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Studie zeigt, warum manche Raucher Krebs bekommen und andere nicht

Raucher
Genetischer Widerstand kann Krebs offenbar so verlangsamen, dass er nicht ausbricht Foto: SimpleImages
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

28. Juli 2026, 18:01 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ist es pures Glück oder ein besonders fleißiges Reparatursystem, das manche Raucher vor Krebs zu schützen scheint? Forscher haben nun an Mäusen eine spannende neue Entdeckung gemacht: Je nach Erbgut scheint Tumoren entweder die Zeit auszugehen, bevor sie tödlich werden können – oder sie schlagen direkt zu.

Bei manchen Menschen führt schon ein einziger Gendefekt zu Krebs

Dass Rauchen das Risiko für Lungenkrebs drastisch erhöht, ist seit Langem bekannt. Schätzungen zufolge stehen etwa 85 Prozent aller Todesfälle durch Bronchialkarzinome in direktem Zusammenhang mit dem Tabakkonsum.1 Ein medizinisches Rätsel blieb bisher jedoch ungelöst: Warum erkranken nur etwa zehn bis 20 Prozent der lebenslangen Raucher tatsächlich an Lungenkrebs, während andere trotz jahrzehntelangen Konsums verschont bleiben?

Einen wichtigen ersten Hinweis darauf, dass manche Raucher aufgrund einer genetischen Besonderheit von Krebs „verschont“ bleiben, lieferten vor vier Jahren Forscher des Albert Einstein College of Medicine.2 Damals wurde vermutet, dass manche Menschen das Rauchen besser „wegstecken“ als andere. Jetzt zeigen Forscher: Dahinter steckt womöglich eine genetische Hürde, die bestimmt, wie viele entscheidende Mutationen nötig sind, bevor Krebs entstehen kann.

Andere brauchen mehrere Genfehler, um potenziell Krebs zu entwickeln

Die neueste Erkenntnis stammt von Dr. Sarah J. Aitken vom Yale Cancer Center. Um diesen grundlegenden Mechanismus unabhängig vom Rauchen untersuchen zu können, ahmten die Forscher an Mäusen hunderte Male die Entstehung von Leberkrebs nach.

Die Idee dahinter: Manche genetische Hintergründe erlauben es Krebszellen offenbar schon nach einer einzigen entscheidenden Mutation zu wachsen. Andere benötigen mehrere solcher Veränderungen. Dadurch entwickelt sich Krebs deutlich später – oder unter Umständen gar nicht.

Unser vererbtes Erbgut bestimmt also nicht nur unser Krebsrisiko, sondern es steuert auch den Fahrplan der Krebsentwicklung. Dieses Prinzip gilt laut den Forschern für alle Menschen und alle Arten von Krebs, nicht nur für Raucher. Raucher sind jedoch ein besonders anschauliches Beispiel für diesen Mechanismus.

Während die Vorläuferstudie des US-amerikanischen Lungenspezialisten Simon Spivack aus dem Jahr 2022 tatsächlich 33 menschliche Probanden (Raucher und Nichtraucher) untersuchte, wählte Aitken für die nun in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlichte Untersuchung bewusst einen anderen Weg.3

Auch interessant: Nach Rauchstopp – E-Zigaretten verdoppeln Lungenkrebsrisiko

Forscher wiederholten „Evolution“ von Krebs an Mäusen

Bei Menschen lässt sich schwer sagen, ob die Gene oder der Lebensstil den Ausschlag dafür geben, warum manche bei gleicher Schadstoffbelastung Krebs entwickeln und andere nicht. Aitken und ihr Team nutzten deshalb ein Mausmodell. Sie wählten vier verschiedene Gruppen von Mäusen aus, die sich genetisch ungefähr so stark wie Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt voneinander unterscheiden. Weil alle Mäuse gleich gehalten wurden, konnten die Forscher Umweltfaktoren als Ursache ausschließen. Unterschiede zwischen den Tieren mussten also an ihren Genen liegen.

Sie setzten die (ausschließlich männlichen) Mäuse nicht Zigarettenrauch aus, sondern verabreichten ihnen einen Stoff, der zuverlässig Leberkrebs auslöst. So konnten sie die Krebsentstehung unter denselben Bedingungen immer wieder untersuchen. Anschließend nahmen die Forscher 581 Tumoren genau unter die Lupe. Mit modernster Gentechnik entschlüsselten sie das komplette Erbgut jedes Tumors und suchten nach allen genetischen Veränderungen, die während der Krebsentstehung entstanden waren.

Während Mäuse der genetischen Gruppe C3H sofort an Krebs erkrankten, entpuppten sich andere Mäuse (genetische CAROLI-Gruppe) als Überlebenskünstler: Damit bei diesen Tieren überhaupt ein Tumor wachsen konnte, brauchte es mehr genetische Veränderungen. Diese genetischen Veränderungen geben anderen Zellen den entscheidenden Anstoß, sich unkontrolliert zu vermehren und so die Entstehung und das Wachstum eines Tumors anzutreiben (man spricht von Treibermutationen).

Ob in einer Zelle eine Treibermutation entsteht, beruht auf Zufall. Indem die Forscher viele Male auf die Entstehung von Tumoren warteten, stellten sie fest, dass bei den C3H-Mäusen ein einziger dieser genetischen Fehler ausreichte, um den Krebs entstehen zu lassen. Bei den CAROLI-Mäusen waren für die Entstehung von Krebs hingegen zwei oder mehr dieser zufälligen Treibermutationen gleichzeitig nötig. Diese Anzahl gilt den Forschern als biologische Hürde.

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Hürde bei der Krebsentstehung

Bei den krebsanfälligen Mäusen war es mit dem Krebs im Schnitt schon nach 25 Wochen so weit. War die biologische Hürde höher (es waren also mehrere genetische Fehler nötig, um das Tumorwachstum überhaupt erst zu starten), war es im Schnitt erst nach 78 Wochen so weit. Manchmal entwickelte sich bei diesen resistenten Mäusen auch gar kein Krebs.

Viele Krebszellen der resistenten Mäuse hatten ihr gesamtes Erbgut verdoppelt. Mit diesem „Trick“ überstehen Krebszellen offenbar zusätzliche genetische Fehler besser als andere. Der Beweis für diese Ganzgenomverdopplung fiel den Forschern auch in die Hände. Das Volumen der Zellkerne jener Krebszellen war messbar stark vergrößert, damit sie zwei vollständige Sätze an Erbgut aufbewahren konnten.

Die besonders krebsanfälligen C3H-Mäuse und die resistenten CAROLI‑Mäuse waren extreme Gegenpole. Die beiden anderen Mäusegruppen (BL6 und CAST) benötigten in der Regel auch zwei oder mehr Treibermutationen, um Krebs zu entwickeln. Spannend: Bei den BL6-Mäusen erkennt offenbar das Immunsystem Zellen mit Mutationen und vernichtet sie, bevor sie Schaden anrichten können.

Auch wenn man die Ergebnisse der nun veröffentlichten Tierstudie natürlich nicht 1:1 auf den Menschen übertragen kann, so ist es doch sehr wahrscheinlich, dass es diese biologische Hürde auch beim Menschen gibt. Aitken: „Dieselbe genetische Veränderung kann bei zwei Menschen zu völlig unterschiedlichen klinischen Ergebnissen führen – je nachdem, welchen biologischen Rucksack sie mitbringen.“

Die Ergebnisse aus der 2022er-Studie stützten diese Vermutung. Damals hatten Forscher beobachtet, dass die Mutationen im Lungengewebe bei manchen Rauchern ab 23 Packungsjahren – also dem Konsum einer Schachtel Zigaretten täglich über 23 Jahre hinweg – einfach stagnieren.

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Ergebnisse haben laut den Forschern hohe Relevanz für den Menschen

Die Forscher bezeichnen ihr Modell als mächtiges Werkzeug, um den Fahrplan von Krebs zu verstehen, der beim Menschen durch Faktoren wie Ernährung oder Lebensstil oft maskiert wird. Tatsächlich rufen die Forscher zu einem Umdenken in der Krebsforschung auf. Sarah Aitken weist darauf hin, dass die Wechselwirkung zwischen dem vererbten Erbgut und neu erworbenen Mutationen derzeit nicht berücksichtigt wird.

Die Behandlung des Einzelnen müsse neu gedacht werden. Sie müsse möglichst genau auf ihn zugeschnitten werden. Es reiche nicht mehr aus, nur zu schauen, ob ein Gen (wie durch das Rauchen) mutiert ist. Man müsse den gesamten genetischen Hintergrund des Patienten kennen, um vorherzusagen, wie aggressiv der Krebs sein wird und welche Therapie diesem Menschen am besten hilft.

Quellen

  1. Deutsches Krebsforschungszentrum: Risikofaktoren für Krebs. (aufgerufen am 28.07.2026) ↩︎
  2. Huang, Z., Sun, S., Lee, M. et al. (2022). Single-cell analysis of somatic mutations in human bronchial epithelial cells in relation to aging and smoking. Nature Genetics. ↩︎
  3. Aitken S. J., Connor F., Feig C. et al. (2026): Genetic background sets the trajectory of experimental cancer evolution. Nature. ↩︎

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