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Was genau ist eigentlich Waldbaden – und wie funktioniert es?

Bereits in den 80er-Jahren entdeckten japanische Wissenschaftler die heilende Kraft des Waldes. Heute ist „Forest Medicine“ ein eigener, medizinischer Forschungszweig. „Waldbaden“ oder im Original „Shinrin Yoku“ lautet die Therapie dazu. Unsere Autorin hat sich selbst auf Waldtauchgang begeben.

Waldbaden – das klingt nach Erholung, Abschalten, ja im wahrsten Sinne nach: BAUMeln lassen. Und das ist es auch. Mit in den See hüpfen hat das übrigens nichts zu tun. Tatsächlich handelt es sich um eine besondere Therapieform. Welchen Einfluss der Wald auf den menschlichen Körper und damit auf sein Wohlbefinden hat, dem ist die Wissenschaft erst seit Kurzem auf der Spur. Und je mehr sie herausfindet, als desto erstaunlicher entpuppen sich seine heilenden Eigenschaften.

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Welche das sind, lässt sich bereits mit einem „Waldtauchgang“ erfahren. Das möchte ich unbedingt, deshalb treffe ich Pia Hötzl, Glückslehrerin, Heilpraktikerin und professionelle „Waldbademeisterin“ mit eigener Waldpraxis im brandenburgischen Basdorf bei Wandlitz. „Unser Gehirn fühlt sich im Wald zuhause, weil es darauf ausgelegt ist, viel Grün und ungleichmäßige Muster, also dichtes Blätterwerk zu sehen. Auf die gerade, graue Architektur in den Städten ist es evololutionstechnisch gar nicht eingestellt. Erst recht nicht auf Smartphones und den modernen Stress“, erklärt sie, während wir den Wald betreten.

Pia entdeckt eine Blindschleiche, ich wäre vorbeigegangen

Manche Bäume hier sind 300 Jahre und älter. Mit ihnen leben dort Rehe, Wildschweine, Hasen, Dachse, Blindschleichen sowie unzählige Vogel- und Insektenarten. Zwischen den grünen und teilweise schon herbstbunten Blättern funkelt die Vormittagssonne. Pia entdeckt einen Tausendfüßler, der von Ameisen umständlich abgeschleppt wird, eine Blindschleiche, die erschrocken den Kopf in den Sand steckt, eine kleine, blau-weiß gestreifte Feder im Moos. Ich hätte das alles nicht gesehen und wäre achtlos vorbeigegangen. Wieder mehr wahrnehmen können – auch das soll ein Waldbad bewirken.

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An meinem Tauchplatz soll ich mir etwas Bestimmtes vorstellen

Nach einigen Minuten gemütlichen Schlendern kommen wir an eine mit Kiefern, Buchen und dicht bemooste Stelle. Ein herrlich schönes Stück Brandenburger Postkarten-Wald. Dies soll mein Tauchplatz sein. „Stell dir vor du bist ein Kind und zum ersten Mal im Wald. Staune, schaue dir alles ganz genau an, fühle, rieche, höre genau hin. Sei langsam dabei“, sagt die Waldtherapeutin. Dann geht es los. Ich grabe mit den Händen in den moosigen Boden, rieche den typisch erdigen Geruch, fühle die Weichheit der Blätter, erkenne in ihren feinen Maserungen abstrakte Bilder.

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Behutsam taste ich mich Schritt für Schritt weiter, blicke hoch in die ächzenden Baumkronen, zerbrösele morsches Holz, finde Spinnennetze auf einmal schön und genial, genau wie den klumpigen, rotbraunen Baumpilz. Ganz schön viel los hier! Immer mehr Details fallen mit auf. Ich bin so tief in die Waldwelt eingetaucht, dass ich mich selbst dabei völlig vergesse. Das Gedankenkarussell stoppt, ich bin ganz im Hier und Jetzt. Als ich nach einer halben Stunde wieder auftauche, fühle ich mich richtig energiegeladen. Und ja, glücklich!

Stresshormone werden zurückgefahren, der Blutdruck sinkt

Ein medizinischer Check, sagt Pia Hötzl, würde jetzt ergeben, dass mein Blutdruck sich reguliert hat, das Stresshormon-Level deutlich gesunken ist, der Anteil der Endorphine dagegen deutlich gestiegen ist. Gleichzeitig weise das Immunsystem einen höheren Anteil krebshemmender Killerzellen auf. Wie kommt das? „Du hast dich mit dem Wald verbunden“, erklärt Pia.

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Und was sie dann erzählt, klingt ziemlich unglaublich: Als in Japan Professor Quing Li in den 80er-Jahren den Forschungszweig „Forest Medicine“ ins Leben rief, habe man herausgefunden, dass Bäume über chemische Botenstoffe, sogenannte Terpene miteinander „sprechen“. Sie teilen anderen Pflanzen und Pilzen mit, wo gerade ein Schädling hochkrabbelt, wodurch sie ungenießbare Substanzen in die Blätter pumpen. Durch die Terpene versorgen und beschützen die großen Bäume auch ihren Nachwuchs. Und genau diese chemischen Stoffe würden durch die Lungen in unsere Körper eindringen und beginnen, dort zu wirken.

Das menschliche Immunsystem spricht waldisch

„Das menschliche Immunsystem und der Hormonhaushalt sprechen genau genommen waldisch, wir kommunizieren unterbewusst mit den Bäumen.“ Hört sich esoterisch an, ist es aber nicht, denn dieser Effekt sei physikalisch messbar. Tatsächlich ist das Eingeklinktsein in das chemische Waldgeplapper unser Urzustand. Andere würden es als ein Gefühl, Teil des großen Ganzen zu sein, beschreiben. Kein Wunder, dass jeder Mensch sich nach Natur sehnt. Denn Biophilia –  die Liebe zum Lebendigen – ist angeboren. Wird der Sehnsucht nachgegangen, entsteht Glück. Und wer glücklich ist, ist weniger anfällig für Krankheiten.

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In Japan wird Waldbaden als Therapie verordnet

In Japan wird Shinrin Yoku, wie Waldbaden dort heißt, jährlich fünf Millionen gestressten Großstädtern als medizinische Therapie verordnet. Hierzulande steckt das Konzept noch in den Kinderschuhen, findet aber immer mehr Anhänger. Die Deutschen haben nicht erst seit den Märchen der Gebrüder Grimm eine besondere Beziehung zu ihrem Wald. Und sie sind zu Recht aufgebracht, wenn es ihm an den Kragen geht.

Damit es funktioniert, muss man sich einlassen können

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Pia Hötzl ist Glückslehrerin, Coach und Heilpraktikerin für Psychologie und bietet regelmäßig geführte Waldtauchgänge für Erwachsene und Kinder an. In Gruppen oder als Einzeltermin. Auf Wunsch können dabei auch bestimmte Themen während der Walderfahrung psychotherapeutisch begleitet werden. Infos, Termine und Anmeldung unter www.waldpraxis.de

 

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