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Zen-Mönch Haemin Sunim

Es gibt eine Übung, die in einer Minute glücklicher macht

Haemin Sunim (43) ist buddhistischer Mönch und berühmt für seine Botschaften
Haemin Sunim (43) ist buddhistischer Mönch und berühmt für seine Botschaften
Foto: Joerg Schulz

Das Glück, sagt Haemin Sunim, kommt erst zu uns, wenn wir es loslassen und langsamer werden. Der 45-Jährige ist einer der erfolgreichsten Lehrer des Zen-Buddhismus in Südkorea und besteht darauf, dass die Zeit, glücklich zu sein, nicht irgendwann in der Zukunft liegt, sondern im Hier und Jetzt. Eine einfache Übung soll dabei helfen.

Gelassen, eingehüllt in ein Ordensgewand aus dünnem Stoff mit großer Schleife auf dem Bauch und weiten Ärmeln betritt Bestsellerautor Haemin Sunim („Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“, Scorpio Verlag) den überfüllten Saal. Alles, was er trägt, hat die Farbe Grau. Dem Zen-Meister, der in Harvard studiert hat, nimmt das nicht die Leuchtkraft. Im Gegenteil, er strahlt wie das Glück höchstpersönlich. Mit einer tiefen Verbeugung verbeugt sich Sunim vor seinem erwartungsvollen Publikum, unter das auch ich mich spontan gemischt habe. Willkommen beim Vortrag des Zen-Meisters in Berlin.

Verlangsamung als effektivster Weg zum Glück

„Was uns glücklich macht, ist die Aufmerksamkeit, mit der wir etwas tun“, kommt dieser sofort zur Sache. Das Problem aus seiner Sicht: Meistens sind wir dafür im falschen Modus. „Uns gestressten Menschen ist der Aktivitäts-Modus besonders vertraut“, sagt Sunim. Wir seien es gewohnt, ein Projekt nach dem anderen anzupacken. Wir wollen etwas Gebacken kriegen, Probleme lösen. „In diesem Modus sind wir mit den Gedanken immer in der Zukunft.“

Als Beispiel nennt er einen Gedanken, der vielen vertraut sein dürfte: Wenn ich dies oder jenes erledigt habe, bin ich glücklich. Wenn ich mir etwas gekauft habe, bin ich glücklich. Der Tag, an dem ich heirate, wird der glücklichste meines Lebens …  Doch so laufe es eben nicht. Glücklich sein in der Zukunft geht nicht. „Es funktioniert nur im Hier und Jetzt.“

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Wie man es schafft, die eigenen Gedanken zu genießen

Als besonders wichtige Voraussetzung nennt er die Fähigkeit, sich Zeit zu nehmen. „Seien sie selektiv, genießen Sie die eigenen Gedanken!“ Es geht also darum, die Aufmerksamkeit nach innen zu richten. Vom Aktivitäts- in den Seins-Modus wechseln, nennt der Meister diesen Schritt. Dort angekommen, geschehen laut Sunim drei Dinge: „Unser Denken verlangsamt sich, wir erleben Wahrnehmung und wir fühlen uns mit anderen verbunden und entspannen.“

Ich finde, das klingt ein bisschen nach Kalenderspruch – andererseits: ziemlich toll! Was Sunim predigt, ist im Wesentlichen nichts anderes als die Bedeutung von Achtsamkeit: Buddhismus für absolute Einsteiger.

Sunim ist aber nicht nur Theoretiker. Er zeigt uns an diesem Abend eine simple Übung, mit der man das Erreichen des Seins-Modus – zumindest kurzfristig – ein wenig beschleunigen kann. Was Sie dafür brauchen: ein bis zwei Minuten Zeit und ein bequemes Plätzchen.

So geht die Atemübung, die in einer Minute glücklicher macht

1. Sitzen Sie bequem? Dann schließen Sie die Augen.
2. Lassen Sie die Schultern ein paar Mal schnell in beide Richtungen kreisen.
3. Strecken Sie jetzt die Arme nach oben und lassen sie sie fallen. Wiederholen Sie das ein paar Mal.
4. Atmen Sie anschließend mit geschlossenen Augen sechs bis sieben Mal ganz tief ein und aus.
5. Legen Sie die rechte Hand in Herzhöhe auf die linke Brust und sprechen Sie die folgenden Sätze vor sich hin. Wichtig sei laut Sunim, sie auch wirklich auszusprechen. Vielleicht schaffen Sie es ja mit einem Lächeln? (Sie können das natürlich auch auf Deutsch tun):

„May I be healthy.“ (Ich kann gesund sein.)
„May I be happy.“ (Ich kann glücklich sein.)
„May I be peaceful.“ (Ich kann friedlich sein.)
„May I be protected.“ (Ich kann mich beschützt fühlen.)
„May I be loved.“ (Ich kann mich geliebt fühlen.)

6. Danach öffnen Sie Ihre Augen und fokussieren sich auf Ihre Wahrnehmung.

„Das ist der Seins-Modus!“

„Denkt ihr jetzt an etwas?“, fragt Sunim in den Raum, nachdem alle die sechs Schritte der Übung gemeinsam mit ihm ausgeführt haben. Schweigen. Leises Murmeln. Irgendwann ein paar Ausrufe: „Nein!“„Seht ihr!“, antwortet Sunim. „Aber ihr nehmt alles um euch herum wahr, stimmt’s?“ Bestätigendes Murmeln aus der Tiefe des Raums. „Das ist der Seins-Modus“, erklärt Sunim. Ein glücklicher Moment also. Und es hat gerade mal eine Minute gedauert, ihn herbeizuführen.

So erlebte ich die Übung

Das alles mag albern klingen – ist es aber nicht. Wenn Sie es nicht schon selbst erlebt haben, bleibt Ihnen ohnehin nichts übrig, als dem Bericht der Autorin dieser Zeilen zu trauen: Der Kopf wie ausradiert, unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Gleichzeitig wirkt alles weit und hell und greifbar, offenbar sind ein paar Sinne voll auf Empfang. Im Bauch breitet sich ein wach-wohliges Gefühl aus, das man vielleicht am besten als starke Aufmerksamkeit beschreiben kann. Leider verschwindet es viel zu schnell.

In seinem Buch „Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst“, lehrt Haemin Sunim (43), wie man Achtsamkeit lebtHarvard-Absolvent Haemin Sunim (43) lehrt, wie man Achtsamkeit lebt / Foto: Joerg Schulz

Weitere Schlüssel für Glücksempfinden

Sunim zufolge funktioniert das mit dem Seins-Modus auch, wenn wir lieben oder genießen: „Was wir wahrnehmen, wenn wir beispielsweise unser Kind beim Schlafen betrachten. Wenn wir einen schönen Menschen sehen. Oder ein Essen bewusst langsam genießen.“ Es sei nie die Aktivität, die glücklich mache, sondern „die Aufmerksamkeit, die uns erlaubt, dabei Freude zu empfinden“.

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Wie führe ich eine gute Beziehung?

Sunim vergleicht es mit dem Sitzen an einem Feuer: „Tut man es zu lange und zu nah, herrscht Verbrennungsgefahr.“ Entsprechend liege der Schlüssel darin – was wir alle schon x-mal gehört haben –, die richtige Balance zu finden. Sunim gibt dazu noch folgenden Gedankenanstoß: „Derjenige, der dir heute das Leben schwer gemacht hat, könnte ein gut getarnter Lehrer sein, der vom Himmel mit der Aufgabe geschickt wurde, für dein spirituelles Wachstum zu sorgen!“

Wie verbanne ich Stress?

Wer sich chronisch gestresst fühlt, dem empfiehlt Sunim, alles, was ihn stresst, auch Kleinigkeiten, auf ein Blatt Papier zu schreiben. „Die Stressauslöser sind jetzt auf ein Blatt Papier gebannt, fern von deinem Geist. Entspann dich heute Abend und sag dir, dass du die Liste morgen Punkt für Punkt durchgehen wirst.“ Am nächsten Tag, garantiert Sunim, werden Geist und Körper bereit sein.

Wie werde ich negative Gefühle los?

Was wohl jeder kennt, wenn ein negatives Gefühl aufkommt: Man versucht reflexhaft, es unter Kontrolle zu bringen, um nicht von ihm überwältigt zu werden. Was kann man dagegen tun?, will ich von ihm wissen. „Der Schlüssel besteht darin, zu erkennen, dass negative Emotionen nicht dauerhaft sind“, antwortet er nach kurzer Überlegung. Was dabei helfe:

1. Ruhig beobachten, bis die Energie sich in etwas anderes verwandelt hat.
2. Die Benennung vom Gefühl „abschälen“: Sich nicht an Begriffen wie Wut, Hass und Eifersucht festhalten.

Können Sie sich vorstellen, den einen oder andere Tipp von Haemin Sunim in Ihrem Leben zu beherzigen? Haben Sie vielleicht schon Erfahrung mit der Glücklich-Übung gemacht? Oder möchten uns mitteilen, wie es Ihnen gelungen ist, ein richtig fieses Gefühl als vorbeiziehende Wolke zu betrachten? Schreiben Sie uns doch gerne an info@fitbook.de. Wir freuen uns!

Haemin Sunim wurde in Daejong, Südkorea, geboren und wanderte später in die USA aus. Er studierte vergleichende Religionswissenschaft und Psychologie in Berkeley, Harvard und Princeton. Um sich ganz dem Buddhismus zu widmen, kehrte er nach Korea zurück. Heute lebt er in Seoul, schreibt extrem erfolgreiche Bücher und hält Vorträge. Seine Lebensweisheiten verbreitet er auch eifrig über Twitter. Dort folgen ihm 1,2 Mio. Menschen.