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Langzeitstudie

Überraschend! Wer Bauchfett reduziert, stärkt dieses Organ

Viszerales Fett steht wohl mit der Gesundheit des Gehirns in Zusammenhang
Die Gehirnleistung kann profitieren, wenn Sie viszerales Fett abbauen – zu diesem Ergebnis kam eine neue Studie Foto: Getty Images
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5. Mai 2026, 14:01 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Eine Verbindung zwischen Übergewicht und gesundheitlichen Risiken ist gut belegt. Weniger klar war bislang, welche Rolle die Fettverteilung im Körper für das Gehirn spielt. Eine internationale Langzeitstudie zeigt nun: Entscheidend ist offenbar nicht das Körpergewicht allein, sondern vor allem das sogenannte viszerale Bauchfett. Eine langfristige Reduktion dieses „inneren“ Fetts scheint das Organ im Kopf zu schützen: Es geht laut der Untersuchung mit einem geringeren kognitiven Abbau einher.

Die bekannten Gefahren von Viszeralfett

Der medizinische Begriff „Viszeralfett” bezeichnet Fett, das tief im Bauchraum liegt und die inneren Organe umgibt. Umgangssprachlich wird es daher auch als inneres Bauchfett bezeichnet. Es unterscheidet sich deutlich vom Unterhautfettgewebe, das als sichtbare „Speckröllchen“ auftritt.

Wie der Internist Dr. med. Matthias Riedl FITBOOK in früheren Beiträgen zu dem Thema erklärte, ist Viszeralfett stoffwechselaktiv und wirkt wie eine entzündungsfördernde Drüse. Es setzt Botenstoffe frei, die Entzündungsprozesse im Körper antreiben. Dies kann laut dem Arzt auf die Dauer das Herz-Kreislauf-System belasten und begünstigt somit die Entstehung von Arterienverkalkung.

Doch damit nicht genug. Die durch das innere Bauchfett angestoßenen, unterschwelligen Entzündungsprozesse können auch das Gehirn beeinflussen, warnt Dr. Riedl. Die Folge kann ein erhöhtes Risiko für kognitiven Abbau bis zu Demenz sein. Wie stark dieser Zusammenhang tatsächlich ist und welche Rolle viszerales Fett langfristig für die Gehirngesundheit spielt, hat nun eine internationale Langzeitstudie genauer untersucht.1

Studie untersucht Einfluss von viszeralem Fett auf das Gehirn

Die Untersuchung wurde von einem internationalen Forschungsteam unter Leitung der Ben-Gurion-Universität im Negev durchgeführt; beteiligt waren auch Wissenschaftler der Reichman- und der Harvard-Universität. Vor dem Hintergrund der bekannten gesundheitlichen Risiken von Bauchfett untersuchte das Team, ob eine langfristige Reduktion des viszeralen Fetts mit weniger Hirnabbau (Hirnatrophie, also dem Verlust von Hirnvolumen) und einer besseren kognitiven Leistung verbunden ist.

Die Analyse basiert auf Daten des sogenannten Follow-Interventions-Trials (FIT)-Projekts, das mehrere frühere Lebensstil-Interventionsstudien zusammenführt. Für die aktuelle Nachuntersuchung rekrutierten die Forscher 533 Teilnehmer aus vier dieser randomisierten Studien erneut – zwischen fünf und 16 Jahre nach Abschluss der ursprünglichen Interventionen.

Auch interessant: Kipppunkt! Ab diesem Alter beeinflussen Hirnveränderungen das Gedächtnis

Details zur Untersuchung

Das Forscherteam veranlasste bei den Probanden Magnetresonanztomografien (MRT). Mithilfe dieser Untersuchungen konnten sie sowohl das Bauchfett als auch den Zustand des Gehirns detailliert erfassen. Zusätzlich ermittelte es die kognitive Leistungsfähigkeit der Teilnehmer mit dem Montreal Cognitive Assessment (MoCA), einem standardisierten Test zur Bewertung von Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Denkfähigkeit.

Um die langfristige Belastung durch viszerales Fett zu erfassen, nutzten die Wissenschaftler ein spezielles Maß: die sogenannte „Fläche unter der Kurve“ (area under the curve). Dieses berücksichtigt sowohl die Höhe der Fettwerte als auch deren Dauer über den gesamten Beobachtungszeitraum, von Beginn der Intervention bis zur Nachuntersuchung. Ergänzend flossen verschiedene Stoffwechselparameter (z. B. Blutzuckerwerte, Blutfette und Entzündungsmarker) in die Analyse ein, um mögliche Zusammenhänge mit den Veränderungen im Gehirn zu untersuchen.

Ergebnisse

Die Auswertung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen viszeralem Fett und der Gesundheit des Gehirns über viele Jahre hinweg. So erzielten etwa Probanden mit weniger „innerem Bauchfett“ bessere Ergebnisse im MoCA, was für eine höhere kognitive Leistungsfähigkeit spricht.

Bemerkenswert: Teilnehmer, die während der ursprünglichen Intervention viszerales Fett verloren hatten, wiesen Jahre später ein größeres Gehirnvolumen auf – auch wenn sie insgesamt nicht mehr Gewicht verloren hatten. Die Forscher schließen daraus, dass der gezielte Abbau von Bauchfett von besonderer Bedeutung ist.

Bei einer Untergruppe von Teilnehmern, für die drei MRT-Messungen vorlagen, zeigte sich zudem, dass weniger viszerales Fett über die Jahre mit einem langsameren Rückgang des Gehirnvolumens verbunden war. Dieser Zusammenhang trat nicht beim Unterhautfettgewebe auf – der Effekt war offenbar spezifisch für viszerales Fett. Ein weiterer aussagekräftiger Befund: Verbesserungen der Blutzuckerkontrolle hingen stärker mit positiven Veränderungen im Gehirn zusammen als mit Veränderungen der Blutfette oder Entzündungswerte.

Studienautorin ordnet die Ergebnisse für FITBOOK ein

Studienautorin Dr. Dafna Prachter macht im Gespräch mit FITBOOK deutlich, dass viszerales Fett (VAT) weit mehr ist als ein bloßer Marker für schlechten Stoffwechselzustand. Es sei „ein metabolisch aktives Organ“, das systemische Dysfunktionen und Alterungsprozesse aktiv mit antreibe. Entsprechend müsse VAT nicht nur als Begleiterscheinung, sondern als kausaler Risikofaktor verstanden werden.

Besonders hervorzuheben sei ein zentrales Ergebnis der Studie: Eine geringere Belastung durch viszerales Fett ging mit einer besseren Erhaltung der Hirnstruktur und langfristig stabilerer kognitiver Leistungsfähigkeit einher – und zwar unabhängig vom Körpergewicht oder BMI-Veränderungen. Für andere Fettdepots, etwa subkutanes Fett, ließ sich dieser Zusammenhang nicht nachweisen, was „auf einen spezifischen, einzigartigen Wirkmechanismus des viszeralen Fetts“ hindeute.

Blutzucker als entscheidender Faktor

Auch beim Blutzucker zeigt sich ein klareres Bild als bei anderen Stoffwechselparametern. Vor allem Nüchternglukose und HbA1c-Werte erwiesen sich als entscheidend: Sie standen am stärksten mit der Geschwindigkeit struktureller Hirnveränderungen in Zusammenhang. Gute Blutzuckerkontrolle sei dabei mit einer verlangsamten Hirnatrophie verbunden gewesen. Andere Marker – etwa Blutfette oder Entzündungswerte – zeigten in dieser Untersuchung hingegen keine vergleichbare Aussagekraft.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Langzeitperspektive. Die Daten sprechen laut den Forschern für einen klaren Dosis-Wirkungs-Zusammenhang: „Je geringer die kumulative Belastung durch viszerales Fett über die Jahre, desto besser bleiben Hirnvolumen und kognitive Funktion erhalten.“ Besonders relevant sei dabei nicht nur der langfristige Verlauf, sondern auch frühe Veränderungen: Eine gezielte Reduktion des viszeralen Fetts innerhalb der ersten 18 Monate sagte bereits eine bessere Hirngesundheit nach fünf und sogar zehn Jahren voraus – unabhängig davon, ob später wieder Gewicht zugenommen wurde. Ob es darüber hinaus ein konkretes „Zeitfenster“ gibt, in dem sich bereits entstandene Schäden noch umkehren lassen, bleibt laut der Hauptautorin offen und müsse weiter untersucht werden.

Die Quintessenz der Studie formuliert Dr. Prachter entsprechend klar: Entscheidend sei nicht primär, wie viele Kilos verloren werden, sondern „welche Art von Gewebe reduziert wird“. Anders gesagt: Erfolgreiche Gewichtsreduktion ist vor allem eine qualitative Frage.

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Mögliche Bedeutung der Studie

Lebensstilmaßnahmen, die – etwa durch Ernährung und Bewegung – gezielt auf den Abbau von viszeralem Fett abzielen, könnten somit nicht „nur“ das Risiko für Stoffwechselerkrankungen senken, sondern auch die geistige Leistungsfähigkeit erhalten.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Blutzuckerkontrolle ein möglicher Mechanismus sein könnte, über den viszerales Fett die Gehirngesundheit beeinflusst. Eine stabile Stoffwechsellage scheint somit eine wichtige Rolle für den Erhalt der kognitiven Leistungsfähigkeit zu spielen. Für Menschen mittleren und höheren Alters könnten diese Erkenntnisse helfen, gezieltere Strategien zur Vorbeugung kognitiver Einschränkungen abzuleiten.

» Mehr als Blutzucker: Die Rolle kardiovaskulärer Risikofaktoren

Dr. med. Matthias Riedl, der an der Studie nicht beteiligt war, ergänzt die Ergebnisse um eine wichtige Perspektive: Viszerales Bauchfett beeinflusst nicht nur den Blutzucker, sondern wirkt sich auch auf weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren aus. Dazu zählen insbesondere erhöhter Blutdruck und ungünstige Blutfettwerte.

Diese Faktoren stehen ihrerseits in engem Zusammenhang mit kognitivem Abbau. Oder zugespitzt formuliert: „Das Bauchfett wirkt nicht isoliert, sondern über ein ganzes Bündel an Risikofaktoren, die gemeinsam die Gehirngesundheit beeinflussen.“ Damit stützt die Einschätzung die Ergebnisse der Studie und erweitert sie um einen plausiblen biologischen Zusammenhang.

Prävention als Baustelle – und digitale Ansätze

Vor diesem Hintergrund bekommt auch die Prävention eine neue Bedeutung – gerade in Deutschland. Im europäischen Vergleich gilt das Land als Nachzügler, wenn es um präventive Maßnahmen geht. Ein neuer Ansatz kommt aus der digitalen Versorgung: Die Ernährungstherapie-App MyFoodDoctor hat als erste volldigitale Präventionsleistung eine Zulassung zur (teilweise bis vollständigen) Kassenerstattung erhalten. Das gilt als Novum im deutschen Gesundheitssystem. Hintergrund ist auch ein strukturelles Problem: Derzeit stehen bundesweit nur rund 1.500 zertifizierte Ernährungsfachkräfte zur Verfügung. Digitale Angebote könnten helfen, diese Lücke zu schließen – „sozusagen der Ernährungsdoc für zu Hause, auf Rezept“, erklärt Dr. Riedl.

Einschränkungen

Die konsistenten Ergebnisse über verschiedene Analysen hinweg sind ein starkes Indiz für die Bedeutung von viszeralem Fett für den Zustand des Gehirns. Allerdings ist auch auf Einschränkungen der Studie hinzuweisen.

Zunächst zum Probandenpool. Mit einem Anteil von rund 86 Prozent waren die meisten Untersuchungsteilnehmer männlich. Die Ergebnisse sind daher möglicherweise nicht auf Frauen übertragbar. Außerdem hatten die Teilnehmer bereits an Lebensstilstudien teilgenommen. Sie könnten sich somit in wichtigen Merkmalen von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden, beispielsweise hinsichtlich ihrer Motivation oder Gesundheitsbewusstheit.

Weiterhin handelt es sich bei der Nachuntersuchung um eine Beobachtungsanalyse. Zwar können also Zusammenhänge aufgezeigt werden, jedoch keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Auch wenn verschiedene Stoffwechselparameter berücksichtigt wurden, lassen sich nicht alle möglichen Einflussfaktoren vollständig ausschließen.

Quellen

  1. Pachter, D., Klein, H., Kamer, O. et al (2026). Sustained visceral fat loss is associated with attenuated brain atrophy and improved cognitive function in late midlife. Nature. ↩︎

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