9. Juni 2026, 17:11 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten
Vielen gilt Dampfen als „sanfte“ Alternative für den Rauchstopp. Nach ersten Hinweisen aus den letzten Jahren zeigen die Ergebnisse einer bevölkerungsbasierten Kohortenstudie aus Südkorea: Das Lungenkrebsrisiko bleibt nach einer Rauchentwöhnung erhöht. Besonders brisant ist die Erkenntnis für Langzeitraucher. FITBOOK-Redakteurin Anna Echtermeyer verrät, mit welcher Rauchstopp-Methode sie vor 20 Jahren erfolgreich war.
Was Dampfen nach Rauchen für das Lungenkrebsrisiko bedeutet
Forscher der Seoul National University analysierten die Gesundheitsdaten von über 4,5 Millionen ehemaligen Rauchern aus dem südkoreanischen National Health Screening Program, um herauszufinden, wie sich der Umstieg auf das Dampfen nach dem Tabakstopp langfristig auswirkt. Im Vergleich zu denjenigen, die dem Nikotin komplett abschworen, hatten Umsteiger ein um das 1,56-Fache höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken – das Risiko, an den Folgen des Krebses zu sterben, war sogar verdoppelt. Nach der Einstufung als „wahrscheinlich krebserregend“ im März (FITBOOK berichtete) erschüttert die nun in „Nature Medicine“ veröffentlichte, breit angelegte Studie das Image der E-Zigarette als sanfte Alternative zum Rauchen grundlegend.1
So gingen die Forscher vor
Die Wissenschaftler um Yeon Wook Kim analysierten Teilnehmer und unterteilten sie in Gruppen: Raucher, die das Qualmen komplett aufgegeben hatten (Abstinente), und solche, die nach dem Rauchstopp auf E-Zigaretten umgestiegen waren.
767.273 Teilnehmende gaben 2018 an, kürzlich das Rauchen aufgegeben zu haben, ohne auf das Dampfen umzusteigen; 20.495 waren auf E-Zigaretten gewechselt; 1,41 Mio. Personen hatten bereits in den Jahren davor mit dem Rauchen aufgehört, ohne mit dem Dampfen anzufangen. 5050 hatten die Abstinenz nach eigenen Angaben nur mit E-Zigaretten geschafft. Beobachtet wurde die Gesundheit der Teilnehmer über sechs Jahre.
Die Daten stammen aus dem National Health Screening Program und der Datenbank des staatlichen Krankenversicherers in Südkorea (NHIS). Da diese Programme regelmäßig kostenfreie Vorsorgeuntersuchungen anbieten, stehen den Forschern qualitativ hochwertige, über Jahre hinweg konsistente Gesundheitsdaten zur Verfügung.
Ergebnisse der Studie: Dampfen vs. kompletter Nikotinverzicht nach Rauchen
Insgesamt führte Dampfen nach dem Tabak-Rauchstopp zu einem signifikant höheren Lungenkrebs- und Sterberisiko als der vollständige Verzicht auf Nikotin. Umsteiger auf E-Zigaretten hatten im Beobachtungszeitraum (rund sechs Jahre) ein um 56 Prozent höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Die Wahrscheinlichkeit bei den Umsteigern, innerhalb dieser Zeit an den Folgen von Lungenkrebs zu sterben, war verdoppelt.
Neben dem lungenkrebsspezifischen Risiko wurde auch die allgemeine Wahrscheinlichkeit, innerhalb von sechs Jahren nach dem Umstieg auf E-Zigaretten zu versterben (unabhängig von der Todesursache), untersucht. Wie das „Ärzteblatt“ aus der Originalstudie zitiert, zeigte sich hier ein signifikanter Anstieg um 22 Prozent im Vergleich zu denjenigen, die ganz auf Nikotin verzichteten.2
Lungenkrebsrisiko bleibt bei Wechsel aufs Dampfen erhöht
Somit wird der eigentliche gesundheitliche Nutzen des Aufhörens durch das Dampfen deutlich gemindert:
- Bei Menschen, die völlig auf Zigaretten verzichteten, sank die Lungenkrebs-Häufigkeit signifikant um 44 Prozent
- Bei Personen, die auf E-Zigaretten wechselten, war gerade einmal ein Rückgang von zwölf Prozent messbar. Dieser Wert war jedoch statistisch nicht signifikant. Das bedeutet, dass ein klarer gesundheitlicher Vorteil hier nicht eindeutig belegt werden konnte.
Effekt des E-Zigaretten-Konsums bei Langzeitrauchern Ü50
Die Forscher haben ihre Analyse auch besonders auf Personen ausgerollt, die wegen ihrer Vorgeschichte das höchste Risiko für Lungenkrebs tragen. Es sind Menschen über 50 Jahre, die vor dem Wechsel auf E-Zigaretten mindestens 20 Packungsjahre („Packyears“) vorwiesen. Diesen Wert erreicht, wer 20 Jahre lang eine Packung am Tag geraucht hat (oder zehn Jahre lang zwei Packungen).
In dieser Gruppe war das krebserregende Potenzial der E-Zigarette am deutlichsten. Konkret lag bei diesen Personen die Wahrscheinlichkeit, nach dem Wechsel auf E-Zigaretten neu an Lungenkrebs zu erkranken, fast doppelt so hoch (plus 91 Prozent) wie bei Gleichaltrigen mit ähnlicher Vorgeschichte, die jedoch nach dem Rauchstopp gänzlich abstinent blieben. Die Wahrscheinlichkeit, an den Folgen von Lungenkrebs zu sterben, war bei den E-Zigaretten-Nutzern dieser Gruppe ebenfalls fast verdoppelt (plus 92 Prozent) im Vergleich zu den komplett Abstinenten.
Das bedeutet: Gerade Menschen, die ihre Lungen bereits über Jahrzehnte durch schweres Rauchen belastet haben, profitieren am meisten von einem totalen Nikotinstopp!
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Einordnung in die bisherige Studienlage und Limitationen
Dass E-Zigaretten nicht harmlos sind, war bereits bekannt. So wurden in der Vergangenheit DNA-schädigende Stoffe wie Nitrosamine und giftige Schwermetalle (Blei, Nickel, Chrom) im E-Zigaretten-Dampf nachgewiesen.3 Frühere Analysen hatten zudem ein erhöhtes Risiko für Schlaganfälle und Herzinfarkte gezeigt, insbesondere beim sogenannten „Dual Use“ (gleichzeitiges Dampfen und Rauchen).4 Die aktuelle Studie schließt nun die entscheidende Lücke, indem sie zeigt, dass der Umstieg auf die E-Zigarette im Vergleich zur vollständigen Abstinenz beim Lungenkrebsrisiko eine breite Gefahr darstellt.
Trotz 4,5 Millionen Teilnehmern, deren Date die aktuelle Analyse betrachtete, sind die konkreten Fallzahlen bei den E-Zigaretten-Nutzern mit 55 Erkrankten und 14 Toten noch vergleichsweise gering. Zudem ist der Studienzeitraum von sechs Jahren für eine Krankheit wie Lungenkrebs, die oft Jahrzehnte zur Entwicklung benötigt, laut Experten eigentlich noch zu kurz für ein finales Urteil.
Sind die Ergebnisse auf Deutschland übertragbar?
Die Ergebnisse aus Südkorea lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen, da hierzulande deutlich strengere Regeln für die Inhaltsstoffe der Liquids gelten.
11 effektive Tipps, um mit dem Rauchen aufzuhören
Rauchstopp kann wohl Demenzrisiko senken – wenn man auf eine Sache achtet
Fazit der Forscher
Die Wissenschaftler kommen zu einem klaren, wenn auch vorsichtig formulierten Schluss: Obwohl die Studie keinen direkten ursächlichen Beweis (Kausalität) liefern kann, legen die Daten nahe, dass die Nutzung von E-Zigaretten nach dem Rauchstopp die enormen gesundheitlichen Vorteile einer vollständigen Abstinenz massiv abschwächt. Anstatt den Körper bei der Regeneration zu unterstützen, scheint der Dampf den Schutz vor Lungenkrebs zu untergraben.
Für deutsche Experten sind die Ergebnisse ein wichtiges Signal. Reiner Hanewinkel vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung sieht durch die Studie die „Harm Reduction“-Illusion „entzaubert“. Gemeint ist die Vorstellung, E-Zigaretten seien eine harmlose oder gar gesündere Alternative zum Tabakrauchen. Diese Vorstellung halte der harten statistischen Realität – insbesondere dem verdoppelten Sterberisiko – nicht stand, sagte er dem „Ärzteblatt“. Er betont, dass das in der Studie nachgewiesene verdoppelte Risiko für lungenkrebsspezifische Todesfälle (im Vergleich zur echten Abstinenz) belegt, dass der vermeintlich „saubere“ Dampf den Körper in Wahrheit massiv schädigt.
10 Tipps, um mit dem Rauchen aufzuhören
FITBOOK-Autorin Laura Pomer hat in der Vergangenheit effektive Methoden beschrieben, um den Ausstieg aus der Nikotinsucht zu erleichtern:
- Starten Sie erst, wenn Sie wirklich bereit sind, die Herausforderung anzunehmen. Nutzen Sie aber spontane Momente des Ekels vor der Zigarette (z. B. bei Husten oder üblem Geruch) sofort zum Aufhören.
- Das bloße Reduzieren der Zigarettenmenge funktioniert meist nicht, da man schnell wieder in alte Muster verfällt. Ein konsequenter Schlussstrich ist effektiver.
- Fokussieren Sie sich darauf, was Sie gewinnen (besserer Geruch, Geschmack und Kondition), anstatt sich als jemanden zu sehen, der auf etwas verzichten muss.
- Verkünden Sie Ihren Rauchstopp im Bekanntenkreis. Das macht es schwerer, wieder rückfällig zu werden, da man sich keine Blöße geben will, und Freunde können Rücksicht nehmen.
- Ersetzen Sie typische Rauchmomente (z. B. Kaffee nach dem Essen) durch neue Gewohnheiten, wie Hände eincremen oder in den Spiegel schauen, anstatt zu Süßigkeiten zu greifen.
- Rechnen Sie aus, wie viel Geld Sie sparen, und planen Sie eine konkrete Investition oder Belohnung mit dem gesparten Betrag.
- Training schüttet Glückshormone aus, die den Nikotin-Kick ersetzen können, und hilft, die Lunge wieder „durchzupusten“.
- Ein Besuch bei der Kosmetikerin kann verdeutlichen, wie sehr das Rauchen das Hautbild (Falten, fahler Teint) schädigt, und motivieren, für ein jüngeres Aussehen aufzuhören.
- Unterstützung durch Apps kann durch spielerische Motivation, Gesundheitstracker und Geldzähler den Erfolg steigern.
- Konfrontieren Sie sich aktiv mit den Krankheitsrisiken (Krebs, Herzinfarkt). Schon eine geringe Menge Zigaretten am Tag erhöht das Lungenkrebsrisiko massiv, was die Lust am Rauchen mindern kann
Vor 20 Jahren war ich mit einem konsequenten Schlussstrich erfolgreich
„Mit Anfang 20 habe ich aufgehört, zu rauchen – von heute auf morgen. Damals ging bei mir etwa eine Schachtel am Tag drauf. Der Auslöser war ein Silvestervorsatz, aber ich wollte ihm dieses Mal mehr Gewicht verleihen als den üblichen guten Vorsätzen. Weil ich Rauchen zunehmend eklig und teuer fand, erzählte ich möglichst vielen Menschen von meinem Plan, damit aufzuhören. Zurückrudern war damit keine Option mehr. In der Silvesternacht selbst rauchte ich noch, bis mir schlecht wurde. Danach war Schluss. Seitdem sind 20 Jahre vergangen, in denen ich keine einzige Zigarette mehr (und später auch keine E-Zigarette) angerührt habe.
In den ersten Wochen war es nicht einfach. Durchgehend schlechte Laune, Gereiztheit, das ständige Gefühl, dass etwas fehlt. Typische Rauchmomente habe ich gemieden, um nicht rückfällig zu werden.
Damals kostete eine Schachtel Zigaretten rund drei Euro. Schon deshalb hatte ich angefangen zu drehen. Kürzlich nahm ich aus Neugier im Supermarkt wieder einmal eine Packung in die Hand. Der Preis: knapp zehn Euro, mich hat fast der Schlag getroffen! Hätte ich so weitergeraucht wie damals, hätte mich die Sucht bis heute 55.000 Euro gekostet. Ob ich auf E-Zigaretten umgestiegen wäre – I don’t know. Wahrscheinlich kann ich froh sein, dass es die harmlos wirkenden Dinger damals noch nicht gab.
Mein Fazit nach mehr als 20 rauchfreien Jahren: Wer aufhören will, benötigt keinen perfekten Plan. Aber Entschlossenheit hilft. Mir hat der radikale Schnitt geholfen – ohne Ausnahmen, ohne ‚nur eine‘. Ganz klar: Es war eine der besten Entscheidungen meines Lebens.“