20. November 2025, 20:02 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Wenn eine Wurzelbehandlung erfolgreich war, rettet das womöglich nicht nur Zahn und Knochen. Die Maßnahme steht im Zusammenhang mit messbaren Veränderungen im Stoffwechsel – darauf deutet eine Studie aus Großbritannien hin.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Studie: Wurzelbehandlung und Stoffwechselveränderungen
Wissenschaftler der zahnmedizinischen Fakultät am King’s College London haben erstmals systematisch untersucht, ob eine erfolgreiche Wurzelkanalbehandlung nicht nur die Zahngesundheit verbessert, sondern auch positive Auswirkungen auf den gesamten Stoffwechsel hat. Sie wollten wissen, ob die Heilung einer chronischen Entzündung an der Zahnwurzelspitze messbare Veränderungen im Zucker- und Fettstoffwechsel sowie bei Entzündungsmarkern im Blut bewirkt. Die Forscher fanden deutliche Zusammenhänge, sprechen von systemischen Effekten auf den Stoffwechsel und stellen mit ihren Daten in den Raum, dass eine Wurzelbehandlung Werte von Blutzucker, Fettstoffwechsel und Entzündungen zum Besseren wenden kann.
Zähne von 65 Patienten behandelt, Stoffwechsel und Entzündungen gemessen
Für ihre Studie begleiteten die Forscher um Yuchen Zhang und Adrien Le Guennec 65 Erwachsene, die eine Entzündung an der Zahnwurzel hatten (apikale Parodontitis). Niemand von ihnen hatte sonst große Krankheiten wie Diabetes oder Herzprobleme. Um herauszufinden, was im ganzen Körper passiert, wenn man so eine Zahnwurzelentzündung erfolgreich behandelt, untersuchten sie das Blut der Teilnehmer fünfmal: einmal vor der Behandlung, drei, sechs Monate danach sowie nach einem Jahr und nach zwei Jahren.
Sie bestimmten jeweils 44 verschiedene Stoffe im Blut, etwa Zucker, Fette und Eiweißbausteine (Aminosäuren). Sie zeigen, wie der Körper die Stoffe verarbeitet. So sahen sie, wie sich der Stoffwechsel im Körper verändert. Außerdem schauten sie auf Entzündungszeichen im Blut (z. B. bestimmte Botenstoffe wie Interleukine oder CRP), auf Stoffwechselwerte wie Blutzucker oder Cholesterin und darauf, welche Bakterien im Blut und in den Zahnwurzeln vorkamen.
Auch interessant: Die Entstehung von Wurzelkaries und wie man ihr wirksam vorbeugt
Nach erfolgreicher Wurzelbehandlung drehten sich Blutzucker und Fettwerte zum Guten
Vieles deutet darauf hin, dass durch die erfolgreiche Behandlung der Zahnwurzelentzündung eine Wiederherstellung des gestörten Energie-Stoffwechsels stattfand.
24 der 44 untersuchten Stoffe im Blut (Zucker, Fette, Eiweißbausteine) hatten sich nach der Behandlung deutlich verändert. So gingen etwa schon nach drei Monaten bestimmte Eiweißbausteine (die sogenannten BCAA) runter. Das ist positiv, weil hohe BCAA-Werte mit Entzündungen und schlechter Insulinwirkung zu tun haben.
Nach drei bis sechs Monaten zeigten sich im Blut Hinweise auf einen gesünderen Fettstoffwechsel: Fettwerte wie Cholesterin, Fettsäuren und Cholin waren gesunken. Das ist relevant, weil Fettstoffwechselstörungen ein zentrales Risiko für Atherosklerose und koronare Herzkrankheit darstellen.
Nach zwei Jahren waren die Zuckerwerte im Blut (Glukose und Pyruvat) deutlich niedriger. Dies deutet auf eine verbesserte Insulinwirkung hin: Offenbar kann der Körper eines erfolgreich wurzelbehandelten Patienten besser mit Zucker umgehen.
Rückgang der Entzündungsmarker im Blut und Tryptophan-Anstieg als Frühindikator für Heilung
Überdies stellten die Forscher fest, dass Tryptophan, eine Aminosäure, die entzündungshemmend wirkt, im Blut der Patienten kontinuierlich anstieg. Die kontinuierlich steigenden Werte nach der Wurzelbehandlung könnten den Forschern zufolge ein früher Hinweis auf positive Systemeffekte sein.
Außerdem sah man, dass diese Stoffwechselveränderungen eng mit Entzündungswerten im Blut und mit den Bakterien im Mund und im Blut zusammenhingen. Die Entzündungsmarker nahmen ab.
Der Effekt von Bewegung auf Entzündungsprozesse und Stoffwechsel im Alter
Wirkung, Dosierung und Risiken des Supplements BCAA
Schlüsselrolle bei Wiederherstellung des Stoffwechsels
Schon drei Monate nach der Wurzelbehandlung sank der Spiegel der Aminosäure Valin, die für Proteine und andere Stoffwechselprozesse benötigt wird. Als wichtigen Player bei der Heilung des entzündeten Gewebes machten die Forscher die Aminosäure Ornithin aus. Ornithin ist unter anderem am Abbau von Stickstoffüberschüssen beteiligt, hat die Finger auch bei Energiegewinnung und Zellregeneration im Spiel. Auch der Spiegel der Aminosäure Glutamin veränderte sich zum Positiven – ebenfalls relevant für den Stickstofftransport und die Zellteilung.
Diese drei Aminosäuren (Valin, Ornithin und Glutamin) könnten eine Schlüsselrolle bei der Wiederherstellung des gestörten Energiestoffwechsels spielen, vermuten die Forscher.
Im folgenden Video erklärt Dr. Anne Heinz Karies:
Was können die Studienergebnisse, was können sie nicht?
Die Tatsache, dass eine gesunde Kontrollgruppe oder eine Gruppe mit unbehandelter Zahnwurzelentzündung fehlt, um den Effekt noch klarer abzugrenzen, schränkt die Aussagekraft der Ergebnisse natürlich etwas ein. Außerdem wurden die Ernährungsgewohnheiten oder andere Lebensstilfaktoren der Teilnehmer nicht systematisch erfasst – diese könnten aber Einfluss auf die untersuchten Werte haben.
Diese Studie zeigt dennoch eine starke Assoziation zwischen einer erfolgreichen Zahnwurzelbehandlung und einem verbesserten Zucker- und Fettstoffwechsel. Beides sind bekanntermaßen zentrale Faktoren für die Entwicklung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes. Eine rechtzeitige und erfolgreiche Zahnwurzelbehandlung kann somit auch systemische Gesundheitsrisiken senken und die allgemeine Gesundheit zum Guten beeinflussen.