26. August 2026, 16:10 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Raucher verlieren im Schnitt etwa zehn Lebensjahre. Können E-Zigaretten tatsächlich dabei helfen, dauerhaft von Tabakzigaretten loszukommen? Die bislang umfangreichste aktualisierte Cochrane-Auswertung kommt zu einem klaren Ergebnis. Der absolute Vorteil bleibt jedoch überschaubar. Dazu kommt: Die Qualität vieler Studien war nicht besonders gut.
Wichtigstes Ergebnis: Dampfen beim Tabakstopp erfolgreicher als Nikotinersatzprodukte
Reglementierte E-Zigaretten mit Nikotin erhöhen demnach die Wahrscheinlichkeit eines Rauchstopps stärker als klassische Nikotinersatzprodukte wie Pflaster, Sprays oder Kaugummis. Zu diesem Ergebnis kommt ein Cochrane-Review, für die 80 randomisierte, kontrollierte Einzelstudien ausgewertet wurden. Cochrane-Reviews sind systematische Übersichtsarbeiten höchster Qualität. Die Autoren durchsuchen dafür bis Anfang 2026 regelmäßig wissenschaftliche Datenbanken. „Cochrane Library“ berichtet aktuell.1
Der Tabakatlas 2025 des Deutschen Krebsforschungszentrums beziffert die tabakbedingten Todesfälle in Deutschland für 2023 auf rund 131.000 – jeder siebte Todesfall im Land.2 Obwohl viele Raucher aufhören möchten, gelingt ein dauerhafter Rauchstopp ohne Unterstützung nur selten.
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80 Studien, 30.000 Raucher
Insgesamt werteten die Autoren um die beiden Gesundheitswissenschaftlerinnen Nicola Lindson von der Universität Oxford und Jamie Hartmann-Boyce von der University of Massachusetts 80 abgeschlossene Studien mit 29.861 erwachsenen Rauchern aus. Neun Studien kamen in dieser Aktualisierung neu hinzu. Die Untersuchungen stammten besonders häufig aus Großbritannien und den USA. Insgesamt kamen sie aus 13 Ländern. Die Nachbeobachtung reichte je nach Studie von sehr kurzen Versuchszeiträumen bis zu 24 Monaten. Für das zentrale Ergebnis zum Rauchstopp wurden jedoch nur Daten ab mindestens sechs Monaten berücksichtigt.
Um herauszufinden, ob E-Zigaretten das Risiko, die Finger von Tabakzigaretten zu lassen, erhöhen oder senken, fassten die Forscher alle Studien mathematisch zusammen. Am Ende ging es um die Wahrscheinlichkeit.
E-Zigaretten liefern Nikotin, ohne Tabak zu verbrennen, und ähneln zugleich in der Anwendung einer Zigarette. Nutzer halten ein Gerät in der Hand, ziehen daran und inhalieren ein Aerosol. Nikotin ist der wichtigste Stoff für die Abhängigkeit, während ein großer Teil der gesundheitlichen Schäden des Rauchens durch Verbrennungsprodukte entsteht.
Studien mit Verbindungen zur Industrie herausgerechnet
Auch prüften sie, wie sehr man den Ergebnissen vertrauen kann. Und da gibt es einen wichtigen Haken: Von 80 Studien erfüllten nur zwölf die strengsten wissenschaftlichen Kriterien. 41 hatten ein hohes Risiko für verzerrte Ergebnisse, 27 ein unklares. Heißt: Die Datenmenge war groß, aber die Qualität vieler Studien nicht besonders gut.
Acht Studien hatten Verbindungen zur Tabak- oder E‑Zigarettenindustrie. Die Forscher rechneten deshalb die Ergebnisse noch einmal ohne diese Studien durch. Das Ergebnis blieb gleich.
Ergebnisse der Auswertung im Detail
Das deutlichste Ergebnis betrifft den Vergleich mit Nikotinersatztherapie (NRT). In elf Studien mit 4.114 Teilnehmern war die Wahrscheinlichkeit eines Zigaretten-Rauchstopps nach mindestens sechs Monaten mit nikotinhaltigen E-Zigaretten 1,61-mal so hoch wie mit Nikotinersatzprodukten. Die Autoren bewerteten diesen Wert als hochgradig sicher.
Ohne Support kommen nur 5 von 100 von der Tabakzigarette los
Dieser Vorteil war nicht nur relativ, sondern auch in absoluten Zahlen erkennbar. Konkret: Von 100 Rauchern hören mindestens für sechs Monate mit dem Tabakzigarettenrauchen auf:
- Ohne Unterstützung: etwa 5
- mit nikotinhaltiger E-Zigarette: etwa 8 bis 10
- mit nikotinfreier E‑Zigarette: ungefähr 6
- mit Nikotinersatztherapie (Nikotinpflaster, Kaugummis, Lutschtabletten oder Sprays): ungefähr 6
Pflaster und Kaugummi möglicherweise effektiver als nur Pflaster
Die Autoren merken an, dass eine Kombination verschiedener NRT-Formen (z. B. Pflaster plus Kaugummi) effektiver sein kann als die Verwendung eines Einzelprodukts.
Bei schweren medizinischen Nebenwirkungen (etwa Bluthochdruck oder psychischen Belastungen) durch den Zigarettenstopp zeigte sich kein klarer Unterschied: Sie traten bei E-Zigaretten nicht eindeutig häufiger oder seltener auf als bei Nikotinpflastern oder -kaugummis bzw. nikotinfreien E‑Zigaretten. Leichtere Beschwerden wie Reizungen im Mund oder Rachen könnten beim Dampfen häufiger vorkommen – dafür ist die Studienlage aber zu unsicher, um das zuverlässig zu sagen.
Was das bedeutet: E-Zigaretten sind kein garantiertes Mittel zum Rauchstopp
Die Übersichtsarbeit liefert belastbare Hinweise darauf, dass nikotinhaltige E-Zigaretten bereits rauchenden Erwachsenen beim vollständigen Rauchstopp helfen können. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Mehrheit der Nutzer mit E-Zigaretten erfolgreich aufhört. Nach den zusammengefassten Schätzungen bleiben auch in der E-Zigaretten-Gruppe ungefähr 90 von 100 Personen Raucher oder erfüllen zumindest nicht die strengen Kriterien für eine längerfristige Abstinenz. E-Zigaretten sind damit kein garantiertes Mittel zum Rauchstopp.
Wofür die Ergebnisse nicht sprechen
Die Ergebnisse sprechen außerdem nicht dafür, dass Nichtraucher mit dem Dampfen beginnen sollten. Untersucht wurde der Einsatz als Ausstiegshilfe bei Menschen, die bereits Tabakzigaretten rauchten. Ebenso wenig beweist der Review, dass E-Zigaretten risikofrei sind oder langfristig genauso sicher wie ein vollständiger Verzicht auf Tabak und E-Zigaretten wären.
Ein praktischer Unterschied zur Nikotinersatztherapie besteht darin, dass Teilnehmer der E-Zigaretten-Gruppen ihre Produkte langfristig häufiger weiterverwendeten. In den entsprechenden Studien war der Gebrauch einer E-Zigarette ohne gleichzeitiges Rauchen häufiger, gleichzeitig erreichten aber weniger Teilnehmer eine Abstinenz sowohl von Tabakzigaretten als auch von E-Zigaretten.
Längerfristiger Nikotinkonsum muss untersucht werden
Für die Forschung folgt daraus, dass nicht nur der Rauchstopp, sondern auch der längerfristige Nikotinkonsum untersucht werden muss. Besonders benötigt werden große Studien zu aktuellen Geräten, verschiedenen Nikotinstärken, Kombinationen mit anderen Entwöhnungsbehandlungen und gesundheitlichen Folgen über mehr als zwei Jahre.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Eine wesentliche Stärke ist die Beschränkung auf randomisierte kontrollierte Studien. Zudem wurden Standardmethoden von Cochrane, PRISMA und GRADE verwendet. Studienauswahl, Datenextraktion und Bewertung des Verzerrungsrisikos erfolgten jeweils durch mehrere Autoren. Fehlende Angaben zum Rauchstatus wurden vorsichtig als fortgesetztes Rauchen gewertet.
Neben den bereits genannten Einschränkungen (nur zwölf der untersuchten Studien waren besonders hochwertig) muss erwähnt werden, dass gerade bei Nebenwirkungen das Bild nicht einheitlich war.
Der wichtigste Punkt für Gesundheitsbewusste: Es fehlen Langzeitdaten. Die Studien erfassen die Sicherheit nur über maximal zwei Jahre. Ob regelmäßiges Dampfen nach zehn, 20 oder 30 Jahren etwa das Risiko für Krebs, Herz-Kreislauf- oder Lungenerkrankungen erhöht, lässt sich daraus nicht beantworten.
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Fazit – der entscheidende Schritt
Die Studie liefert recht gute Antworten auf die Frage, ob E-Zigaretten beim Rauchstopp helfen. Sie kann aber nicht beantworten, wie gesundheitsschädlich jahrelanges Dampfen ist. Der gesundheitlich entscheidende Schritt bleibt der vollständige Verzicht auf verbrannte Tabakzigaretten. Denn beim Verbrennen von Tabak entstehen tausende Chemikalien und krebserregende Stoffe.
So gefährlich sind E-Zigaretten
Aber: Laut aktueller Studienlage werden auch nikotinhaltige E-Zigaretten als „wahrscheinlich krebserregend für Menschen“ eingestuft. Im Körper von Nutzern wurden deutliche Spuren von DNA-Schäden sowie Entzündungen im Mund und in der Lunge nachgewiesen. Die gesundheitlichen Gefahren umfassen zudem eine massive Belastung durch giftige Schwermetalle wie Blei, Nickel und Chrom in Einweggeräten sowie ein signifikant erhöhtes Risiko für schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse, Schlaganfälle und koronare Herzkrankheiten.
Im direkten Vergleich zu Tabakzigaretten führen E-Zigaretten zwar akut zu einem Anstieg von Herzfrequenz und Blutdruck, wobei der Pulsanstieg jedoch geringer ausfällt als bei herkömmlichem Tabak. Dennoch wird in der Wissenschaft diskutiert, ob das Risiko für Herz-Lungen-Erkrankungen und Stoffwechselstörungen bei Dampfern ähnlich hoch ist wie bei Rauchern. Als am gefährlichsten gilt der „Dual Use“ (kombinierte Nutzung beider Produkte), bei dem das Risiko für einen Herzinfarkt im Vergleich zu Nichtnutzern fast um das Vierfache erhöht ist.
Die gute Nachricht: Mit dem Rauchen ganz aufzuhören, lohnt sich in jedem Alter. Wer mit 40 aufhört, gewinnt einen Großteil der verlorenen Jahre zurück.