1. August 2025, 10:22 Uhr | Lesezeit: 12 Minuten
Ob müde, antriebslos oder einfach nur neugierig auf den eigenen Vitaminstatus – wer wissen will, wie es um seine Werte steht, muss heute nicht mehr zwingend zum Arzt. Ein paar Haare oder Tropfen Blut per Post ans Labor geschickt und wenige Tage später kommt das Ergebnis bequem auf digitalem Wege zurück. Der Markt boomt mit Vitamin-Selbsttests für zu Hause. Doch welche Methode ist wirklich zuverlässig und ihr Geld wert? FITBOOK-Redakteurin Sophie Brünke hat zwei beliebte Varianten getestet und mit den Laborwerten von einem Arztbesuch verglichen. Zudem sprach sie mit Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl über den Versuch.
Ich ernähre mich überwiegend vegan. Allerdings bin ich keine Vorzeigekandidatin, wenn es um das Thema Supplementation geht. Dabei führt bei einer pflanzlich betonten Ernährung kein Weg an Vitamin-B12-Tabletten vorbei. Diese landen mal mehr, mal weniger regelmäßig auf meinem Speiseplan. Dabei spielt das Vitamin eine wesentliche Rolle bei der Zellteilung, Blutbildung und der Funktion unserer Nerven. Erwachsene sollten täglich 4,0 Mikrogramm zu sich nehmen.1 Einmal pro Jahr besuche ich deswegen meine Hausärztin, um meine Werte checken zu lassen. Allerdings sehe ich in Drogerien und Social-Media-Anzeigen häufig Tests, die man auch zu Hause durchführen kann und welche (natürlich) eine hohe Genauigkeit versprechen. Wenn das funktioniert, kann ich mir die Zeit im Wartezimmer in Zukunft sparen – immerhin sind es gleich zwei Termine: die Blutabnahme und die Ergebnisbesprechung. Und vielleicht sind die Vitamin-Selbsttests auch günstiger? Ich wage einen Vergleich.
Es gibt verschiedene B12-Werte – welchen sollte man testen?
Wenn man seinen Vitamin-B12-Status testen lassen möchte, steht man direkt vor einer ungeahnten Herausforderung: Manche Tests messen das Gesamt-Vitamin-B12, manche das aktive B12, auch Holotranscobalamin (kurz: HoloTC) genannt. Doch welches ist in meinem Fall sinnvoll? Beim Arzt wird für gewöhnlich zuerst das Gesamt-Vitamin-B12 überprüft – und zwar per Blutabnahme. Gut ist folgender Wert:
- 187 bis 883 Pikogramm pro Milliliter
Allerdings gilt: Bereits Werte unterhalb 350 pg/ml können nicht mehr verlässlich aussagen, ob den Zellen ausreichend aktives B12 zur Verfügung steht. In diesem Fall empfiehlt sich auch eine Messung des HoloTC. Grund hierfür ist, dass nur diese aktive Form von Zellen tatsächlich aufgenommen werden kann. 70 bis 90 Prozent des Gesamt-B12 sind an das Protein Haptocorrin gebunden. Hierbei sollten die Werte
- über 50 Pikomol pro Liter
liegen. Andernfalls ist der Vitamin-B12-Speicher dabei, sich zu leeren. Das muss noch nicht bedeuten, dass ein metabolisch manifester Mangel vorliegt, man ist aber auf dem besten Weg dorthin. Bei HoloTC-Werten unterhalb 25 pmol/L ist ein Mangel anzunehmen, zwischen 25 und 50 pmol/L kann ein Mangel laut IMD Labor Berlin über weitere Marker abgeklärt werden (Homocystein und Methyl-Malonsäure (MMA)).2 Ernährungsmediziner Dr. Riedl ist auf meine Anfrage hin jedoch anderer Meinung. Es reiche eine Kombination aus HoloTC und MMA, Homocystein müsse man nur „bei Arterienverkalkung und Neigung zu Thrombosen“ checken.
Am genausten sind die Ergebnisse vom Arzt, oder?
Um die Genauigkeit der Selbsttests zu bestimmen, nutze ich zur Kontrolle den unliebsamen Gang zum Arzt: einmal Gesamt-Vitamin-B12 und HoloTC, bitte! Abgesehen vom Zeitaspekt lasse ich mir auch nur ungern Blut abnehmen, da meine Venen sich gerne verstecken und die Abnahme nicht mit einem schnellen Pieks, sondern mit vielem Suchen, mit der Hand pumpen und „Schade, hier kommt nichts, wir müssen eine andere Stelle probieren“ verbunden ist. Da wäre mir ein Test zu Hause lieber. Aber gut, zumindest bin ich hier der passive Part und muss nur geduldig warten, bis es klappt.
Ergebnisse
Fünf Tage später laufe ich erneut die drei Stockwerke zu meiner Hausarztpraxis hinauf. Meine Ärztin zeigt mir den Befundbericht. Dass die Werte nicht gut aussehen, erkenne ich bereits daran, dass sie in roter Schrift gedruckt sind, Mist! Aber geahnt habe ich es ja. Konkret belaufen sich die Werte auf:
- Gesamt-Vitamin-B12: 158 pg/ml
- HoloTC: 44 pmol/L
Meine Ärztin führt keine weiteren Tests auf Homocystein und MMA durch, sondern empfiehlt mir auf Basis der Ergebnisse direkt ein hochdosiertes Supplement aus der Apotheke, welches pro Tablette 1000 Mikrogramm B12 enthält. Ich soll es jeden zweiten Tag einnehmen und in einem halben Jahr wiederkommen.
- Schwierigkeitsgrad: einfach
- Dauer: 1 Stunde für den Termin, 5 Tage bis zum Ergebnis
- Preis: 33,22 Euro
- Genauigkeit: sehr hoch
Selbsttest mit Blut – bitte einmal in den Finger piksen
Im Onlineshop von DM bin ich auf die Vitamin-Selbsttests von Cerascreen aufmerksam geworden. Die Marke wirbt mit einem „zuverlässigen Laborergebnis, ganz ohne Arztbesuch“. Das wär’s doch!
So schnell, wie ich es mir gewünscht hätte, ging es dann doch nicht. Als das Päckchen mit dem HoloTC-Test bei mir ankam, faltete ich die kleine, aber sehr lange Anleitung auseinander und musste zu meiner Enttäuschung lesen, dass man Proben nur sonntags, montags oder dienstags ans Labor schicken kann. Also musste ich mich noch etwas gedulden. Was ich aber schon mal gemacht habe: Mir die obligatorische App, über welche das Ergebnis mitgeteilt wird, heruntergeladen und mit einem Textmarker die Anleitung bearbeitet – denn die vielen Einzelschritte machten mich doch etwas nervös. Was, wenn ich etwas vergesse und das Geld für den Test umsonst ausgegeben habe?
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Wer kein Blut sehen kann, sollte es sich zweimal überlegen
Als der Tag der Tage kam, war ich aufgeregt. Ich sollte zunächst warmes Wasser über meine Hand laufen lassen und den Arm kreisen, um den Blutfluss anzuregen. Zuvor hatte ich bereits alle Materialien auf meinem Schreibtisch ausgebreitet. Das kleine Probengefäß stellte ich provisorisch in die umgedrehte Kappe meines Deos, damit es nicht umkippen konnte. Als ich die Lanzette an meinem linken Mittelfinger ansetzte, stieg in mir leichte Panik auf. Zum Glück löste sie aber so schnell den Pieks aus, dass ich keinen Rückzieher machen konnte. Der folgende Teil hat mir jedoch keinen Spaß gemacht: Bis ich das Probenröhrchen bis zur Markierung mit meinem Blut füllen konnte, vergingen einige Minuten Finger massieren und Auffangkünste. Beim Arzt schaue ich bei der Blutabnahme lieber weg. Hier musste ich genau aufpassen, meine Bluttropfen durch die klitzekleine Öffnung des Proberöhrchens zu befördern.
Ergebnis
Das Ergebnis bekam ich drei Tage später per App (laut Anleitung dauert es bis zu fünf Tage). Grafisch aufbereitet erfahre ich, dass mein HoloTC im niedrigen Bereich liegt. Außerdem bekomme ich Werbung für ein Vitamin-B12-Spray sowie das Angebot einer kostenlosen Telefonberatung, falls ich Fragen zu meinem Ergebnis habe. Das Supplement ist deutlich geringer dosiert als das, was meine Hausärztin mir empfohlen hatte: 25 Mikrogramm pro Sprühstoß (versus 1000 Mikrogramm pro Tablette).
Das Ergebnis liegt relativ nah an dem meiner Hausärztin, zumindest habe ich in beiden Fällen herausgefunden, dass ein Verdacht auf Mangel besteht. Nicht schlecht! Zudem muss ich zugeben, dass ich den Test ein paar Tage nach meinem Arztbesuch gemacht habe, da ich das Kleingedruckte (nur an bestimmten Wochentagen einsendbar) nicht gelesen hatte. Das dürfte das Ergebnis minimal beeinflussen.
- Schwierigkeitsgrad: mittel
- Dauer: 20 Minuten, 3 Tage bis zum Ergebnis
- Preis: 50,89 Euro
- Genauigkeit: hoch
Schnipp, schnapp, Haare ab
Als mein Paket von Vitalstoffkraft für die Haaranalyse ankam, dachte ich zunächst, in meiner Bestellung sei gar nichts drin, weil der Karton so flach war. Aber der Inhalt war einfach etwas übersichtlicher als beim Bluttest: eine Anleitung, ein Fragebogen für Gewicht, Alter etc. und ein Papiertütchen für die Haare. Auch hier war ich beim Lesen der Anleitung kurz enttäuscht: Man soll unbedingt Haare vom Körper nehmen, keine ausgekämmten aus der Bürste – das war nämlich meine Hoffnung. Es dürfen aber jegliche Körperhaare sein, nicht nur vom Kopf. Mir war es dennoch suspekt, meine Achselhaare o. a. einzuschicken. Deswegen opferte ich zehn Haare von meinem Kopf, die geforderte Mindestanzahl (zehn bis 20 Haare laut Anleitung).
Bis zum Ergebnis muss man etwas geduldig sein. Angegeben waren zehn Tage, bei mir hat es noch ein paar Tage länger gedauert.
Ergebnis
Der Ergebnisbericht kommt per Mail. Ich empfand es als angenehm, keine extra App für den Vitamin-Selbsttest herunterladen zu müssen. Der Umfang hat mich allerdings etwas erschlagen: 34 Seiten! Am Anfang steht die Übersicht der Nährstoffe – man konnte sich beim Einschicken nicht gezielt einen aussuchen, sondern bekommt einfach ein vorgegebenes Paket analysiert. Dieses Datenblatt nutzt vereinfacht ein Ampelsystem, ob ein Mangel vorliegt oder nicht. Die Überraschung: Hinter Vitamin B12 prangt ein grünes Häkchen – nach den zwei anderen Tests doch eher unwahrscheinlich und ein Zeichen dafür, dass die Analyse wenig verlässlich ist.
Auf den restlichen Seiten des Berichts gibt es Steckbriefe zu den einzelnen Nährstoffen. So erfahre ich etwa, in welchen Lebensmitteln die jeweiligen Nährstoffe enthalten sind und wann ihr Bedarf erhöht ist. Außerdem bekomme ich das Angebot, einen auf mich zugeschnittenen Nährstoffmix zu erwerben.
- Schwierigkeitsgrad: einfach
- Dauer: 5 Minuten, 16 Tage bis zum Ergebnis
- Preis: 53,99 Euro
- Genauigkeit: gering
Stellungnahme des Haaranalyse-Anbieters
Nachdem ich von dem Ergebnis enttäuscht war, fragte ich bei Vitalstoffkraft an, woran es liegen könnte, dass das Ergebnis der Haaranalyse von den anderen abwich. Konkret wollte ich wissen:
- Wie schätzen Sie die Zuverlässigkeit Ihrer Haaranalyse bei Vitamin B12 im Vergleich zur Blutuntersuchung ein?
- Welche wissenschaftliche Basis liegt dem Verfahren zugrunde?
Noch am selben Tag erhielt ich eine Rückmeldung. Zunächst stellt Vitalstoffkraft klar: „Unsere Haaranalyse zur Mikronährstoffbestimmung ist kein Ersatz für eine schulmedizinische Blut- oder Urinuntersuchung – und möchte es auch gar nicht sein. Beide Ansätze verfolgen unterschiedliche Ziele, beruhen auf unterschiedlichen Methoden und lassen sich daher nicht direkt miteinander vergleichen.“
Alternative statt Schulmedizin
Auf meine erste Frage heißt es: „Während eine Blutanalyse punktuell biochemische Ist-Werte im Blutserum misst – z. B. um akute Mängel oder Überversorgungen festzustellen –, verfolgt unsere Haaranalyse einen komplementären, energetischen Ansatz. Sie basiert auf Methoden der Alternativmedizin.“ Weiter heißt es: „Dabei geht es nicht um die Diagnose von Krankheiten, sondern um die Ermittlung des individuellen Nährstoffbedarfs zum Zeitpunkt der Probeentnahme.“
Funktionelle Bedürfnisse statt Mängel
Auch die Methodik wird mir erläutert: „Unsere Analyse scannt auf Basis quantenphysikalischer Prinzipien energetische Reaktionen und macht Zusammenhänge sichtbar, die in einer Blutanalyse einzelner Nährstoffe oft nicht erkannt werden. Dabei entstehen Korrelationsmuster, die Hinweise auf Ungleichgewichte geben – nicht auf konkrete Mängel, sondern auf funktionelle Bedürfnisse des Körpers.“ Konkret bedeute dies, dass die Analyse Hinweise darauf gebe, welche Mikronährstoffe der Körper aktuell besonders gut gebrauchen könne, „unabhängig davon, ob diese im Blut gerade im Normbereich liegen oder nicht“. Es ginge also nicht um absolute Laborwerte, sondern um ein ganzheitliches Bild der aktuellen Versorgungslage. An dieser Stelle sei erneut erwähnt, dass ich zum Zeitpunkt der Probenentnahme definitiv einen Mangel hatte, wie die anderen Tests bestätigen – und den zeigte mir die Haaranalyse nicht.
Ist ein Vitamin-D-Mangel auch an den Haaren erkennbar?
Viele Vitamin-B12-Präparate sind laut „Ökotest“ überdosiert
Mein Fazit: Praktisch, aber mit Vorsicht zu genießen
Vitamin-Selbsttests für zu Hause wirken auf den ersten Blick verlockend: kein Warten beim Arzt, keine unangenehme Blutabnahme – dafür schnelle Ergebnisse bequem aufs Handy. Doch mein Selbstversuch zeigt: Ganz so einfach ist es nicht. Zwar schnitt der Bluttest per Fingerpikser überraschend gut ab und lieferte vergleichbare Werte zum Arztbesuch. Dennoch erhielt ich hier keine medizinische Beratung. Bei der kostenlosen Telefonberatung hätte ich einen Ernährungswissenschaftler am anderen Ende der Leitung gehabt, um Unklarheiten, Symptome und Fragen zur Supplement-Dosierung zu klären. Da ich es nicht in Anspruch genommen habe, kann ich die Qualität im Vergleich zum Arztgespräch nicht beurteilen. Die Haaranalyse hingegen fiel bei Vitamin B12 klar durch: Das Ergebnis wich deutlich von den anderen Tests ab und wirkte daher nicht plausibel. Für die übrigen getesteten Nährstoffe kann ich keine Aussage über die Genauigkeit treffen, da mir hier keine Vergleichswerte vorliegen – mein Vertrauen ist mit dem B12-Ergebnis jedoch bereits verschwunden.
| Gesamt-Vitamin B12 | HoloTC | Schwierigkeitsgrad | Dauer | Preis | Genauigkeit | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Hausarzt | 158 pg/ml | 44 pmol/L | einfach | 1 Stunde für den Termin, 5 Tage bis zum Ergebnis | 33,22 Euro | sehr hoch |
| Bluttest | - | 37,3 pmol/L | mittel | 20 Minuten, 3 Tage bis zum Ergebnis | 50,89 Euro | hoch |
| Haartest | normal | - | einfach | 5 Minuten, 16 Tage bis zum Ergebnis | 53,99 Euro | gering |
Was ich weiterhin problematisch finde, ist, dass die Tests zwar Zahlen liefern, aber keine ärztliche Einordnung oder individuelle Therapieempfehlung. Wie zuvor erwähnt, das Telefongespräch beim Bluttest ist freiwillig, beim Hausarzt werde ich obligatorisch beraten. Gerade bei kritischen Nährstoffen wie Vitamin B12 kann das zu einer falschen Sicherheit führen – oder zu einer unkontrollierten Selbstmedikation.
Mein Fazit: Wer seinen Nährstoffstatus überprüfen möchte, sollte den ärztlichen Weg nicht scheuen. Vitamin-Selbsttests geben eine erste Orientierung, ersetzen jedoch keine medizinische Expertise. Im Zweifel ist ein Pieks in der Praxis weniger schmerzhaft als die Folgen einer Fehldiagnose. Und: Beim Arzt war der Test am günstigsten!
Das Fazit eines Ernährungsmediziners: „Das ist Geschäftemacherei“
Dr. Riedl hat eine klare Haltung zu den Vitamin-Selbsttests: „Das sind keine Alternativen. Das ist Geschäftemacherei.“ Er erklärt es mir ausführlich. „Derzeit erleben wir eine ‚Demokratisierung’ oder besser Verflachung der Medizin, insbesondere der Ernährungsmedizin – getrieben durch Influencer und Geschäftsinteressen. Jeder weiß angeblich Bescheid. Die Wahrheit ist, dass 75 Prozent der Bevölkerung mit gesundheitlichen Angaben nichts anzufangen wissen. Bei den unter 30-Jährigen sind es nur 3,6 Prozent, die solche Informationen differenziert bewerten können. Sprich: Die Industrie trifft auf ein naives Publikum, das sie nach besten Kräften ausnutzt.“ Auch Drip Bars (Vitamininfusionen) und Glukose-Dauertests seien für ihn „eine üble Abzocke“, da diese differenziert interpretiert werden müssten – und, wie hier bewiesen, die Ergebnisse häufig nicht stimmten.