16. März 2026, 15:04 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ein kurzer Kommentar, ein kritischer Blick, eine Diskussion, die plötzlich eskaliert: Konflikte im persönlichen Umfeld gehören für viele Menschen zum Alltag. Doch solche Begegnungen können mehr auslösen als nur schlechte Stimmung – sie bedeuten oft auch Stress. Und Stress gilt als ein wichtiger Faktor, der den Alterungsprozess des Körpers beeinflussen kann. Eine neue Studie hat deshalb untersucht, ob konfliktreiche Beziehungen im eigenen Umfeld messbare Spuren im Körper hinterlassen können.
Warum schwierige Beziehungen für die Gesundheit interessant sind
Wir kommen nicht ums Altern herum – es gehört zum Leben dazu. Trotzdem altert der Körper nicht bei allen Menschen gleich schnell. Während das chronologische Alter einfach angibt, wie viele Jahre jemand lebt, beschreibt das biologische Alter, wie stark der Körper tatsächlich gealtert ist. Zwei Menschen können also gleich alt sein, ihr Körper kann jedoch unterschiedlich schnell altern.
Neben genetischen Faktoren spielen auch Umwelt, Lebensstil und Stress eine wichtige Rolle für diesen Prozess. Dauerhafter Stress kann den Körper belasten, Entzündungsprozesse verstärken und langfristig Krankheiten begünstigen. Deshalb interessiert sich die Forschung zunehmend dafür, welche Faktoren im Alltag solchen Stress auslösen.
Frühere Studien haben bereits gezeigt, dass soziale Beziehungen generell eine wichtige Rolle für Gesundheit und Lebenserwartung spielen.1 Menschen mit stabilen sozialen Kontakten leben im Durchschnitt länger und haben ein geringeres Risiko für verschiedene Krankheiten.2
Bisher konzentrierte sich die Forschung jedoch vor allem auf die positiven Seiten sozialer Beziehungen – etwa Unterstützung durch Familie, Freunde oder Partner. Weniger untersucht ist dagegen die Frage, ob belastende oder konfliktreiche Beziehungen ebenfalls Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Genau hier setzt die aktuelle Studie an. Die Forscher wollten herausfinden, wie häufig solche Beziehungen vorkommen und ob sie mit biologischer Alterung und verschiedenen Gesundheitsproblemen zusammenhängen.
Mehr als 2600 Erwachsene untersucht
Für ihre Analyse nutzten die Forscher Daten der Person-to-Person Health Interview Study, einer großen Gesundheitsstudie im US-Bundesstaat Indiana.3 Insgesamt nahmen 2685 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 103 Jahren teil.
Die Teilnehmer beschrieben zunächst ihr persönliches soziales Umfeld. Hierbei nannten sie Menschen, mit denen sie in den vergangenen sechs Monaten regelmäßig Kontakt hatten – wie Freunde, Familienmitglieder, Kollegen oder andere wichtige Personen. Anschließend bewerteten sie diese Beziehungen und gaben an, wie häufig einzelne Personen Probleme verursachen oder ihr Leben erschweren. Personen, bei denen dies häufig vorkam, bezeichneten die Forscher als „Hassler“ – also Menschen, die anderen regelmäßig Schwierigkeiten bereiten oder Stress verursachen.
Parallel dazu analysierten die Forscher Speichelproben der Teilnehmer. Darin untersuchten sie bestimmte chemische Veränderungen an der DNA. Diese Veränderungen können Hinweise darauf geben, wie schnell der Körper altert. Man spricht hierbei im Forschungskontext von epigenetischen Uhren, also biologischen Messmethoden, die Alterungsprozesse im Körper sichtbar machen.
In der Studie nutzten die Forscher zwei solcher Methoden:
GrimAge2: schätzt, wie alt der Körper biologisch im Vergleich zum tatsächlichen Alter ist.
DunedinPACE: misst dagegen die Geschwindigkeit des Alterns – also, wie schnell der Körper pro Jahr biologisch altert.
Zusätzlich erfassten die Forscher verschiedene Gesundheitsdaten der Teilnehmer, darunter Gewicht, chronische Krankheiten, Entzündungswerte sowie Symptome von Angst und Depression.
Mehr belastende Beziehungen – schnelleres biologisches Altern
Belastende Personen sind keine Seltenheit
Die Ergebnisse zeigen zunächst, dass solche Beziehungen relativ häufig vorkommen. 28,8 Prozent der Teilnehmer berichteten, mindestens eine Person in ihrem Umfeld zu haben, die ihnen häufig Probleme bereitet. Etwa 10 Prozent nannten sogar zwei oder mehr solcher Personen. Im Durchschnitt hatten die Teilnehmer etwa fünf enge Kontakte in ihrem sozialen Umfeld. Rund 8,1 Prozent dieser Beziehungen galten als belastend.
Zusammenhang mit biologischer Alterung
Die Analyse zeigte einen Zusammenhang zwischen solchen Beziehungen und biologischer Alterung. Teilnehmer mit mehr belastenden Kontakten wiesen im Durchschnitt Hinweise auf eine schnellere biologische Alterung auf. Die Daten zeigen: Menschen mit mehr konfliktreichen Kontakten alterten biologisch im Durchschnitt schneller. Schon eine zusätzliche belastende Person im Umfeld ging mit etwa 1,5 Prozent schnellerem Altern einher – das entspricht ungefähr neun Monaten zusätzlichem biologischem Alter.
Auch andere Gesundheitswerte betroffen
Die Forscher fanden zudem Zusammenhänge mit weiteren Gesundheitsfaktoren. Menschen mit mehr belastenden Beziehungen berichteten häufiger über depressive Symptome und Angst. Außerdem bewerteten sie ihre eigene Gesundheit schlechter und hatten im Durchschnitt einen höheren Body-Mass-Index.
Familie spielt eine besondere Rolle
Ein weiterer Befund: Nicht alle Beziehungen zeigten denselben Zusammenhang. Konflikte mit Familienmitgliedern standen besonders deutlich mit schnellerer biologischer Alterung in Verbindung. Belastende Kontakte außerhalb der Familie hatten ebenfalls einen Effekt. Bei Konflikten mit Partnern oder Ehepartnern konnten die Forscher diesen Zusammenhang allerdings nicht feststellen. Die Forscher vermuten, dass bei Partnern die Mischung aus Unterstützung und Stress einen möglichen negativen Effekt ausgleicht.
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Warum Konflikte in Beziehungen den Körper belasten können
Dauerstress als mögliche Erklärung
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass belastende soziale Beziehungen mehr sein könnten als nur ein emotionales Problem. Wenn Menschen regelmäßig Konflikte erleben oder sich häufig mit schwierigen Personen auseinandersetzen müssen, reagiert der Körper darauf mit Stress.
Dabei aktiviert der Körper unter anderem das sogenannte Stresssystem und setzt Hormone wie Cortisol frei. Diese Hormone helfen kurzfristig, Herausforderungen zu bewältigen. Bleibt der Stress jedoch über längere Zeit bestehen, kann dies verschiedene körperliche Prozesse beeinflussen, etwa Entzündungsreaktionen oder Funktionen des Immunsystems.
Die Ergebnisse der Studie passen zu dieser Erklärung. Teilnehmer mit mehr belastenden Beziehungen berichteten häufiger über psychische Beschwerden und zeigten auch bei biologischen Messwerten Hinweise auf stärkere körperliche Belastung.
Bestimmte Gruppen häufiger betroffen
Außerdem stellten die Forscher fest, dass bestimmte Gruppen häufiger solche belastenden Kontakte in ihrem Umfeld hatten. Dazu gehörten unter anderem Frauen, tägliche Raucher, Menschen mit schlechterer Gesundheit sowie Personen mit belastenden Kindheitserfahrungen.
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Was die Studie zeigen kann – und was nicht
Trotz der beobachteten Zusammenhänge lässt sich aus der Studie nicht eindeutig ableiten, dass belastende Beziehungen direkt schnelleres Altern verursachen. Die Untersuchung zeigt einen statistischen Zusammenhang, beweist aber keine direkte Ursache-Wirkung-Beziehung.
Es wäre beispielsweise möglich, dass Menschen mit schlechter Gesundheit häufiger Konflikte erleben oder soziale Situationen negativer wahrnehmen. Die Forscher berücksichtigten zwar verschiedene Faktoren wie Rauchen, frühere Krankheiten oder belastende Kindheitserfahrungen. Dennoch lassen sich solche Einflüsse nicht vollständig ausschließen.
Ergebnisse beruhen auf Selbsteinschätzungen
Zudem bewerteten die Teilnehmer selbst, welche Personen ihnen Probleme bereiten. Solche Einschätzungen können von individuellen Erfahrungen oder Persönlichkeitsmerkmalen beeinflusst werden.
Daten aus nur einer Region
Ein weiterer Punkt betrifft die Übertragbarkeit: Die Daten stammen ausschließlich aus dem US-Bundesstaat Indiana. Auch wenn sich die grundlegenden biologischen Mechanismen von Stress und Verschleiß sicher auf unseren Alltag übertragen lassen, könnten kulturelle Unterschiede in der Wahrnehmung von Konflikten in anderen Regionen der Welt zu leicht abweichenden Ergebnissen führen.
Nur eine Form negativer Beziehungen untersucht
Schließlich untersuchte die Studie nur eine bestimmte Form negativer Beziehungen – nämlich Personen, die häufig Schwierigkeiten und Stress verursachen. Andere Arten belastender Beziehungen, etwa dauerhafte Kritik oder Manipulation, wurden nicht gesondert analysiert.
Das Wichtigste aus der Studie
Die Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass konfliktreiche Beziehungen im sozialen Umfeld mit verschiedenen gesundheitlichen Risiken zusammenhängen könnten. Menschen, die häufiger belastende Kontakte erleben, zeigen im Durchschnitt Anzeichen für schnellere biologische Alterung sowie schlechtere psychische und körperliche Gesundheit. Auch wenn weitere Forschung notwendig ist, unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig die Qualität sozialer Beziehungen für Gesundheit und Wohlbefinden sein kann.