26. Juli 2025, 8:00 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ein prominenter Unternehmer spricht offen über seine Altersdepression – und lenkt damit die Aufmerksamkeit auf eine psychische Erkrankung, die viele betrifft, aber häufig unbemerkt bleibt. Besonders im höheren Lebensalter werden Depressionen oft fehlgedeutet oder übersehen. FITBOOK erklärt, woran das liegt, welche Warnzeichen es gibt – und was Betroffene und Angehörige tun können.
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Depression im Alter bleibt häufig unerkannt
Depressionen zählen laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zu den häufigsten psychischen Erkrankungen im höheren Lebensalter – gemeinsam mit demenziellen Störungen. Besonders alarmierend: Das Suizidrisiko nimmt mit steigendem Alter deutlich zu, vor allem bei Männern.
Von einer Altersdepression ist bei Menschen ab etwa 65 Jahren die Rede, wenn typische Anzeichen wie Niedergeschlagenheit, Interessenverlust und Antriebslosigkeit auftreten. Diese Symptome werden häufig von körperlichen Beschwerden begleitet oder überdeckt – etwa durch Kopf- und Rückenschmerzen, Schwindel oder Probleme mit der Verdauung.
Ein wesentlicher Grund dafür, dass Altersdepressionen oft spät oder gar nicht erkannt werden, liegt in ihrer besonderen Ausprägung: Im Gegensatz zu jüngeren Menschen stehen bei älteren Betroffenen nicht unbedingt tiefe Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit im Vordergrund, sondern eher körperliche Beschwerden wie Schlafprobleme, Rücken- oder Verdauungsschmerzen. Viele interpretieren diese Symptome als normale Alterserscheinungen – und ziehen eine psychische Ursache daher gar nicht erst in Betracht.
Körperliche Beschwerden können Hinweise sein
Häufig werden Symptome wie Erschöpfung, körperliche Schmerzen, Schlafstörungen oder nachlassende Gedächtnisleistung als normale Begleiterscheinungen des Älterwerdens angesehen. Dabei können sie auch auf eine Depression hinweisen – eine psychische Erkrankung, die im höheren Lebensalter zwar schwerer zu diagnostizieren ist, aber grundsätzlich gut behandelt werden kann.
Laut Robert-Koch-Institut erkranken jährlich rund sechs Prozent der 70- bis 79-Jährigen an einer Depression. Noch häufiger treten sogenannte subklinische Depressionen auf – also Formen mit abgeschwächten oder unvollständigen Symptomen. Sie kommen in dieser Altersgruppe zwei- bis dreimal so oft vor. Dennoch bleibt die Erkrankung in vielen Fällen unerkannt.
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Im Gegensatz zu jüngeren Menschen stehen bei älteren Patienten oft körperliche Symptome im Vordergrund – z. B. Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, starke Kopf- oder Rückenschmerzen, Herzbeschwerden, Schlafstörungen oder Tinnitus. Diese Beschwerden können den eigentlichen psychischen Kern der Erkrankung überdecken.
Auch psychisch äußert sich eine Altersdepression häufig mit Antriebsmangel, Lustlosigkeit, vermindertem Interesse an anderen Menschen, sozialem Rückzug, Selbstzweifeln, plötzlichem Weinen, Konzentrationsstörungen oder Suizidgedanken. In schweren Fällen können sogar Halluzinationen und Wahnvorstellungen auftreten.1
Depression oder Demenz? Die Symptome sind oft ähnlich
Depression oder Demenz? Die Unterscheidung ist oft schwierig, da sich die Symptome ähneln können. Besonders heimtückisch: Eine Altersdepression kann Anzeichen zeigen, die auch für eine beginnende Demenz typisch sind – etwa Gedächtnisprobleme, Konzentrationsschwäche oder ein verlangsamtes Denken und Sprechen. In solchen Fällen sprechen Fachleute auch von einer sogenannten Pseudodemenz. Diese kognitiven Einschränkungen im Rahmen einer Depression führen bei Betroffenen häufig zu der Angst, an Alzheimer erkrankt zu sein. Wird bei der ärztlichen Abklärung jedoch nicht gezielt nach psychischen Symptomen wie Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen oder Suizidgedanken gefragt, kann die Depression als eigentliche Ursache übersehen werden – mit der Folge, dass eine wirksame Behandlung unterbleibt.
Für eine zuverlässige Diagnose kommen in der Regel strukturierte Gespräche mit Ärzten zum Einsatz, ergänzt durch validierte Verfahren wie die Geriatrische Depressionsskala (GDS). Dieser standardisierte Fragebogen hilft dabei, depressive Symptome bei älteren Menschen systematisch zu erfassen – insbesondere, wenn körperliche Beschwerden im Vordergrund stehen oder eine Abgrenzung zur Demenz erforderlich ist.
Im Unterschied zu einer echten Demenz bleibt bei depressiven Menschen in der Regel das Zeit- und Ortsgefühl erhalten. Zudem nehmen sie ihre kognitiven Einschränkungen häufig deutlich wahr und empfinden diese als belastend – ein markanter Gegensatz zu Demenzbetroffenen, denen ihre geistigen Defizite meist kaum oder gar nicht bewusst sind.
Behandlung ist auch im Alter wirksam
Eine Behandlung der depressiven Erkrankung ist bei älteren Patienten ebenso wichtig wie bei jüngeren Menschen. Sowohl Psychotherapie als auch medikamentöse Therapie haben sich dabei als wirksam erwiesen. Entscheidend ist, dass rechtzeitig behandelt werden kann.
Wichtig ist dabei auch, gemeinsam mit dem behandelnden Arzt einen strukturierten Medikationsplan zu erstellen – insbesondere bei gleichzeitiger Einnahme weiterer Medikamente. Eine vertraute Person kann helfen, die regelmäßige Einnahme zu sichern und Therapieziele zu verfolgen.
Diese Symptome können auf eine Depression hinweisen
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Gerade im Hinblick auf Suizidalität ist eine frühzeitige und wirksame Therapie entscheidend. Die Deutsche Depressionshilfe weist auf folgende Punkte hin:
- Die Behandlung einer Depression verringert das Suizidrisiko.
- Ein Suizid geschieht meist als Folge einer psychiatrischen Erkrankung.
- Hinweise auf Suizidalität (etwa Äußerungen wie ‚Ich kann nicht mehr‘, ‚Ich will nicht mehr‘) sind immer ernst zu nehmen und sollten angesprochen werden.
- Holen Sie sich im Fall von suizidalen Gedanken oder Verhalten ärztlichen Rat.
Etwa 40 Prozent der jährlichen Suizidfälle entfallen auf Menschen, die älter als 60 Jahre sind. Als besonders gefährdet gelten ältere Männer, die allein leben. Zu den zentralen Risikofaktoren zählen soziale Isolation, finanzielle Belastungen, chronische Schmerzen sowie familiäre Spannungen. Eine Depression kann die Wahrnehmung dieser Probleme zusätzlich verstärken und sie als unüberwindbar erscheinen lassen.2
Tipps für Angehörige im Umgang mit Altersdepression
Familienangehörige und Nahestehende sollten bei einem Verdacht auf Suizidgedanken das Gespräch behutsam, offen und mit Einfühlungsvermögen suchen. Es kann hilfreich sein, eigene Beobachtungen und Sorgen klar anzusprechen und gezielt nach möglichen Suizidgedanken zu fragen. Wird dies bestätigt, ist es unbedingt notwendig, professionelle Hilfe durch Ärzte oder Psychotherapeuten in Anspruch zu nehmen.
Folgende Maßnahmen können helfen:
- Zuhören, ohne zu bewerten, und die Sorgen der betroffenen Person ernst nehmen.
- Bei Verdacht auf eine Depression gezielt und empathisch darauf ansprechen.
- Den Arzt oder Therapeuten mit ins Boot holen und ggf. gemeinsam Termine wahrnehmen.
- Hilfestellung bei der Strukturierung des Alltags leisten – kleine Ziele setzen, etwa tägliche Spaziergänge.
- Nur jene Aufgaben übernehmen, die die betroffene Person tatsächlich überfordern – mit dem Ziel, schrittweise wieder Selbstständigkeit aufzubauen.
Auch Angehörige sollten auf ihre eigene Belastung achten und sich bei Bedarf beraten lassen – sie sind wichtige Begleiter, aber keine Ersatztherapeuten.3
*mit Material von dpa