Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für Fitness, Gesundheit und Ernährung
Frauengesundheit Interview Wechseljahre Alle Themen
Dr. Swaantje Taube im Interview

»Die Wechseljahre kosten die deutsche Wirtschaft jedes Jahr Milliarden

Interview mit Swaantje Taube über Gesundheit, Disziplin und Neubeginn ab fünfzig. Welche Chancen entstehen jetzt?
Interview mit Swaantje Taube über Gesundheit, Disziplin und Neubeginn ab fünfzig. Welche Chancen entstehen jetzt? Foto: FITBOOK/Getty Images
Artikel teilen
Julia Freiberger
Ernährungsexpertin

5. Mai 2026, 11:05 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten

Die Wechseljahre sind für viele Frauen eine Phase tiefgreifender körperlicher und mentaler Veränderungen – und werden dennoch oft unterschätzt. Dabei reichen die Auswirkungen weit über das Individuelle hinaus: Jährlich entstehen erhebliche wirtschaftliche Kosten, weil Frauen ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem Berufsleben ausscheiden. Im Gespräch mit FITBOOK ordnet Dr. Swaantje Taube ein, warum das Thema noch immer zu wenig Beachtung findet und welche Konsequenzen das hat.

Die Autorin, Speakerin und ehemalige Anwältin spricht über ihr Buch „Happiness & Longevity – Das Mutmachbuch für Frauen 50+“, ihre persönlichen Erfahrungen mit Krankheit und Veränderung sowie darüber, warum Disziplin wichtiger ist als Motivation – und weshalb es nie zu spät ist, neu anzufangen.

„Es braucht mehr Tiefe, mehr Struktur und etwas, worauf Frauen zurückgreifen können“

FITBOOK: Was war der konkrete Auslöser für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Dr. Swantje Taube: „Der konkrete Auslöser war tatsächlich die Anfrage vom Christian Verlag. Der Verlag hat mich 2025 angeschrieben und gefragt, ob ich mir ein Buch zu Longevity und dem Leben von Frauen mit 50 plus vorstellen kann. Und ich wusste sofort, ja. Nicht, weil ich schon lange geplant hatte, ein Buch zu schreiben, sondern weil ich gemerkt habe, dass da gerade etwas zusammenkommt. Ich habe auf meinen Social-Media-Kanälen immer mehr über Longevity, Wechseljahre und meinen eigenen Weg gesprochen und gemerkt, was das auslöst. Wie viele Frauen sich darin wiederfinden, wie viele Fragen kommen und wie groß der Bedarf ist. Gleichzeitig sind soziale Medien extrem flüchtig. Eine Story ist schnell weg, ein Reel läuft ein paar Sekunden und verschwindet wieder. Aber die Themen bleiben. Und mir war klar, das braucht mehr Tiefe, mehr Struktur und etwas, worauf Frauen wirklich zurückgreifen können. Eine Art Ratgeber, Nachschlagewerk. Und ich wusste auch noch genau, wie ich selbst nach meiner Erkrankung nach Orientierung gesucht hatte und wie wichtig es war, von anderen Frauen zu lernen. In dem Moment war es keine strategische Entscheidung mehr, sondern eher das Gefühl, das ist jetzt dran.“

Vom Social-Media-Thema zum Buch

FITBOOK: Wann hatten Sie das Gefühl: Dieses Thema muss jetzt ein Buch werden?
„Die Anfrage war der Auslöser, aber innerlich war das Thema schon länger da. Ich habe gemerkt, wie stark die Reaktionen auf meine Inhalte sind und dass es eben nicht nur mich betrifft, sondern unglaublich viele Frauen. Und zwar nicht erst ab 50. Je früher wir uns mit präventiver Medizin beschäftigen, desto besser. Was es für mich dann wirklich klar gemacht hat, war meine eigene Veränderung. Ich hatte Schmerzen, dieses typische Ziehen in den Gelenken, wenig Energie, und das ist heute weg. Meine Blutwerte haben sich verbessert, ich habe wieder Kraft aufgebaut und ein komplett anderes Körpergefühl. Und das kam nicht irgendwann, sondern relativ schnell, nachdem ich angefangen habe, Dinge wirklich zu verändern. Da war für mich klar, das ist ein echter Hebel für Lebensqualität. Und genau dafür braucht es mehr als einzelne Posts. Es braucht ein Buch mit einem konkreten Fahrplan zur Umsetzung.“

„Motivation hilft am Anfang, aber was wirklich trägt, ist Disziplin“

FITBOOK: Viele Gesundheitsbücher versprechen Orientierung – was macht Ihres anders?
„Ich glaube, mein Buch ist deshalb anders, weil es Gesundheit nicht isoliert betrachtet. Es geht bei mir nicht nur um Blutwerte, Muskeln, Ernährung oder Schlaf. Natürlich ist all das wichtig. Aber es greift zu kurz, wenn wir so tun, als ließe sich ein gutes Leben nur über Laborwerte erklären. Gerade wir Frauen erleben doch, wie sehr alles miteinander zusammenhängt. Körper, Geist, Ausstrahlung, Selbstbild, Haltung, Kleidung, Energie, Disziplin, Freude. Das beeinflusst sich alles gegenseitig. Ich habe das selbst sehr stark erlebt. Nach meiner Brustkrebserkrankung 2020, in den Wechseljahren, mit Schmerzen, mit Erschöpfung, auch mit dem Blick in den Spiegel. Wenn Haare ausfallen oder man sich im eigenen Körper nicht mehr zu Hause fühlt, dann ist das eben nicht nur äußerlich. Das macht etwas mit dem Selbstwert, mit der Haltung, mit der Art, wie man sich zeigt und wie man in die Welt geht. Und umgekehrt habe ich erlebt, wie Krafttraining, gute Ernährung, bessere Routinen und auch ein bewusster Umgang mit mir selbst nicht nur meinen Körper verändert haben, sondern auch meine innere Stabilität. Ich stand wieder anders da. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.“

Auch interessant: »Erst Brustkrebs, dann plötzlich Menopause – so habe ich beides erlebt

»Frauen werden mit den Wechseljahren allein gelassen

FITBOOK: Gab es Stellen im Buch, an denen Sie bewusst Haltung zeigen wollten – auch auf die Gefahr hin, anzuecken?
„Ja, ganz klar beim Thema Wechseljahre. Mir war es extrem wichtig, diesem Thema ein eigenes Kapitel zu geben, weil ich finde, dass Frauen hier bis heute viel zu oft allein gelassen werden. Es heißt zwar immer, das sei längst kein Tabuthema mehr. Wenn ich mir aber anschaue, wie viele Frauen mir schreiben, wie viele Beschwerden sie über Jahre haben und wie oft sie nicht ernst genommen werden, dann stimmt das so einfach nicht. Viele reduzieren die Wechseljahre immer noch auf ein paar Hitzewallungen und denken, danach ist alles wieder wie vorher. Das ist nicht die Realität. Wir sprechen über Perimenopause, Menopause und Postmenopause, und die hormonellen Veränderungen verschwinden ja nicht einfach wieder. Die Folgen bleiben, körperlich und mental.“

„Wir reden hier nicht über ein Randthema“

Was stört Sie bei dem Thema besonders?
„Wie wenig das strukturell gesehen wird. Wir reden hier nicht über ein Randthema. Es gibt Berechnungen, dass die Wechseljahre die deutsche Wirtschaft jedes Jahr Milliarden kosten, rund neun Milliarden Euro, weil Frauen ausfallen, ihre Arbeitszeit reduzieren oder ganz aus dem Job gehen. Das ist kein Nischenthema, das ist ein massiver Faktor, über den viel zu wenig gesprochen wird. Gleichzeitig haben wir ein Problem in der Medizin. Frauen sind keine kleinen Männer. Sie haben andere Symptome, andere Verläufe, auch bei klassischen Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Themen. Und trotzdem wird das in der Ausbildung und im Alltag noch viel zu wenig berücksichtigt. Ich wünsche mir, dass Frauen viel früher informiert werden. Dass man nicht erst reagiert, wenn die Beschwerden da sind, sondern vorbereitet ist und versteht, was im eigenen Körper passiert.“

Warum ist es Ihnen so wichtig, die Problempunkte anzusprechen?
„Und mir war auch wichtig, das offen anzusprechen, weil viele Frauen im Berufsleben genau daran scheitern. Sie funktionieren weiter, obwohl sie erschöpft sind, schlecht schlafen, Konzentrationsprobleme haben oder sich selbst nicht mehr wiedererkennen. Und sie sprechen nicht darüber, aus Angst, nicht mehr belastbar zu wirken. Ich habe diesen Druck nicht. Ich bin frei in dem, was ich sage. Und genau deshalb finde ich, dass ich meine Stimme dafür nutzen sollte.“

Kritik am Anti-Aging-Narrativ

FITBOOK: Wo haben Sie sich ganz bewusst gegen gängige Narrative oder Trends gestellt?
„Ein Punkt, bei dem ich ganz bewusst gegen ein gängiges Narrativ gehe, ist dieses ganze Anti-Aging-Denken. Der Begriff begegnet uns ja überall, vor allem in der Kosmetik. Cremes, Behandlungen, Versprechen, möglichst lange jung auszusehen. Und auf den ersten Blick wirkt das harmlos, fast normal. Aber wenn man genauer hinschaut, steckt da eine Haltung dahinter, die ich kritisch sehe. Ich bin nicht gegen das Älterwerden. Im Gegenteil. Für mich ist es ein Privileg. Gerade wenn man wie ich erlebt hat, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist, verändert sich der Blick komplett. Mir geht es um Well-Aging. Also darum, wie wir gesund, kraftvoll und selbstbestimmt älter werden. Nicht darum, krampfhaft jünger auszusehen.“

Und äußerliche Eingriffe, um jünger auszusehen?
„Was jede Frau daraus macht, ist ihre Entscheidung. Ob jemand Botox nutzt, ästhetische Behandlungen macht oder komplett natürlich bleibt, das bewerte ich nicht. Aber ich stelle dieses Grundnarrativ infrage, dass wir Altern grundsätzlich bekämpfen müssen. Denn genau das vermittelt unterschwellig, dass wir mit zunehmendem Alter an Wert verlieren. Und das stimmt einfach nicht. Eine Frau ist nicht weniger wert, nur weil sie älter wird oder nicht mehr in dieser klassischen biologischen Rolle ist. Ich finde, wir sollten anfangen, Alter anders zu sehen. Als Entwicklung. Als Phase, in der Erfahrung, Klarheit und Stärke entstehen. Und wenn wir gleichzeitig etwas für unsere Gesundheit tun, dann geht es am Ende nicht um ein jüngeres Aussehen, sondern um etwas viel Wichtigeres: um Freiheit.“

Mehr zum Thema

Buchtitel als Signal zum Handeln

FITBOOK: Wie ist der Buchtitel entstanden – und was wollten Sie damit auslösen?
„Der Titel ist aus genau dem Gefühl entstanden, das ich bei vielen Frauen sehe: dieses ‚Da geht noch mehr‘, aber oft verbunden mit Unsicherheit oder Aufschieben. Ich wollte mit dem Titel bewusst etwas auslösen. Nicht nur informieren, sondern bewegen. Frauen 50+ sollen sich angesprochen fühlen und merken: Es ist nicht zu spät. Im Gegenteil. Jetzt ist genau der richtige Moment, Dinge zu verändern. ‚Happiness & Longevity‘ verbindet für mich zwei Dinge, die zusammengehören und viel zu oft getrennt gedacht werden. Ein langes Leben allein reicht nicht. Es geht darum, wie wir leben. Mit Energie, Gesundheit und innerer Klarheit. Und gleichzeitig ist das kein Buch nur für Frauen 50+. Je früher wir beginnen, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen, desto besser. Ob 30, 40 oder 50 – es geht immer darum, heute anzufangen. Genau das soll der Titel transportieren: Du kannst Einfluss nehmen. Auf deinen Körper, dein Mindset und dein Leben. Und der richtige Moment ist nicht irgendwann. Sondern jetzt.“

Die zentrale Botschaft: Handeln statt Warten

FITBOOK: Welche Botschaft war Ihnen beim Schreiben am wichtigsten?
Meine wichtigste Botschaft ist: Gib alles. Nur nicht auf. Das ist mein roter Faden. Durch alles, was ich erlebt habe. Ob Neuanfang, Umbrüche oder Krankheit. Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Wir haben alle Zweifel. Wir haben alle Angst. Der Unterschied ist, ob wir trotzdem ins Handeln kommen. Ich wollte zeigen, dass Veränderung immer möglich ist. Schritt für Schritt. Und dass wir Entscheidungen nicht von perfekten Bedingungen abhängig machen sollten. Die gibt es nicht. Es gibt nie den perfekten Zeitpunkt. Irgendetwas spricht immer dagegen. Für mich beginnt alles mit dem „Ob“. Das ist mein Bauchgefühl. Mein innerer Kompass. Und wenn diese Entscheidung getroffen ist, kommt der Kopf ins Spiel. Dann geht es um das „Wie“. Strukturiert, realistisch, angepasst an die eigenen Möglichkeiten. Genau deshalb ist es ein Mut- und Mitmachbuch. Es geht nicht ums Lesen. Es geht ums Umsetzen. Und vor allem: weg vom „Ich muss“, hin zu „Ich darf“. Wir dürfen für uns losgehen. Wir dürfen unser Leben gestalten. Und genau darin liegt die Kraft.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.