3. Juni 2026, 17:12 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die meisten Menschen verbinden das Thema Demenz immer noch mit hohem Alter. Dabei können wir bereits in jungen Jahren unser Demenzrisiko senken. Eine aktuelle deutsche Studie zeigt, dass der Lebensstil ab dem 20. Lebensjahr nicht nur die geistige Leistungsfähigkeit, sondern auch das Demenzrisiko beeinflusst.
Alzheimer-Tendenz in Deutschland steigend
Allein in Deutschland leben über 1,8 Millionen Menschen mit Demenz. Die meisten von ihnen sind an Alzheimer erkrankt. Und die Tendenz ist steigend. Denn durch die Alterung der Gesellschaft wird die Zahl der Betroffenen in den nächsten Jahren auf weit über zwei Millionen ansteigen, so die Prognosen.1 Bislang wurden die Risikofaktoren für Demenz meist ab der Lebensmitte untersucht. In ihrer Studie zeigen Forscher der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig nun, dass ein etablierter Demenzrisiko-Index bereits bei jungen Erwachsenen im Alter von 20 bis 39 Jahren Unterschiede in der geistigen Leistungsfähigkeit identifiziert.2
Was haben die Forscher untersucht?
Der LIBRA-Index (Lifestyle for Brain Health) bewertet das veränderbare Demenzrisiko, vor allem bei Menschen mittleren Alters und älteren Erwachsenen. Die Leipziger Forscher wollten herausfinden, ob der Index auch bei jungen Menschen anwendbar ist. Dazu untersuchten sie die Häufigkeit der LIBRA-Faktoren sowie deren individuelle und kombinierte Zusammenhänge mit der kognitiven Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter zwischen 20 und 75 Jahren. Dabei wurden insbesondere Alter, Geschlecht und sozioökonomischer Status berücksichtigt.
Die Daten hierfür stammten aus der bevölkerungsbasierten Gesundheitsstudie NAKO. Mit knapp 150.000 Teilnehmern im Alter von 20 bis 75 Jahren handelt es sich um Deutschlands größte Langzeitstudie zur Erforschung von Volkskrankheiten.3 Für jede Person hat man auf Basis gesundheitlicher und lebensstilbezogener Faktoren den LIBRA-Score berechnet. Zu den wichtigsten Risikofaktoren des LIBRA-Scores gehören folgende:
- Rauchen
- Bewegungsmangel
- Depressionen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Je höher der LIBRA-Score, desto höher auch das Demenzrisiko.
Das hat die Studie ergeben
Die Auswertung der Daten hat ganz klar gezeigt: Ein höherer LIBRA-Score, der ein höheres Demenzrisiko anzeigt, ging in allen Altersgruppen mit einer schlechteren geistigen Leistungsfähigkeit einher. Doch die Forscher wollten es genauer aufschlüsseln und haben auch die Zusammenhänge zwischen den Risikowerten und der kognitiven Leistungsfähigkeit analysiert .
Dabei zeigte sich, dass bei jüngeren Erwachsenen andere Risikofaktoren dominierten, als bei den Senioren. 20- bis 39-Jährige wiesen häufiger verhaltens- und psychosoziale Risikofaktoren auf, wie zum Beispiel Rauchen, Bewegungsmangel und depressive Symptome. Bei älteren Menschen dominierten hingegen kardiovaskuläre Risiken wie Bluthochdruck, koronare Herzerkrankung und erhöhte Cholesterinwerte.
„Es wird deutlich, dass sich die Art der Risikofaktoren für Demenz über die Lebensspanne verändert. Die Risikoreduktion sollte nicht erst mit 40 oder 60 Jahren beginnen, sondern schon im jungen Erwachsenenalter ansetzen“, sagt Professorin Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), in einer Pressemitteilung der Universität Leipzig.4 Wenn junge Erwachsene Lebensstilfaktoren wie Bewegung, Ernährung oder psychische Gesundheit früh in den Fokus nehmen, können sie vermutlich viel für die Gehirngesundheit im Alter tun, erklärt Professorin Riedel-Heller.
8 vermeidbare Lebensstilfaktoren, die das Risiko für Demenz erhöhen
Einsame Kindheit steigert das Demenzrisiko im Alter deutlich
Weitere interessante Erkenntnisse zum Demenzrisiko und den Faktoren
Die Auswertung der Daten hat jedoch noch weitere interessante Zusammenhänge aufgezeigt.
- So hatten Personen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status ungünstigere LIBRA-Scores.
- Es zeigten sich Unterschiede zwischen Frauen und Männern: Im Durchschnitt wiesen Männer höhere Demenzrisiko-Faktoren (LIBRA-Werte) auf als Frauen.
- Besonders bei Frauen mit niedrigem sozioökonomischem Status waren negative Zusammenhänge zwischen dem LIBRA-Score und kognitiver Leistung ausgeprägt.
Die Forscher leiten aus den Ergebnissen ab, dass bestimmte Personengruppen im Laufe des Lebens mehrfach benachteiligt sein können. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, dass das Demenzrisiko nicht nur mit individuellen Faktoren zusammenhängt. Wenn wir soziale Ungleichheiten nicht stärker in den Blick nehmen, laufen wir als Gesellschaft Gefahr, dass die besonders gefährdeten Gruppen von wichtiger Risikoreduktion am wenigsten profitieren“, erklärt Studienerstautor Felix Wittmann.
Auch interessant: Demenz – bei welchen Anzeichen man zum Arzt sollte
Fazit der Studie
Wie die Forscher betonen, schließt die aktuelle Studie eine wissenschaftliche Lücke. Bislang war der LIBRA-Index nämlich nur für Personen ab 40 Jahren gut untersucht. Die Studienergebnisse zeigen, dass er auch bei 20- bis 39-Jährigen aussagekräftig ist. Somit ist der LIBRA-Index als etabliertes Instrument zur Erfassung von Demenzrisikofaktoren auf jüngere Altersgruppen übertragbar.
Gleichzeitig zeigt die Studie, dass die Risikofaktoren für Demenz in den verschiedenen Altersgruppen unterschiedlich gewichtet werden müssen. So treten verhaltensbezogene und psychosoziale Risiken häufiger bei jüngeren Erwachsenen auf. Bei älteren Erwachsenen dominieren kardiovaskuläre Risiken. Insgesamt waren höhere LIBRA-Werte durchweg mit einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit im Erwachsenenalter verbunden.
Zudem haben geschlechtsspezifische und sozioökonomische Ungleichheiten gezeigt, dass maßgeschneiderte Strategien für unterschiedliche Risikogruppen benötigt werden. So können junge Erwachsene beispielsweise durch viel Bewegung und gesunde Lebensgewohnheiten ihre Gehirngesundheit bis ins hohe Alter unterstützen. Auch Personen mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status könnten mit gezielten Strategien angesprochen und gefördert werden.