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Laut Studie

Einsame Kindheit steigert das Demenzrisiko im Alter deutlich

Wie Forscher herausfanden, wirkt sich Einsamkeit in der Kindheit offenbar negativ auf das Demenzrisiko im späteren Alter aus
Wie Forscher herausfanden, wirkt sich Einsamkeit in der Kindheit offenbar negativ auf das Demenzrisiko im späteren Alter aus Foto: Getty Images
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Martin Lewicki
Freier Autor

17. September 2025, 16:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Einsamkeit ist besonders bei älteren Menschen weit verbreitet und geht mit gesundheitlichen Folgen einher. Eine Studie zeigt nun, dass insbesondere einsame Kinder viele Jahre später ein höheres Risiko für eine Demenzerkrankung haben. FITBOOK-Autor Martin Lewicki stellt Ihnen die Ergebnisse vor und sprach mit Studienautorin Prof. Xiuhua Guo.

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Wie gingen die Forscher vor bei der Studie?

Bereits eine groß angelegte Studie aus dem Jahr 2022 hat gezeigt, dass Einsamkeit bei Menschen über 50 die Gehirnstruktur verändert und so zur Entstehung von Demenz beiträgt (FITBOOK berichtete). Doch offensichtlich ist schon eine einsame Kindheit ein entscheidender Faktor für das Demenzrisiko im höheren Alter, wie chinesische Forscher nun in einer aktuellen Studie zeigen.1 Die Auswertung der Daten von 13.592 Studienteilnehmern hat nämlich Folgendes gezeigt: Das Demenzrisiko steigt um 41 Prozent, wenn man in der Kindheit keine engen Freundschaften hatte. Dieses Defizit aus der Kindheit lässt sich offenbar später nicht mehr aufholen, selbst wenn man als Erwachsener Freundschaften pflegt. Doch warum ist das so?

Um herauszufinden, welchen Einfluss eine einsame Kindheit auf das Demenzrisiko hat, haben chinesische Forscher auf die Daten der „China Health and Retirement Longitudinal Study“ (CHARLS) zurückgegriffen. Dabei handelt es sich um eine Langzeitstudie, in der 13.592 Menschen ab 45 Jahren zwischen 2011 und 2018 beobachtet und interviewt wurden. Berücksichtigt wurden nur Daten vor der Corona-Pandemie, um Verzerrungen durch spätere Isolation zu vermeiden.

Um die Einsamkeit während der Kindheit zu ermitteln, wurden zwei Schlüsselfragen den Studienteilnehmern gestellt:

  • „Wie oft haben Sie sich als Kind einsam gefühlt, weil Sie keine Freunde hatten? War das oft, manchmal, nicht sehr oft oder nie der Fall?“
  • „Hatten Sie als Kind einen engen Freund?“

Teilnehmer, die angaben, sich oft einsam zu fühlen und keinen engen Freund vor dem 17. Lebensjahr zu haben, wurden als von Einsamkeit in der Kindheit betroffen definiert. Wer nur ein Kriterium erfüllte, galt als möglicherweise betroffen; wer keines erfüllte, als nicht von Einsamkeit in der Kindheit betroffen.

Die Einsamkeit im Erwachsenenalter wurde hingegen anhand einer einzigen Frage aus der 10-Punkte-Skala der „Center for Epidemiological Studies Depression Scale“ bewertet:

  • Wie oft haben Sie sich in der letzten Woche einsam gefühlt?“
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Diese Zusammenhänge gibt es zwischen Einsamkeit in der Kindheit und dem Demenzrisiko

Die Auswertung der Daten ergab, dass rund die Hälfte der Befragten (52 Prozent der Frauen, und 48 Prozent der Männer) von einer „möglichen Einsamkeit in der Kindheit“ betroffen war. 565 Personen, also etwa 4,2 Prozent, gaben deutlich an, in ihrer Kindheit und Jugend einsam gewesen zu sein. Nahezu jeder zweite Studienteilnehmer erklärte, in dieser Zeit keine engen Freundschaften gehabt zu haben.

Bei den einzelnen Punkten gaben 883 Teilnehmer (6,5 Prozent) an, sich oft einsam zu fühlen, und 6772 Teilnehmer (49,8 Prozent) gaben an, in ihrer Kindheit keine engen Freunde gehabt zu haben. Im Vergleich zu Teilnehmern ohne Einsamkeit in der Kindheit waren diejenigen, die Einsamkeit in der Kindheit erlebt hatten, älter und lebten mit höherer Wahrscheinlichkeit in ländlichen Gebieten während ihrer Kindheit. Zudem hatten sie einen niedrigeren Bildungsstand und einen niedrigeren sozioökonomischen Status. Gleichzeitig wiesen sie eine höhere Rate an Einsamkeit im Erwachsenenalter und eine schlechtere kognitive Leistungsfähigkeit auf.

Die siebenjährige Beobachtungsphase zeigte: Einsame Kinder haben ein höheres Demenzrisiko im späteren Leben. Insgesamt traten im Beobachtungszeitraum 697 neue Demenzfälle auf, was etwa fünf Prozent der Studienteilnehmer entspricht. Wichtigste Erkenntnis: Die Demenzrate war bei Menschen, die unter Einsamkeit in der Kindheit litten, deutlich höher. Sie hatten ein um 41 Prozent höheres Demenzrisiko, im Vergleich zu Personen die nicht einsam waren in ihrer Kindheit. Die Gruppe der Personen, die angab, lediglich keine engen Freunde zu haben, zeigte dagegen keine auffällige Rate.

Studienautorin Prof. Xiuhua Guo erklärt FITBOOK, dass Einsamkeit trotzdem nicht der stärkste, aber ein wichtiger eigener Risikofaktor sei. Daneben gebe es weitere Faktoren, wie einen niedrigeren Bildungsgrad und sozioökonomischen Status.

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Was zukünftige Forschung laut Xiuhua Guo beachten sollte

„Zukünftige Arbeiten sollten prospektive Kohorten aus der Kindheit priorisieren, um Erinnerungsbias (Fehler, aufgrund schlechter Erinnerung, A. d. R.) zu vermeiden, und die Replikation auf Populationen mit unterschiedlichem soziokulturellem und genetischem Hintergrund ausweiten. Prospektive Interventionsstudien zur Verringerung der Einsamkeit in der Kindheit könnten dazu beitragen, die Kausalität schlüssiger zu belegen.“

Einsamkeit in der Kindheit lässt sich später nicht mehr kompensieren

Selbst Menschen, die nur als Kinder einsam waren, als Erwachsene aber nicht mehr, hatten dennoch ein höheres Risiko für Demenz. Und offenbar hat Einsamkeit im höheren Alter nicht so starken Einfluss auf das Demenzrisiko wie in der Kindheit. Denn die Daten ergaben auch, dass Einsamkeit im erwachsenen Alter nur um etwa neun Prozent das Risiko für kognitiven Abbau und um 17 Prozent das Risiko für eine Demenz erhöht.

Somit wird deutlich, dass die besonders prägende Phase der Kindheit, in der sich entscheidende Gehirnstrukturen herausbilden, die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter beeinflusst. Die chinesischen Forscher raten deshalb dazu, bereits in der frühen Kindheit Maßnahmen zu ergreifen, um Einsamkeit vorzubeugen. So können Kinder nicht nur eine schönere Kindheit erleben, sondern auch ihr Demenzrisiko im Alter signifikant senken.

Wie wichtig das Thema ist, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung des Deutschen Jugendinstituts (DJI).2 In der Studie „Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“ (AID:A) berichteten im Jahr 2023 17 Prozent der 5- bis 11-Jährigen, dass sie sich manchmal alleine fühlen, und fünf Prozent, dass sie dieses Gefühl häufig oder sogar ständig haben. Laut der Studienauswertung fühlen sich somit 22 Prozent der Kinder im Grundschulalter mindestens manchmal einsam. Dies entspricht mehr als jedem fünften Kind.

Quellen

  1. Wang, J., Jiao, D., Zhao, X., et. al. (2025). Childhood Loneliness and Cognitive Decline and Dementia Risk in Middle-Aged and Older Adults. JAMA Network Open. ↩︎
  2. Deutsches Jugendinstitut (DJI): Bereits Kinder im Grundschulalter fühlen sich einsam (aufgerufen am 17.9.2025) ↩︎

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