polygenetischen Risiko-Score, kurz PGS.

Was ist ein polygenetischer Risiko-Score?

Ein polygenetischer Score (PGS) fasst viele kleine genetische Unterschiede im Erbgut zu einem einzigen Wert zusammen. Für sich genommen haben diese Unterschiede nur wenig Einfluss – gemeinsam zeigen sie aber, wie hoch das erbliche Risiko für eine bestimmte Eigenschaft ist, etwa für Übergewicht.2

Was wurde genau gemacht?

Das Team analysierte genetische Daten von mehr als 5,1 Millionen Menschen weltweit. Dabei wurden Teilnehmer verschiedener Herkunft berücksichtigt: europäisch, afrikanisch, ostasiatisch, südasiatisch und amerikanisch. Aus diesen Daten entwickelten die Wissenschaftler sowohl auf einzelne Bevölkerungsgruppen zugeschnittene als auch übergreifende, also multiethnische, Risiko-Scores. Diese neuen Scores wurden dann getestet: Wie gut sagen sie den Body-Mass-Index (BMI) in verschiedenen Altersgruppen voraus? Und wie hilfreich sind sie, um spätere Gewichtszunahme oder Erfolg in Abnehmprogrammen vorherzusagen?

Der getestete polygener Risiko-Score

Um den genetischen Risiko-Score zu entwickeln, nutzten die Forscher moderne Rechenmethoden, mit denen sich die Wirkung von Millionen genetischer Varianten gleichzeitig auswerten lässt. Für verschiedene Bevölkerungsgruppen – z. B. europäisch, afrikanisch oder asiatisch – wurden zunächst eigene Risikowerte erstellt. Anschließend kombinierten die Forscher diese zu einem gemeinsamen Score, der bei möglichst vielen Menschen funktioniert – unabhängig von ihrer Herkunft. Grundlage waren riesige Datensätze aus früheren genetischen Studien, sogenannte GWAS, in denen bereits Zusammenhänge zwischen Genen und Körpergewicht untersucht wurden.

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Was kam dabei heraus?

Am besten funktionierte der neue Score bei Erwachsenen europäischer Herkunft: Dort konnte er 17,6 Prozent der Unterschiede im BMI erklären. Zum Vergleich: Ein bisher häufig genutzter Score erreichte nur etwa 8,5 Prozent. In anderen Gruppen war die Vorhersagekraft geringer – zum Beispiel nur 2,2 Prozent bei Menschen in ländlichen Regionen Ugandas.

Adipositas bei Kindern: Genetisches Risiko zeigt sich schon ab dem Kleinkindalter

Auch bei Kindern zeigte sich ein klarer Zusammenhang: Ab etwa 2,5 Jahren nahmen Kinder mit einem hohen genetischen Risiko deutlich schneller an Gewicht zu. Sie hatten auch häufiger einen frühen sogenannten Adipositas-Rebound. Darunter versteht man den Zeitpunkt, an dem der BMI nach einem natürlichen Absinken im Kleinkindalter wieder ansteigt. Ein sehr früher Rebound (vor dem vierten Lebensjahr) gilt als Risikofaktor für späteres Übergewicht. Der neue Score verdoppelte ab einem Alter von etwa acht Jahren die Vorhersagekraft gegenüber klassischen Geburtsdaten wie Geburtsgewicht oder Gewicht der Mutter.

Welche Bedeutung hat der Score im Erwachsenenalter?

Auch bei Erwachsenen zeigte der Score deutliche Effekte: Menschen mit einem hohen genetischen Risiko nahmen zwischen dem 20. und dem 50. Lebensjahr durchschnittlich mehr zu – Frauen stärker als Männer.

Überraschend: In Programmen zur Gewichtsreduktion – sogenannten „intensiven Lebensstilinterventionen“ – verloren Menschen mit einem hohen genetischen Risiko im ersten Jahr sogar etwas mehr Gewicht als andere (durchschnittlich 0,55 Kilogramm pro genetischer Risikoeinheit). Allerdings nahmen sie danach auch häufiger wieder zu.

Was bedeutet das für die Praxis?

Der genetische Risikowert könnte künftig eine wertvolle Hilfe in der Prävention von Übergewicht sein – besonders bei Kindern. Gerade in den ersten Lebensjahren, wenn der BMI noch wenig über die Zukunft aussagt, kann der Score das Risiko wesentlich besser einschätzen.

Auch bei Erwachsenen lässt sich mit dem Score frühzeitig erkennen, wer langfristig ein erhöhtes Risiko für Übergewicht hat – oft Jahre oder sogar Jahrzehnte, bevor das Gewicht tatsächlich steigt.

Doch es gibt eine Einschränkung: Der Score funktioniert nicht in allen Bevölkerungsgruppen gleich gut. Besonders bei Menschen afrikanischer Herkunft ist die Aussagekraft aktuell deutlich geringer. Das liegt daran, dass sie in bisherigen genetischen Studien deutlich unterrepräsentiert sind. Hier besteht dringender Forschungsbedarf, um die Aussagekraft zu verbessern und gesundheitliche Ungleichheiten zu vermeiden.

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Einordnung und offene Fragen

Die Studie ist die bisher größte ihrer Art und kombiniert modernste Analyseverfahren mit einer riesigen Datenbasis. Sie deckt alle Altersgruppen ab – von der Geburt bis ins mittlere Erwachsenenalter – und erlaubt erstmals systematische Vergleiche zwischen ethnischen Gruppen.

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse bleiben Fragen offen:

  • Der polygener Risiko-Score ist äußerst komplex: Wie genau soll der Score in der Praxis eingesetzt werden?
  • Ab wann gilt jemand als „hoch gefährdet“?
  • Wie erklärt man den Wert Eltern oder Betroffenen – ohne zu verunsichern oder zu stigmatisieren?

Fazit

Die Studie zeigt: Genetische Risikowerte können helfen, Übergewicht frühzeitig zu erkennen – besonders im Kindesalter. Der neue Risiko-Score ist deutlich besser als bisherige Modelle und liefert schon bei Kleinkindern wichtige Hinweise. Für eine breite Anwendung muss die Aussagekraft jedoch für alle Bevölkerungsgruppen verbessert werden. Richtig eingesetzt könnte der Score ein nützliches Werkzeug für die personalisierte Gesundheitsvorsorge werden.

Quellen

  1. Smit, RAJ., Wade, KH., Hui, Q. et al. (2025). Polygenic prediction of body mass index and obesity through the life course and across ancestries. Nat Med. ↩︎
  2. PGS Catalog. The Polygenic Score (PGS) Catalog. (aufgerufen am 29.07.2025) ↩︎

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