15. Oktober 2025, 13:07 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Hautkrebs vorbeugen mit einer simplen Vitaminergänzung? Was lange wie ein theoretischer Ansatz wirkte, erhält nun starke empirische Unterstützung: In einer Analyse von über 33.000 US-Veteranen zeigte sich, dass Nicotinamid (Niacinamid oder Vitamin B3) das Hautkrebsrisiko senken kann – vorausgesetzt, es wird früh genug eingesetzt.
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Mit Vitamin B3 Hautkrebs vorbeugen?
Hautkrebs zählt zu den häufigsten Krebserkrankungen weltweit. Besonders Menschen mit heller Haut und intensiver Sonnenexposition sind gefährdet. Frühere kleinere Studien und Übersichtsarbeiten hatten bereits Hinweise darauf geliefert, dass Nicotinamid – eine wasserlösliche Form von Vitamin B3 – die DNA-Reparatur in Hautzellen unterstützt und dadurch UV-bedingte Hautschäden begrenzen könnte.1
Ziel der Studie war es, die Wirksamkeit dieser Vitaminergänzung zur Vorbeugung von Hautkrebs im großen Maßstab zu untersuchen. Dabei wurde auch geprüft, ob bestimmte Patientengruppen – darunter Organtransplantierte – unterschiedlich auf die Behandlung ansprechen.
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Die Studie
Die Forscher führten eine retrospektive Kohortenstudie durch. Grundlage waren elektronische Gesundheitsdaten aus der US-amerikanischen Veterans-Affairs-Datenbank für den Zeitraum vom 1. Oktober 1999 bis 31. Dezember 2024.2
Insgesamt wurden 33.822 Patienten einbezogen. 12.287 von ihnen hatten Nicotinamid (500 Milligramm zweimal täglich über mehr als 30 Tage) eingenommen, während 21.479 unbehandelt blieben und als Kontrollgruppe dienten.
Um faire Vergleiche zu ermöglichen, wurden beide Gruppen sorgfältig anhand verschiedener Faktoren abgeglichen – darunter Alter, Geschlecht, Hautkrebs-Vorgeschichte, Begleittherapien (z. B. mit Acitretin) und bestehende Erkrankungen. Als Indexdatum, also der Startpunkt, ab dem Daten erhoben wurden, galt der Zeitpunkt der ersten Nicotinamid-Verschreibung. Der weitere Verlauf wurde mit stratifizierten Cox-Modellen analysiert. Dabei handelt es sich um eine Methode, mit der man z. B. Überlebenszeiten von Studienteilnehmern berechnen kann. In diesem Fall war das Hauptziel der Studie, die Zeit bis zur nächsten Hautkrebsdiagnose zu ermitteln.
Nicotinamid senkte das Hautkrebsrisiko
Das Ergebnis war eindeutig: Nicotinamid senkte das Hautkrebsrisiko insgesamt um 14 Prozent. Besonders deutlich fiel der Effekt aus, wenn die Behandlung nach dem ersten Hautkrebs begann – in dieser Gruppe sank das Risiko sogar um 54 Prozent. Wurde Nicotinamid hingegen erst nach mehreren Hautkrebsdiagnosen eingesetzt, ließ die Schutzwirkung nach.
Die Risikoreduktion betraf sowohl Basalzellkarzinome (eine häufige, meist weniger aggressive Form von Hautkrebs) als auch Plattenepithelkarzinome (cSCC), wobei letztere am stärksten profitierten. Unter den Teilnehmern waren auch 1334 Organtransplantierte. In dieser Hochrisikogruppe ließ sich zwar kein klarer Schutzeffekt nachweisen – doch wer früh mit der Einnahme begann, hatte auch hier ein geringeres Risiko für cSCC.
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Nutzen von Nicotinamid besonders in frühen Krankheitsstadien am größten ist.
Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Trotz der Größe und statistischen Sorgfalt der Untersuchung bleibt ein entscheidender methodischer Punkt kritisch: Es handelt sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie – also keine randomisierte klinische Studie. Ob Nicotinamid tatsächlich ursächlich für das geringere Hautkrebsrisiko verantwortlich ist, lässt sich anhand dieser Daten nicht eindeutig sagen.
Hinzu kommt: Die Daten stammen fast ausschließlich von älteren, weißen, männlichen Veteranen (Durchschnittsalter 77 Jahre). Ob sich die Ergebnisse auf Frauen oder andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen, ist unklar.
Die Forscher kontrollierten weder die tatsächliche Einnahmedauer noch die Therapietreue oder das Gesundheitsverhalten der Patienten, sondern erfassten diese nur über elektronische Daten. Das schränkt die Aussagekraft für die Allgemeinbevölkerung deutlich ein.
Frühere Zellstudie zeigt: Vitamin B3 kann UV-Schäden in Hautzellen deutlich reduzieren
Bereits vor der aktuellen US-Studie hatten Forscher Hinweise auf einen zellulären Schutzmechanismus von Vitamin B3 gefunden. Im Rahmen einer Studie, die beim 29. Kongress der Europäischen Akademie für Dermatologie und Venerologie (EADV) vorgestellt wurde, entnahmen Forscher selbst Hautzellen von Patienten mit weißem Hautkrebs und testeten direkt im Labor, wie die Zellen auf Vitamin B3 reagierten. Diese wurden 18, 24 und 48 Stunden lang mit drei unterschiedlichen Konzentrationen Nikotinamid (NAM) – einer Form von Vitamin B3 – behandelt und dann UV-Strahlen ausgesetzt.3
Das Ergebnis: Eine Vorbehandlung mit 25 μM NAM 24 Stunden vor der Bestrahlung reduzierte oxidativen Stress samt DNA-Schäden maßgeblich. Es scheint so, als ob Vitamin B3 bereits im Vorfeld wichtige Reparaturmechanismen in Gang setzt, die in der Lage sein könnten, Hautkrebs tatsächlich zu verhindern.
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Vorsicht bei der Dosierung
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse sollte Nicotinamid nicht unkritisch eingenommen werden. Zwar gilt es in der empfohlenen Dosierung als sicher, doch sehr hohe Mengen – insbesondere von Niacin, einer anderen Form von Vitamin B3 – können gefährlich sein. Ein Mann verlor 2019 durch eine massive Überdosierung von Vitamin B3 fast sein Augenlicht. Wer Vitamin B3 zur Hautkrebsprophylaxe einnehmen möchte, sollte die Dosierung deshalb unbedingt vorher ärztlich abklären.
Nicht nur Schutz – Hinweise auf Risiken durch bestimmte B3-Formen
Eine bereits 2022 veröffentlichte Tierstudie der University of Missouri stellte eine andere Form von Vitamin B3 – Nicotinamid-Ribosid – in ein kritisches Licht: Sie steht im Verdacht, das Brustkrebsrisiko zu erhöhen und die Ausbreitung von Hirnmetastasen zu begünstigen, wie FITBOOK berichtete. Ob sich diese Ergebnisse auf den Menschen übertragen lassen, ist bislang ungeklärt.