30. Juli 2026, 13:02 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die ersten 1000 Lebenstage gelten als entscheidend für die Entwicklung des Gehirns. Doch kann schon die Zuckermenge in dieser Zeit beeinflussen, wie gesund das Gehirn im späten Alter bleibt? Eine ungewöhnliche Studie liefert darauf neue Hinweise – und nutzt dafür ein historisches Ereignis, das Forschern heute kaum noch zur Verfügung steht.
Ein historisches Ereignis machte die Studie überhaupt erst möglich
Während und nach dem Zweiten Weltkrieg war Zucker in Großbritannien streng rationiert. Als die Beschränkungen im September 1953 plötzlich aufgehoben wurden, stieg der Zuckerkonsum innerhalb kurzer Zeit deutlich an. Genau dieser Einschnitt ermöglichte es den Forschern, Menschen zu vergleichen, die ihre ersten Lebensjahre noch mit wenig Zucker verbrachten, mit jenen, die kurz danach geboren wurden.
46 Prozent geringeres Alzheimer-Risiko
Menschen, die bereits im Mutterleib und während der ersten beiden Lebensjahre der damaligen Zucker-Rationierung ausgesetzt waren, erkrankten später seltener an Demenz und Alzheimer. Im Vergleich zu Teilnehmern ohne Zucker-Rationierung war ihr Risiko für eine Demenz um 27 Prozent und für Alzheimer sogar um 46 Prozent geringer.
Aufbau und Ablauf der Studie
Frühere Studien deuteten bereits darauf hin, dass die Ernährung in den ersten Lebensjahren langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann.1 Doch wie groß ist die Rolle von Zucker?
Genau dieser Frage gingen Forscher der Guangzhou Medical University in China nach. Im Mittelpunkt der Studie standen die ersten 1000 Lebenstage – also die Zeit von der Schwangerschaft bis etwa zum zweiten Geburtstag. In dieser Phase entwickelt sich das Gehirn besonders schnell und reagiert empfindlich auf äußere Einflüsse, darunter auch die Ernährung.2
Ausgewertet wurden die Daten von 60.394 Teilnehmern der britischen Langzeitdatenbank UK Biobank, die zwischen 1951 und 1956 geboren wurden. Je nach Geburtszeitpunkt ordneten die Wissenschaftler sie einer von drei Gruppen zu: Menschen, die nur im Mutterleib von der Zucker-Rationierung betroffen waren, Menschen, deren erste beiden Lebensjahre ebenfalls in diese Zeit fielen, und Teilnehmer, die erst nach dem Ende der Rationierung geboren wurden.
Anschließend verglichen die Forscher, wie häufig die Teilnehmer im späteren Leben an Demenz, Alzheimer, Parkinson, Depressionen oder Angststörungen erkrankten. Zusätzlich werteten sie bei einem Teil der Teilnehmer Magnetresonanztomografien (MRT) des Gehirns aus. Dabei untersuchten sie unter anderem, ob das Gehirn biologisch älter oder jünger wirkte als das tatsächliche Lebensalter und ob sich Unterschiede in wichtigen Hirnregionen wie dem Hippocampus, der für Lernen und Erinnern wichtig ist, oder dem Thalamus, einer zentralen Schaltstelle für die Verarbeitung von Informationen im Gehirn, erkennen ließen.
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Auch Depressionen und Angststörungen traten seltener auf
Der Zusammenhang zeigte sich nicht nur bei Demenz und Alzheimer. Teilnehmer mit einer geringeren Zuckerbelastung in den ersten 1000 Lebenstagen hatten auch ein um elf Prozent geringeres Risiko für Depressionen und ein um 20 Prozent geringeres Risiko für Angststörungen. Für Parkinson fanden die Wissenschaftler dagegen keinen vergleichbaren Zusammenhang.
Besonders deutlich waren die Ergebnisse, wenn die Zuckerbeschränkung auch nach der Geburt anhielt. Bestand sie nur während der Schwangerschaft, zeigten sich nur wenige Unterschiede. Eine Ausnahme war das geringere Risiko für Angststörungen.
Nicht nur bei den Erkrankungen fanden die Forscher Auffälligkeiten. Auch die MRT-Aufnahmen lieferten Hinweise darauf, dass sich die frühe Zuckeraufnahme langfristig auf das Gehirn ausgewirkt haben könnte. Mithilfe eines Computermodells schätzten die Wissenschaftler das biologische Alter des Gehirns. Bei Teilnehmern, die nach der Geburt weniger Zucker ausgesetzt waren, fiel dieses im Durchschnitt um 0,39 Jahre niedriger aus.
Darüber hinaus fanden die Forscher Unterschiede in mehreren tief liegenden Hirnregionen. So waren unter anderem der Hippocampus, der für Lernen und Erinnern wichtig ist, sowie der Thalamus, eine zentrale Schaltstelle für die Verarbeitung von Informationen, größer als bei den Teilnehmern ohne frühe Zuckerbeschränkung.
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Warum könnten die ersten Lebensjahre so wichtig sein?
Forscher vermuten, dass sich das Gehirn in dieser Zeit besonders leicht beeinflussen lässt. Es entwickelt sich rasant und reagiert empfindlich auf äußere Einflüsse – auch auf die Ernährung. Eine hohe Zuckeraufnahme könnte den Stoffwechsel ungünstig verändern und langfristig Entzündungsprozesse fördern. Beides gilt bereits als möglicher Risikofaktor für Demenz.
Die größeren Hirnregionen und das geringfügig niedrigere biologische Gehirnalter könnten mit dem geringeren Erkrankungsrisiko zusammenhängen. Ob das tatsächlich der Fall ist, lässt sich aus der Studie allerdings nicht ableiten. Die MRT-Befunde liefern lediglich erste Anhaltspunkte dafür, wie die beobachteten Zusammenhänge entstehen könnten.
Nach Ansicht der Autoren sprechen die Ergebnisse dafür, zugesetzten Zucker während der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren möglichst zu begrenzen. Zugleich betonen sie, dass eine einzelne Untersuchung nicht ausreicht, um bestehende Ernährungsempfehlungen grundlegend zu ändern.
Stärken und Schwächen der Studie
Die Untersuchung hat mehrere Stärken. Mit etwas mehr als 60.000 Teilnehmern umfasst sie eine sehr große Studienpopulation. Außerdem nutzten die Wissenschaftler eine außergewöhnliche historische Situation, die deutlich aussagekräftiger ist als viele klassische Ernährungsstudien. Da die Zucker-Rationierung staatlich vorgegeben war, hing sie nicht vom Verhalten der Teilnehmer ab.
Trotzdem hat die Studie wichtige Einschränkungen. So konnten die Forscher nicht feststellen, wie viel Zucker die einzelnen Mütter oder Kinder tatsächlich gegessen hatten. Die Einteilung erfolgte ausschließlich anhand des Geburtszeitpunkts während oder nach der Zucker-Rationierung.
Hinzu kommt, dass sich nach dem Ende der Rationierung auch andere Lebensbedingungen im Nachkriegs-Großbritannien veränderten. Trotz statistischer Anpassungen lassen sich solche Einflüsse nicht vollständig ausschließen.