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Einsamkeit kann laut Studie in bestimmten Fällen lebensbedrohlich werden

Einsamkeit kann lebensbedrohlich sein
Eine Studie zeigt, wie lebensbedrohlich Einsamkeit in ungünstigen psychischen Situationen sein kann Foto: Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

15. April 2026, 17:36 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Einsamkeit wird zunehmend zu einem gesellschaftlichen Problem. Unabhängig vom Alter fühlen sich immer mehr Menschen einsam. Das wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit und Zufriedenheit der Betroffenen aus. Laut einer aktuellen Studie kann Einsamkeit sogar lebensbedrohlich werden.

Aktuelle Zahlen belegen, dass etwa 19 Prozent der Deutschen sich zumindest manchmal einsam fühlen.1 Vor allem ist das Gefühl des Alleinseins vorherrschend. Dabei gibt es bereits wissenschaftliche Hinweise darauf, dass Einsamkeit sowohl in der Kindheit als auch im höheren Alter die Entwicklung einer Demenz begünstigen kann (FITBOOK berichtete). Vor diesem Hintergrund ist eine neue Studie aus den USA mit mehr als 62.000 Erwachsenen interessant. Sie ergab, dass Einsamkeit möglicherweise eine wichtige Komponente ist, die Depressionen und Angstzustände mit Selbstmordgedanken verbindet.2 In einer ungünstigen psychischen Situation kann Einsamkeit sehr gefährlich werden.

Studie ermittelt Zusammenhang zwischen Einsamkeit, Depressionen und Selbstmordgedanken

US-Forscher des Vanderbilt University Medical Center in Nashville analysierten Daten aus dem Forschungsprogramm „All of Us“ der nationalen Gesundheitsbehörden. Aus einem Pool von 3,6 Millionen registrierten Teilnehmern wählten die Forscher nur jene 62.685 Personen aus, die sowohl eine demografische Umfrage als auch eine Reihe von Fragebögen zur psychischen Gesundheit ausgefüllt hatten. 

Ein besonderes Augenmerk galt Angstzuständen und Depressionen, die mithilfe standardisierter klinischer Screening-Instrumente gemessen wurden. Einsamkeit hat man anhand der weitverbreiteten UCLA-Einsamkeitsskala bewertet. Dabei werden in der Regel 20 Fragen zur Häufigkeit von Einsamkeitsgefühlen gestellt. Selbstmordgedanken wurden hingegen mit einer einzigen Frage erfasst. Die Forscher haben die Teilnehmer dabei nach Gedanken an Selbstverletzung oder dem Gefühl, „besser tot zu sein“, befragt. 

Teilnehmer waren überwiegend älter, weiß und weiblich

Ein wichtiger Punkt ist, dass die Teilnehmer dieser Studie ein Durchschnittsalter von rund 62 Jahren hatten. Somit beziehen sich die Ergebnisse eher auf einen älteren Teil der Bevölkerung. Zudem waren sie überwiegend weiß (81,2 Prozent), mehr als die Hälfte war weiblich (65,0 Prozent). Die Durchschnittswerte lagen sowohl bei Angstzuständen als auch bei Depressionen unter dem klinischen Schwellenwert. Die Werte für Einsamkeit überschritten jedoch die Schwelle zur klinischen Signifikanz. Etwa sechs Prozent der Teilnehmer, also rund 3.752 Personen, gaben an, Selbstmordgedanken zu haben.

Einsamkeit wirkt als eine Art „Verstärker“

Die Auswertung der Daten hat ergeben, dass Angstzustände, Depressionen und Einsamkeit mit Selbstmordgedanken in Zusammenhang stehen. Auf den ersten Blick war dieser am stärksten bei Depressionen, gefolgt von Angstzuständen und schließlich Einsamkeit. Eine genauere Analyse ergab ebenfalls, dass Depressionen den stärksten Einfluss hatten. Überraschend war jedoch: Einsamkeit wog in der Analyse sogar schwerer als reine Angstzustände.

Doch damit nicht genug. Die Forscher haben auch einen statistischen Test durchgeführt, um zu ermitteln, ob Einsamkeit als eine Art „Verstärker“ zwischen Depressionen, Angstzuständen und Selbstmordgedanken fungiert. Und tatsächlich fiel das Ergebnis positiv aus.

Einsamkeit machte etwa 25 Prozent des Zusammenhangs zwischen Angstzuständen und Selbstmordgedanken sowie etwa 10 Prozent des Zusammenhangs zwischen Depressionen und Selbstmordgedanken aus. Allerdings wiesen beide psychische Zustände auch nach Berücksichtigung der Einsamkeit noch direkte Verbindungen zu Selbstmordgedanken auf. Das bedeutet, dass Einsamkeit zwar nicht unbedingt der bestimmende Faktor ist, in einer ohnehin ungünstigen psychischen Situation jedoch lebensbedrohlich sein kann, wenn sie hinzukommt.

Obwohl die meisten Teilnehmer weiblich waren, haben die Forscher dieses Muster bei beiden Geschlechtern beobachtet. Interessant ist auch, dass höhere Angst- oder Depressionswerte bei jüngeren Erwachsenen mit einem höheren Risiko für Selbstmordgedanken verbunden waren als bei älteren.

Studienleiterin empfiehlt gezielte Therapie bei Einsamkeit

Die Ergebnisse der Studie veranlassen die Forscher dazu, gezielte Therapien für einsame Menschen zu empfehlen, um einem möglichen Suizid vorzubeugen.
„Ja, die gezielte Bekämpfung und Verringerung von Einsamkeit im Rahmen einer Therapie stellt einen praktikablen und wichtigen Ansatz dar, insbesondere zur Verringerung von Suizidgedanken bei Menschen, die unter Depressionen oder Angstzuständen leiden“, erklärt Studienleiterin Prof. Katherine Musacchio Schafer gegenüber FITBOOK.

Eine zentrale Erkenntnis dieser Studie sei es jedoch, dass Einsamkeit auch außerhalb von Behandlungskontexten angegangen werden kann. „Menschen benötigen nicht unbedingt Zugang zu einem zugelassenen Psychotherapeuten – eine Berufsgruppe, an der es derzeit mangelt –, um ihre Einsamkeit zu verringern“, sagt die Studienleiterin. Betroffene könnten selbst sinnvoll dagegen vorgehen. Eine der wirksamsten Strategien zur Verringerung von Einsamkeit scheint, sei es, soziales Engagement zu erhöhen. Das bedeutet, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die für andere oder die Gemeinschaft von Wert sind. „Ein Beitrag zur Umwelt und zu den Menschen um uns herum kann Verbundenheit, Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit fördern – allesamt Faktoren, die Einsamkeit und das damit verbundene Suizidrisiko mindern können“, so Prof. Musacchio Schafer.

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Einschränkungen der Studie

Man muss berücksichtigen, dass die Studienteilnehmer überwiegend ältere, weiße Frauen waren. Die Ergebnisse sollten daher noch mit einer stärker diversifizierten und jüngeren Gruppe überprüft werden. „Die größte Einschränkung dieser Studie ist ihr Querschnittsdesign, da alle Variablen zum gleichen Zeitpunkt gemessen wurden. Daher können wir keine endgültigen Schlussfolgerungen hinsichtlich der zeitlichen Abfolge oder der Kausalität ziehen“, erklärt Studienleiterin Prof. Musacchio Schafer.

Zukünftige Forschungsarbeiten sollten Längsschnittstudien nutzen, um zu untersuchen, wie sich Suizidgedanken im Laufe der Zeit entwickeln und ob Angstzustände und Depressionen einer Zunahme der Einsamkeit vorausgehen, die anschließend zu verstärkten Suizidgedanken führt – so die Studienleiterin. Darüber hinaus sei es wichtig, randomisierte kontrollierte Studien durchzuführen, in denen Einsamkeit direkt bekämpft wird, insbesondere durch die Schaffung von Möglichkeiten für soziales Engagement, und zwar in Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Risiko für Suizidgedanken. Eine Untersuchung, ob solche Interventionen Selbstmordgedanken langfristig reduzieren können, wäre ein wichtiger nächster Schritt für dieses Forschungsgebiet.

Fazit

Einerseits unterstreicht diese Studie den starken Zusammenhang zwischen Angstzuständen, Depressionen und Suizidgedanken. Zum anderen wurde ein weiterer Faktor ermittelt, der sowohl für sich genommen Einfluss hat als auch eine Art Verstärkerrolle spielt. Die Forscher schlussfolgern daraus, dass die gezielte Bekämpfung und Verringerung von Einsamkeit das Fortschreiten von Depressionen und Angstzuständen hin zu Suizidgedanken aufhalten könnte. 

Außerdem böten sich nun neue Therapiemöglichkeiten an, so die verantwortlichen Wissenschaftler. So sei zur Bekämpfung von Einsamkeit beispielsweise nicht unbedingt der Besuch einer Therapiepraxis erforderlich. Das sei für viele Menschen eine Hürde. Betroffene, die unter Angstzuständen, Depressionen und Einsamkeit leiden, könnten sich stattdessen in gemeinschaftlichen Einrichtungen engagieren, die zu ihren eigenen Werten und Vorlieben passen. Dies wäre ein alternativer Behandlungsweg, der das übliche Therapiesystem gänzlich umgeht, erklären die Wissenschaftler in ihrer Studienauswertung.

Hilfe für Betroffene

Die „Deutsche Depressionshilfe“ rät, Betroffene offen darauf anzusprechen und ihnen bei Bedarf dabei zu helfen, einen Arzt oder Psychotherapeuten zu kontaktieren. Manchmal kann es auch notwendig sein, sie in eine psychiatrische Notfallambulanz zu bringen. Sollten Sie selbst Suizidgedanken haben: Die Telefonseelsorge unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 ist kostenfrei und steht rund um die Uhr zur Verfügung. Bei ernsten psychischen Notfällen erhalten Sie unter der Nummer 113 Hilfe. Holen Sie sich bitte Hilfe!

Quellen

  1. Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V.: Einsamkeit in Deutschland - die gefährdetste Gruppe sind Menschen mit niedrigem Einkommen (aufgerufen am 15.4.2025) ↩︎
  2. Musacchio Schafer, K., Franklin, J., Embí, P.J., et. al. (2026) Loneliness, Anxiety Symptoms, Depressive Symptoms, and Suicidal Ideation in the All of Us Dataset. JAMA Network Open. ↩︎

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