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Gesundheitsexperte im Interview

»Das ist der größte Fehler im Longevity-Hype

Nils Behrens plädiert für ein neues Verständnis von Longevity – und definiert Gesundheit als gelebte Freiheit.
Nils Behrens plädiert für ein neues Verständnis von Longevity – und definiert Gesundheit als gelebte Freiheit. Foto: Getty Images/FITBOOK/Nils Behrens
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18. Februar 2026, 13:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Warum ein weiteres Longevity-Buch? Nils Behrens hat mit mehr als 350 Experten gesprochen, komplexe Forschung durchdrungen – und sich bewusst gegen Heilsversprechen entschieden. Für ihn geht es nicht um Selbstoptimierung oder Unsterblichkeit, sondern um etwas Grundsätzlicheres: Gesundheit ist Freiheit. Und für Freiheit lohnt es sich zu kämpfen. Im Interview erklärt er, warum ihn der Begriff Longevity stört, weshalb Freiheit für ihn zum zentralen Maßstab für gesundes Altern geworden ist und warum ausgerechnet Freundlichkeit ein unterschätzter Gesundheitsfaktor sein könnte.

Sein Buch „Spaziergang zur Unsterblichkeit“ ist ab heute erhältlich.

Vom Vortrag zum Buchprojekt

FITBOOK: Wann und in welcher Situation kam Ihnen erstmals der Gedanke, aus diesem Thema ein Buch zu machen?
„Der Auslöser war ein Vortrag. Ich wurde gefragt, ob ich mein Wissen einmal komprimiert präsentieren könnte. Diesen Vortrag habe ich anschließend zehn bis 15 Mal gehalten. Mit jedem Durchgang kamen neue Aspekte hinzu, die mir wichtig erschienen. Der Vortrag wurde immer dichter, inhaltlich immer stärker – für viele Zuhörer aber auch zunehmend überfordernd.“

Wie haben die Menschen darauf reagiert?
„Nach den Vorträgen waren viele sehr beeindruckt, gleichzeitig aber auch erschlagen. Auffällig war das große Interesse an weiterführendem Material. Viele fragten nach Folien oder Unterlagen. Da ich bewusst ohne Textfolien arbeite und nur mit Bildern präsentiere, wurde mir klar, dass dieses Thema eine andere Form braucht – eine Form, in der man Inhalte nachlesen, vertiefen und einordnen kann.“

Mehr als nur Lebensverlängerung

Longevity ist derzeit stark präsent. Wann hatten Sie das Gefühl, Ihre Erfahrungen bündeln zu wollen?
„Das ist über Jahre entstanden. Ich habe mit mehr als dreihundertfünfzig Expertinnen und Experten zu Gesundheit und Longevity gesprochen. Dabei gab es immer wieder Gespräche, die mich überrascht haben. Vor allem Themen, die auf den ersten Blick gar nicht offensichtlich mit Longevity zu tun haben.“

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
„Freundlichkeit. Eine Freundin von mir, Psychologin und Gründerin eines Start-ups, schrieb ein Buch über Freundlichkeit und fragte mich, ob das etwas für meinen Podcast sei. Meine erste Reaktion war ehrlich gesagt skeptisch. Nach der Lektüre war ich überrascht, wie viel Substanz darin steckt. Das Interview wurde eines der besten Gespräche, die ich im vergangenen Jahr geführt habe. Es war nicht besonders erfolgreich, weil viele Menschen dachten: Warum soll ich mir eine Stunde über Freundlichkeit anhören? Gleichzeitig bekam ich von jedem, dem ich die Folge empfohlen habe, begeistertes Feedback. Genau deshalb habe ich dieses Thema auch ins Buch integriert.“

Auch interessant: Studie identifiziert wichtigsten Longevity-Faktor

„Ich hasse Longevity“

Sie eröffnen das Buch mit dem Satz: „Ich hasse Longevity.“ Warum dieser provokante Einstieg?
„Der Begriff Longevity ist aus meiner Sicht irreführend. Es geht mir nicht darum, möglichst lange zu leben oder Unsterblichkeit zu erreichen. Im Mittelpunkt steht für mich die Frage, wie wir unsere gesundheitliche Freude und unsere Freiheit so lange wie möglich erhalten können.“

Was bedeutet Freiheit in diesem Zusammenhang für Sie persönlich?
„Ganz konkrete Alltagsfreiheit. Ich war am Wochenende Skifahren. Ein Freund von mir fährt technisch deutlich besser als ich, musste aber jeden Mittag aufhören, weil ihm die Knie wehgetan haben. Das ist für mich ein massiver Verlust an Freiheit. Oder nehmen Sie das Reisen: Ich trage mein gesamtes Gepäck selbst, inklusive Skiausrüstung. Dass mein Körper das mitmacht, empfinde ich als großes Privileg. Diese Form von Freiheit möchte ich mir so lange wie möglich bewahren.“

Braucht die Welt noch ein weiteres Longevity-Buch?

Warum trägt das Buch den Titel ‚Der Spaziergang zur Unsterblichkeit‘?
„Der Titel ist bewusst überhöht. Die zentrale Frage lautet doch: Braucht die Welt noch ein weiteres Longevity-Buch? Der Markt ist voll mit Ratgebern, die starre Pläne und einfache Lösungen versprechen. Mein Ansatz ist ein anderer. Ich begleite die Leserinnen und Leser durch die Welt der Longevity, erkläre Zusammenhänge und ermögliche ihnen, selbst zu entscheiden, was sie in ihr Leben integrieren möchten.“

Sie erklären komplexe biologische Prozesse mit sehr anschaulichen Bildern. Warum war Ihnen das wichtig?
„Verständnis ist der entscheidende Hebel. Nehmen Sie seneszente Zellen, die sogenannten Zombie-Zellen. Die meisten Menschen haben davon noch nie gehört. Ich erkläre sie anhand eines Supermarktparkplatzes: Bleiben dort kaputte Autos stehen, blockieren sie Plätze. Irgendwann funktioniert das gesamte System nicht mehr. Dieses Bild macht sofort klar, warum Alterungsprozesse entstehen – und warum bestimmte Interventionen sinnvoll sind.“

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Buch?

„Jeder Leser soll daraus seinen eigenen, persönlichen Plan entwickeln können. Ich halte nichts davon, das Leben so zu optimieren, dass es sich nicht mehr nach Leben anfühlt.“

Sie zitieren im Buch auch extreme Beispiele wie Brian Johnson. Warum?
„Diese Beispiele zeigen, dass Extreme funktionieren können – aber nicht für alle. Dieses Leben passt zu ihm. Für die meisten Menschen wäre es nicht lebenswert. Longevity darf kein Dogma sein. Bewegung, Krafttraining und Ausdauer lassen sich auch über den Alltag abbilden. Perfektion ist nicht entscheidend, Regelmäßigkeit schon.“

Warum die Wunderpille ein Irrtum ist

Was stört Sie an aktuellen Longevity-Erzählungen besonders?
„Die Suche nach dem Shortcut. Viele Menschen hoffen immer noch auf die eine Wunderpille, die alle Probleme löst. Erst war es NMN, jetzt sind es Peptide. Ein kaputtes System lässt sich aber nicht mit mehr Treibstoff reparieren. Wenn der Motor nicht funktioniert, bringt zusätzlicher Sprit nichts. Der Körper braucht funktionierende Grundlagen, keine schnellen Abkürzungen.“

Sie schreiben, Longevity beginne im Kopf. Warum ist dieser Aspekt so zentral?
„Offenheit, Neugier und Lebenslust sind Grundvoraussetzungen für gesundes Altern. Neugier ist einer der am meisten unterschätzten Faktoren überhaupt. Studien zeigen, dass neugierige Menschen länger gesund bleiben. Umgekehrt altern Menschen messbar schneller, sobald sie glauben, für bestimmte Dinge zu alt zu sein. Geist und Körper beeinflussen sich gegenseitig in beide Richtungen.“

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„Wissen allein verändert kein Verhalten“

Im Buch verschiebt sich der Fokus von der Biologie hin zu Verhalten und Beziehungen. Warum diese Struktur?
„Wissen allein verändert kein Verhalten. Jeder weiß, dass Schlaf, Bewegung und Ernährung wichtig sind. Erst das Verständnis der biologischen Zusammenhänge schafft Veränderungsbereitschaft. Wer Schlaf als Reparatur begreift, geht automatisch anders mit seinem Alltag um. Deshalb beginnt das Buch mit Biologie und führt anschließend konsequent ins Leben.“

Sie thematisieren Einsamkeit als unterschätzten Faktor beim Altern. Warum wird darüber so wenig gesprochen?
„Unsere Gesellschaft hat sich strukturell vereinsamt: Homeoffice, Lieferdienste, Streaming statt Kino. Soziale Medien verstärken diese Entwicklung. Einsamkeit ist ein erheblicher Risikofaktor für Gesundheit, spielt in öffentlichen Debatten aber kaum eine Rolle.“

Das Gegenteil von Einsamkeit

Was raten Sie konkret gegen Einsamkeit?
„Ich empfehle die drei Fs: Familie, Freunde und Fremde. Bestehende Beziehungen brauchen Pflege, neue Kontakte Offenheit. Verbundenheit entsteht nicht nur durch physische Nähe, sondern durch bewussten Kontakt. Schon eine tägliche Nachricht kann ein Gefühl von Zugehörigkeit schaffen. Entscheidend ist dabei eines: Das Gegenteil von Einsamkeit ist nicht Gesellschaft, sondern Verbundenheit.“

Welche Haltung sollen Leserinnen und Leser aus Ihrem Buch mitnehmen?
„Neugier und Freundlichkeit. Freundlichkeit wirkt nachweislich gesundheitsfördernd. Wer freundlich zu anderen ist, fühlt sich selbst besser. Und wer sich besser fühlt, lebt länger.“

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