8. Juni 2026, 18:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Schlafmangel kann die Konzentration schwächen, reizbar machen und die Reaktionszeit beeinflussen. Das kann nicht nur Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen und die Produktivität im Job haben, sondern besonders im Straßenverkehr gefährlich werden. Stichwort: Sekundenschlaf. Jetzt haben Forscher offenbar eine Möglichkeit gefunden, wie man testen kann, ob der Schlafmangel bereits eine körperlich kritische Grenze erreicht hat. Sie wiesen mit dem Schlaf verbundene Biomarker im Speichel nach. Kommt also bald der Speicheltest, der das Risiko für einen bevorstehenden Sekundenschlaf aufzeigen kann?
Lässt sich ein Stoffwechselprodukt (Metabolit) finden, das sich durch Schlafmangel verändert? Und wenn ja, ist dieses im Speichel messbar? Antworten auf diese Fragen haben Forscher der Universität Zürich in der Schweiz gesucht – und offenbar auch gefunden.
Die Studie
Das Forschungsteam um Thomas Krämer rekrutierte für seine Studie 20 junge und gesunde Männer im Alter von 20 bis 33 Jahren (Durchschnittsalter: 24 Jahre).1 Alle Teilnehmer schliefen üblicherweise zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht.
Untersucht wurde die Stoffwechselzusammensetzung im Speichel nach drei verschiedenen Schlafszenarien, die jeder Teilnehmer in zufälliger Reihenfolge durchlief. Zwischen den einzelnen Bedingungen lag jeweils eine Woche Abstand. Die drei Szenarien waren:
- Schlafentzug: eine komplette Nacht ohne Schlaf.
- Schlafrestriktion: vier Nächte mit jeweils zwei Stunden weniger Schlaf als gewöhnlich.
- Ausgeruhter Zustand: etwa acht Stunden Schlaf.
Vor und nach jeder Schlafbedingung entnahmen die Forscher Speichelproben. Anschließend analysierten sie die darin enthaltenen Metaboliten. Bei den Metaboliten handelt es sich um die zuvor erwähnten Stoffwechselprodukte, die bei chemischen Prozessen im Körper entstehen und Hinweise auf den aktuellen körperlichen Zustand einer Person geben können – in diesem Fall womöglich über Ausgeruhtsein oder Erschöpfung.
Mithilfe statistischer Verfahren verglichen die Wissenschaftler die Stoffwechselprofile der verschiedenen Zustände miteinander. Darüber hinaus entwickelten sie ein Modell des maschinellen Lernens. Solche Modelle erkennen Muster in großen Datensätzen und können auf dieser Grundlage Vorhersagen treffen. Das Modell wurde mit den Speicheldaten trainiert, um zu prüfen, ob sich anhand der gemessenen Metaboliten erkennen lässt, ob eine Person akut schlafentzogen ist oder nicht.
Schlafmangel hinterlässt einen biologischen „Fingerabdruck“
Die Analysen zeigten deutliche Unterschiede zwischen dem ausgeruhten Zustand und einer Nacht vollständigen Schlafentzugs. Die Forscher identifizierten insgesamt rund ein Dutzend molekulare Unterschiede in den Speichelproben der Teilnehmer, wenn sie eine komplette Nacht ohne Schlaf auskommen mussten. Anders sah es bei der Schlafrestriktion aus. Obwohl die Teilnehmer über vier Nächte hinweg jeweils zwei Stunden weniger schliefen als üblich, fanden die Wissenschaftler keine statistisch signifikanten Stoffwechselunterschiede im Vergleich zum ausgeruhten Zustand. Das lässt darauf schließen, dass großer Schlafmangel bzw. starke Müdigkeit – wie im Fall einer komplett schlaflosen Nacht – messbare Spuren hinterlässt. Moderater Schlafmangel wie in einer „kürzeren“ Nacht lässt sich dagegen wohl nicht verlässlich im Speichel nachweisen.
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Speicheltest, der zeigt, wie müde der Körper ist
Auf Basis der veränderten Stoffwechselprodukte entwickelten die Forscher ein Vorhersagemodell. Dieses Modell konnte Speichelproben von schlafentzogenen Personen mit einer Trefferquote von 94 Prozent korrekt identifizieren.
Interessant: Das Modell machte auch einige Fehlklassifikationen. Nach Einschätzung der Autoren könnten individuelle Unterschiede im Stoffwechsel dafür verantwortlich sein. Die Daten deuteten darauf hin, dass manche Teilnehmer selbst nach einer anschließenden Nacht mit acht Stunden Schlaf nicht vollständig zu ihrem ursprünglichen Stoffwechselprofil zurückkehrten. Dies könnte bedeuten, dass acht Stunden Schlaf nach einem längeren Wachzustand nicht für jeden Menschen ausreichen, um sämtliche biologischen Folgen des Schlafmangels vollständig rückgängig zu machen.
Besonders gut funktionierte der Test übrigens in den Morgenstunden – am späten Abend wurde es für den Algorithmus schwieriger, die Müdigkeitsspuren eindeutig zuzuordnen.
Insgesamt sprechen die Ergebnisse dafür, dass Schlafentzug einen charakteristischen metabolischen „Fingerabdruck“ im Speichel hinterlässt, der sich tatsächlich nachweisen lässt.
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Bedeutung der Ergebnisse
Bisher beruhen Einschätzungen von Müdigkeit häufig auf Selbstauskünften, Beobachtungen oder Leistungstests. Die vorliegende Studie zeigt, dass ein objektives, nicht-invasives Verfahren wie ein Speicheltest Informationen über akute Auswirkungen von Schlafmangel liefern kann. Das Verfahren könnte in der Schlafmedizin und Schlafforschung Anwendung finden oder – weitergedacht – im Straßenverkehr. Womöglich gesellt sich bei einer Polizeikontrolle irgendwann zum Alkoholtest auch ein Schlaf-Speichel-Test. Wobei dies mit dem aktuellen Modell wohl noch nicht verlässlich umsetzbar wäre, da der Test die Müdigkeit je nach Tageszeit unterschiedlich gut einordnete.
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Einordnung der Studie
Bevor es so weit ist, ist weitere Forschung notwendig. Denn eine wichtige Einschränkung der Aussagekraft der Studie ist die geringe Teilnehmeranzahl von lediglich 20 Männern. Auch von Diversität kann keine Rede sein, weder was Alter und Geschlecht noch was Herkunft und generellen Gesundheitszustand betrifft. Weitere Untersuchungen müssen erst noch zeigen, ob die Studienergebnisse auch auf Frauen, ältere Menschen und kranke Personen übertragbar sind.
Zudem wurden nur die akuten Auswirkungen von wenigen Tagen Schlafmangel oder einer Nacht Schlafentzug untersucht. Offen bleibt, ob sich auch Auswirkungen chronischen Schlafmangels – etwa aufgrund von Insomnie – im Speichel nachweisen ließen und wie genau die Messung in diesem Fall wäre.
Die Stärke der Studie besteht aber darin, dass sie sich nicht auf Daten früherer Untersuchungen verließ, sondern selbst unter kontrollierten Bedingungen Daten erhob und auswertete und dabei verschiedene Schlafszenarien differenziert betrachtete. Die molekularen Unterschiede, die entdeckt wurden, bilden eine gute Basis für weitere Forschung bis zur möglichen Entwicklung eines verlässlichen Speicheltests.
Effekt von Schlafmangel ist individuell
„Ich finde die Studie sehr spannend, weil sie messbare Nachweise dafür liefert, dass Schlafmangel körperliche Spuren hinterlässt – und zwar nicht erst, wenn er chronisch geworden ist. Die Untersuchung unterstreicht einmal mehr die große Bedeutung von Schlaf für unsere Gesundheit. Dass man daraus einen verlässlichen Test entwickeln kann, der z. B. von der Polizei angewendet werden kann, sehe ich jedoch nicht. Die Studie liefert nämlich eben Hinweise darauf, dass ein Test dafür nicht verlässlich genug wäre. Generell sind Schlafmangel und dessen Effekt nicht mit einer mathematischen Rechnung zu vergleichen, bei der am Ende immer dasselbe Ergebnis herauskommt.
Wie viel Schlaf eine Person wirklich braucht und wie sich Schlafmangel oder -entzug tatsächlich auswirken, ist sehr individuell. So könnte ich mir auch vorstellen, dass der Speicheltest bei einer Person zwar ‚Müdigkeit‘ aufgrund von gemessenen Biomarkern anschlagen würde, die Person aber dennoch sehr konzentriert und wach agieren könnte. Bei einem anderen Menschen misst ein solcher Test vielleicht keine Müdigkeit. Er reagiert aber empfindlicher auf weniger Schlaf und könnte dennoch kognitive Einschränkungen spüren.“