12. November 2025, 3:42 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Weltweit sprechen viele Menschen mehr als eine Sprache – Schätzungen zufolge bis zu 70 Prozent. Eine neue europaweite Studie deutet nun darauf hin, dass Mehrsprachigkeit nicht nur kulturell bereichert, sondern auch mit einem gesünderen Alterungsprozess zusammenhängen könnte. Welche Rolle Sprache im Älterwerden spielt, zeigt ein genauer Blick auf die Ergebnisse.
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Was und warum wurde untersucht?
Eine großangelegte Studie untersuchte, ob das Sprechen mehrerer Sprachen dazu beitragen konnte, geistig und körperlich gesünder zu altern. Grundlage war das Konzept der kognitiven Reserve. Damit ist die Fähigkeit des Gehirns gemeint, altersbedingte Veränderungen oder Krankheiten wie Demenz besser auszugleichen. Diese Reserve entsteht, wenn das Gehirn regelmäßig geistig gefordert wurde – etwa durch den Umgang mit mehreren Sprachen im Alltag.
Frühere Studien hatten zwar Hinweise auf einen solchen Zusammenhang geliefert, doch sie litten oft unter Schwächen: kleine Teilnehmerzahlen, unklare Definitionen von Mehrsprachigkeit oder fehlende Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren.1 Ziel der neuen Untersuchung war es deshalb, auf breiter Datenbasis genauer zu prüfen, ob und in welchem Ausmaß Mehrsprachigkeit mit einem gesünderen Alterungsverlauf verbunden sein könnte.
Statt sich hierbei nur auf klassische Diagnosen wie eine Demenzfeststellung zu verlassen, nutzte die Studie einen neuen, innovativen Ansatz. Sie berechnete, wie stark das biologische Alter einer Person vom tatsächlichen Alter abweicht – je nachdem, wie gesund sie lebt, wie fit sie ist, ob sie chronische Krankheiten hat oder geistig aktiv bleibt. Dieser Unterschied wird als „biobehavioral age gap“ bezeichnet – kurz BAG. Je kleiner die Lücke, desto besser steht es um den individuellen Alterungsprozess.
Was ist das biologische Alter?
Im Gegensatz zum kalendarischen Alter, das sich einfach aus dem Geburtsdatum ergibt, beschreibt das biologische Alter den Zustand des Körpers – also, wie alt jemand tatsächlich ist, gemessen an Gesundheit, Lebensstil und körperlicher Verfassung. Eine Person kann zum Beispiel 70 Jahre alt sein, biologisch aber eher dem Durchschnitt eines 60-Jährigen entsprechen – oder umgekehrt.2
Und genau hier zeigte sich ein auffälliger Trend: Menschen, die mehr als eine Sprache sprechen, schnitten im Durchschnitt besser ab als einsprachige – ihr biologisches Alter lag oft unter dem, was man ihrem Geburtsjahr nach erwarten würde.
Studiendesign und Methoden
Die Studie wertete Daten von über 86.000 älteren Menschen aus 27 europäischen Ländern aus.3 Sie kombinierte Momentaufnahmen mit langfristigen Beobachtungen. Ein Rechenmodell schätzte das biologische Alter jeder Person anhand vieler Merkmale:
- geistige Leistungsfähigkeit,
- körperliche Aktivität,
- Bildung,
- chronische Krankheiten,
- Schlafqualität
- und Alltagsgewohnheiten.
Mehrsprachigkeit wurde dabei als eigener Faktor berücksichtigt. Um Verzerrungen zu vermeiden, kontrollierten die Forscher zusätzlich für Umwelteinflüsse. Dazu gehörten z. B. Migration, Luftqualität, soziale Ungleichheit oder politische Stabilität im jeweiligen Land. Zudem untersuchte die Studie nicht nur, ob mehrsprachige Menschen zum Zeitpunkt der Erhebung gesünder wirkten, sondern ebenfalls, ob diese über die Zeit hinweg langsamer gealtert waren.
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Hinweise auf verlangsamtes biologisches Altern bei Mehrsprachigen
Die Auswertung der Daten legte nahe, dass Personen, die ausschließlich ihre Muttersprache sprechen, häufiger ein beschleunigtes biologisches Altern aufwiesen. Im Gegensatz dazu alterten mehrsprachige Menschen – also Personen, die mindestens eine weitere Sprache sprechen – im Durchschnitt langsamer. Dieser Zusammenhang zeigte sich sowohl im Querschnitt als auch in der längsschnittlichen Betrachtung.
Auffällig hierbei war, dass die Schutzwirkung offenbar dosisabhängig war: Je mehr Sprachen eine Person sprach, desto jünger wirkte ihr biologisches Alter im Vergleich zum tatsächlichen. Interessant war zudem, dass sich dieser Effekt selbst dann zeigte, wenn die Sprachkenntnisse nur grob und ohne weitere Details erfasst wurden. Das deutet darauf hin, dass der Zusammenhang relativ stabil war – auch unter eher vereinfachten Messbedingungen.
Selbst wenn Faktoren wie Bildung, Bewegung oder chronische Krankheiten berücksichtigt wurden, zeigte sich: Mehrsprachigkeit könnte ein eigenständiger Schutzfaktor sein. In Ländern mit hoher Migration oder großen Geschlechterunterschieden war der Effekt zwar etwas schwächer, insgesamt blieb der Zusammenhang jedoch bestehen.
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Mehrsprachigkeit als potenzieller Hebel für Prävention
Die Studie deutet darauf hin, dass Mehrsprachigkeit ein eigenständiger, veränderbarer Schutzfaktor für gesundes Altern sein könnte – ähnlich wie Bewegung, Ernährung oder soziale Aktivität. Entscheidend ist dabei nicht nur das Erlernen neuer Sprachen, sondern auch ihre aktive Nutzung im Alltag.
Mehrsprachigkeit könnte ein einfacher Weg sein, die geistige Gesundheit im Alter zu unterstützen. Das gilt unabhängig von Bildung oder Herkunft. Gleichzeitig zeigt die Studie, dass sich das neue BAG-Modell gut eignet, um Unterschiede im Alterungsprozess früh und genauer zu erkennen – und zwar auf breiter Bevölkerungsebene.
Zur Aussagekraft und Reichweite der Ergebnisse
So überzeugend die Ergebnisse auch wirken, gibt es dennoch wichtige Einschränkungen. Die Studie erfasste Mehrsprachigkeit nur oberflächlich. Weder der Zeitpunkt des Spracherwerbs noch die Häufigkeit der Nutzung wurden berücksichtigt. Genau solche Unterschiede, also etwa, ob jemand täglich mehrere Sprachen spricht oder nur gelegentlich eine zweite Sprache versteht, könnten laut neueren Studien jedoch entscheidend dafür sein, wie stark sich Mehrsprachigkeit auf den Alterungsprozess auswirkt.4
Außerdem zeigte die Studie einen Zusammenhang, aber noch keine Ursache-Wirkung-Beziehung. Ob Mehrsprachigkeit tatsächlich aktiv vor Alterung schützt oder einfach mit anderen gesunden Verhaltensweisen einhergeht, ist unklar. Entscheidend wären nun sogenannte Interventionsstudien – also gezielte Untersuchungen, bei denen Menschen im Erwachsenenalter bewusst eine neue Sprache lernen, um zu prüfen, ob sich ihr Gesundheitsverlauf messbar verändert.
Obwohl viele Details offenbleiben, zeigte sich ein nachvollziehbarer Zusammenhang zwischen Mehrsprachigkeit und dem Verlauf des biologischen Alterns – selbst bei grober Datenerhebung und in unterschiedlichen Ländern. Diese Beobachtung könnte ein Ansatzpunkt für weitere Forschung sein, insbesondere im Hinblick auf altersbezogene Gesundheitsprozesse.