20. Januar 2026, 13:33 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Mit dem Alter verändert sich nicht nur der Körper – auch das Gehirn baut langsam ab. Dieser schleichende Prozess, auch Gehirnatrophie genannt, betrifft uns alle. Doch wenn sich das Gehirn einer Person über die Jahre messbar verändert – ist dann gleichzeitig auch ein Gedächtnisverlust messbar? Laut einer neuen Studie gibt es eine Altersschwelle, ab der zumindest das Risiko dafür steigt.
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Ab 60 nimmt die Wahrscheinlichkeit zu, dass der Hirnabbau auch Gedächtniseffekte hat
Zentraler Befund einer aktuellen Studie, für die ein internationales Forscherteam mehr als 10.000 MRT-Bilder und über 13.000 Gedächtnistests von über 3700 gesunden Erwachsenen ausgewertet hat: Ab dem 60. Lebensjahr verändert sich im Kopf etwas Grundlegendes: Während das Gehirn zuvor selbst stärkere strukturelle Veränderungen oft noch gut ausgleichen konnte, tauchen ab diesem Alter erste moderate Zusammenhänge zwischen Hirnveränderung und Gedächtnisverlust auf. Ab diesem Alter lässt sich ein möglicher Kipppunkt vermuten. Sehr viel deutlicher soll der Zusammenhang jedoch erst später sein.1
Im Mittelpunkt der nun in „Nature Communications“ veröffentlichten Studie stand die Frage der Forscher, ab welchem Alter sich Veränderungen im Gehirn spürbar auf das Erinnerungsvermögen eines Menschen auswirken – und welche Bereiche im Hirn dabei eine Schlüsselrolle spielen.
Große und langfristige Datensätze über Jahre analysiert
Zahlreiche frühere Studien hatten bereits auf Zusammenhänge zwischen Hirnstruktur und Gedächtnis hingewiesen – insbesondere im Bereich des Hippocampus.2,3,4 Diese Untersuchungen basierten jedoch größtenteils auf Einzelmessungen oder kleinen Stichproben.5 Die neue Analyse geht deutlich weiter: Sie kombiniert große, langfristig erhobene Datensätze und erlaubt, individuelle Veränderungen über Jahre hinweg präzise zu verfolgen.
Auch interessant: Kipppunkt identifiziert! Ab diesem Alter beginnt Gebrechlichkeit
„Kipppunkte“ für Hirnabbau und Gedächtnisleistung – die Ergebnisse im Einzelnen
Die 3737 – geistig gesunde – Personen wurden 1,5 Jahre lang mehrfach untersucht. Dabei erhielten sie wiederholt standardisierte Hirnscans sowie kognitive Tests, bei denen vor allem das episodische Gedächtnis erfasst wurde. Damit ist die Fähigkeit gemeint, sich an Listen, Begriffe oder kürzlich Erlebtes zu erinnern.
Die Analyse zeigt: Vor allem im Hippocampus, der als zentrale Schaltstelle für das Erinnern gilt, beginnt dieser Zusammenhang im Laufe der Zeit messbar zu werden. Ab 60 zeigt sich dort immer häufiger: Wenn die Hirnsubstanz nachlässt, beginnt auch das Erinnerungsvermögen, abzunehmen.
Ab etwa 70 wird dieser Zusammenhang deutlich stärker
Doch: Der gleiche Grad an Hirnveränderung geht ab 70 Jahren deutlich häufiger mit Gedächtnisverlust einher. Die Ausgleichsmechanismen des Gehirns lassen dann weiter nach.
- Selbst bei Menschen mit bislang kaum messbarem Abbau – den sogenannten „Brain Maintainern“ – zeigt sich nun erstmals ein Zusammenhang zwischen Hirnstruktur und Gedächtnisleistung.
- Die Verbindung zwischen strukturellem Rückgang im Gehirn und nachlassendem Erinnerungsvermögen wird ab 70 deutlich stärker.
- Und: Neben dem Hippocampus – dem Gedächtniszentrum – zeigen auch andere Hirnareale jetzt zunehmend Einfluss auf das Erinnern.
Ab 80 Jahren erreicht der Zusammenhang seinen Höhepunkt
In den 80ern erreicht die Anfälligkeit des Gedächtnisses laut den Forschern ihren Höhepunkt: Schon kleine Veränderungen in bestimmten Hirnregionen können das Erinnerungsvermögen deutlich beeinträchtigen.
- Gerade im hohen Alter unterscheiden sich die Gehirne stärker als in jüngeren Jahren. Wer sein Gedächtnis noch lange erhalten kann, hängt daher stark vom individuellen Verlauf des Alterns ab.
- Das Gehirn hat kaum noch Reserven, um Verluste auszugleichen. Es wird anfälliger für selbst kleine strukturelle Veränderungen.
- Der Zusammenhang zwischen Hirnstruktur und Gedächtnis ist nun so ausgeprägt, dass schon leichte Schrumpfungen messbar das Erinnern erschweren.
Warum bleiben manche Hirne stabil?
Nachdem die Altersschwelle beim Zusammenhang zwischen Gehirnveränderung und Gedächtnis identifiziert war, wollten die Forscher genauer verstehen, warum manche Menschen im Alter stärker betroffen sind als andere. Dazu wurden die Teilnehmer in zwei Gruppen eingeteilt – je nachdem, wie stark sich ihr Gehirn im Vergleich zu Gleichaltrigen veränderte. Die Forscher unterteilten sie in Brain Decliners und Brain Maintainers:
- Brain Decliners (Abbauer): Personen in dieser Gruppe zeigten überdurchschnittlich starke Veränderungen in der Hirnstruktur – etwa eine schnellere Abnahme der Hirnrinde oder einen schnell schrumpfenden Hippocampus.
- Brain Maintainers (Erhalter): Ihr Gehirn blieb im Vergleich zu ihren Altersgenossen weitgehend stabil oder veränderte sich nur minimal.
Hierbei erfolgte die Einteilung nicht willkürlich, sondern sie basierte auf zwei zentralen Messmethoden:
- MRT-Hirnscans: Mithilfe von MRT-Bildern und statistischen Vergleichsmodellen nahmen die Forscher 166 Hirnregionen unter die Lupe. So konnten sie für jede einzelne Person berechnen, wie stark sich das Gehirn im Laufe der Jahre verändert hat und wie diese Veränderungen im Vergleich zu Gleichaltrigen aussahen.
- Gedächtnistests: Zusätzlich machten die Teilnehmenden wiederholt Tests, bei denen vor allem das sogenannte episodische Gedächtnis geprüft wurde. Also die Fähigkeit, sich an kürzlich Gelerntes, Wörter oder Erlebnisse zu erinnern.
Aufgrund dieser Vorgehensweise konnten die Forscher erkennen, wer im Alter besser mit Veränderungen im Gehirn zurechtkommt – und wer nicht.
Die „Schaltzentralen“ des Vergessens: Wo der Abbau stattfindet, ist offenbar wichtiger als wie viel
Am stärksten fiel der Zusammenhang zwischen Hirnabbau und Gedächtnisleistung, wie bereits erwähnt, im Hippocampus auf. Diese Region liegt tief im Schläfenbereich des Gehirns und spielt eine zentrale Rolle dabei, neue Erinnerungen zu speichern – zum Beispiel an Gespräche, Erlebnisse oder Situationen im Alltag.6
Doch der Hippocampus war nicht die einzige betroffene Region. Insgesamt fanden die Forscher 19 Hirnareale, deren Abbau mit einem schlechteren Erinnerungsvermögen verbunden war. Besonders auffällig: Viele dieser Bereiche erfüllen Funktionen, die für das Erinnern, Einordnen und Verknüpfen von Erfahrungen entscheidend sind.
Dazu gehört die Amygdala, die Erlebnisse mit Gefühlen verknüpft.7 Der Thalamus koordiniert Sinneseindrücke und leitet sie weiter.8 Und der Parahippocampus hilft bei der Orientierung im Raum – zum Beispiel dabei,um sich zu merken, wo etwas liegt.9
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Das Risikogen – ein biologischer Zeitbeschleuniger?
So drastisch würden es die Forscher vermutlich selbst nicht formulieren – aber die Metapher trifft einen wichtigen Punkt: Träger des sogenannten APOE ε4-Gens, dem bekanntesten genetischen Risikofaktor für Alzheimer, zeigen in der Studie keinen grundsätzlich anderen Alterungsverlauf, aber der Zeitpunkt, ab dem sich Hirnabbau auf das Gedächtnis auswirkt, verschiebt sich nach vorn.
Bis etwa zum 60. Lebensjahr schneiden Gen-Träger in Gedächtnistests oft sogar besser ab als Nicht-Träger. Doch danach beginnt der strukturelle Abbau früher und schneller – insbesondere in empfindlichen Regionen wie dem Hippocampus und der Amygdala.
Man könnte also sagen: Das Gen wirkt nicht wie ein Beschleuniger im eigentlichen Sinn, sondern eher wie ein früher Startschuss. Der zugrunde liegende Mechanismus bleibt bei allen gleich, setzt aber bei Gen-Trägern früher ein.
Was zählt wirklich für unser Gedächtnis?
Die Studie zeigt: Es gibt nicht das eine „Gedächtniszentrum“, das allein für Vergesslichkeit verantwortlich ist. Entscheidend ist vielmehr ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Zum einen spielt der Ort eine Rolle – also, ob der Abbau das Gehirn insgesamt betrifft oder besonders empfindliche Regionen wie den Hippocampus. Zum anderen kommt es darauf an, wie gut das Gehirn mit diesen Veränderungen umgehen kann.
Manche Menschen, wie die Brain Maintainers, gleichen kleinere Verluste lange aus. Bei anderen – den Brain Decliners – führen schon erste Veränderungen ab etwa 60 Jahren zu messbaren Einbußen. Und schließlich geht es auch um das Tempo: Mit steigendem Alter wird das Gehirn anfälliger. Wer zusätzlich das Alzheimer-Risikogen APOE ε4 trägt, erreicht diesen Punkt früher – das Gen beschleunigt den Prozess, verändert aber nicht den Mechanismus selbst.
Was die Studie nicht beantworten kann
Trotz der großen Datenbasis hat auch diese Untersuchung Grenzen. Die Daten stammen aus unterschiedlichen Studien mit jeweils eigenen Testverfahren und Teilnehmergruppen. Zwar harmonisierten die Forscher die Daten sorgfältig, doch kleinere Unterschiede blieben bestehen.
Außerdem konzentrierte sich die Studie ausschließlich auf das episodische Gedächtnis – also das Erinnern an persönliche Erlebnisse. Andere geistige Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit oder Sprache wurden nicht untersucht.
Auch bei der Messung des Hirnabbaus gibt es Einschränkungen. Die Forscher nutzten MRT-Bilder, um das Volumen einzelner Hirnregionen über die Zeit hinweg zu verfolgen. Zwar zeigten die Aufnahmen, wie stark bestimmte Bereiche – etwa der Hippocampus – geschrumpft sind. Sie sagen aber nichts darüber aus, wie stark diese Veränderung im Alltag zu spüren ist oder ob daraus später eine Demenz entstehen kann.
Ein Punkt schränkt die Ergebnisse zusätzlich ein: Für manche Teilnehmende lagen keine genetischen Daten vor. Zudem zeigt die Studie zwar, dass bestimmte Dinge zusammenhängen – wie der Zustand des Gehirns und das Erinnerungsvermögen. Aber ob das eine wirklich die Ursache für das andere ist, lässt sich daraus nicht eindeutig sagen. Es ist also unklar, ob der Abbau im Gehirn direkt zum Gedächtnisverlust führt oder ob beide Entwicklungen durch andere Einflüsse entstehen.
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Was die Ergebnisse für den Alltag bedeuten
Der Alterungsprozess im Gehirn verläuft individuell und nicht jeder Rückgang ist gleich besorgniserregend. Die Studie zeigt: Kleinere Veränderungen bleiben oft folgenlos. Entscheidend ist, wie stark das Gehirn betroffen ist und wie gut es gelingt, diese Veränderungen auszugleichen.
Gerade im höheren Alter lohnt es sich, frühzeitig etwas für die geistige Gesundheit zu tun. Dazu gehören geistige Aktivität, körperliche Bewegung, soziale Kontakte und ausreichend Schlaf. Wer früh beginnt, schafft gute Voraussetzungen, um die Leistungsfähigkeit des Gehirns möglichst lange zu erhalten.
Fazit
Die Studie macht deutlich, dass Gedächtnisveränderungen im Alter nicht automatisch auf eine Erkrankung hinweisen. Nicht jede Veränderung im Gehirn führt zu Problemen. Vielmehr hängt der Effekt davon ab, wie stark bestimmte Regionen betroffen sind und wie gut das Gehirn darauf reagiert. Wer geistig und körperlich aktiv bleibt, stärkt diese Fähigkeit zur Kompensation und kann damit länger geistig fit bleiben.