28. Oktober 2026, 17:29 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Die Wechseljahre bezeichnen eine mehrere Jahre andauernde Phase, in der sich die hormonelle Versorgung der Frau schleichend verändert. Doch besteht darin ein Missverständnis? Eine neue Studie zeigt, dass sich zu mehreren Zeitpunkten zahlreiche körperliche Systeme sprunghaft verändern – vom Knochenstoffwechsel über verschiedene Blutwerte bis zu Nierenmarkern. Dieses Wissen könnte dazu dienen, gesundheitliche Risiken früher zu erkennen. Zudem rückt es das Thema Hormonersatztherapie ein Mal mehr in den Fokus.
Den Endpunkt der sogenannten Wechseljahre (Klimakterium) markiert die Menopause – sie ist der Moment, in dem die Follikel in den Eierstöcken erschöpft sind und es zur letzten Menstruation gekommen ist. Wie FITBOOK in diesem Beitrag näher erklärt, verändern sich in Folge dieses Prozesses die Konzentrationen wichtiger Sexualhormone. Diese Veränderungen betreffen neben der Fortpflanzungsfähigkeit auch zahlreiche weitere gesundheitliche Bereiche.
Abrupte Veränderungen in der Menopause?
Es gab bereits Langzeitstudien, in denen Veränderungen des Hormonhaushalts und ein beschleunigter Knochenverlust rund um die Menopause beschrieben sind.1 Doch die meisten dieser Untersuchungen waren relativ klein oder erfassten nur eine begrenzte Zahl von Laborwerten bzw. gesundheitlichen Parametern.
Ein weiteres Problem ist oft die Datenerhebung. In der Regel wird das Lebensalter in Studien berücksichtigt, nicht aber der konkrete Zeitpunkt der letzten Menstruation. Der Zeitpunkt der Menopause kann streng genommen aber nur rückwirkend bestimmt werden. Sie ist dann eingetreten, wenn die letzte Regelblutung zwölf Monate zurückliegt – wie uns die Gynäkologin Dr. Heidi Gößlinghoff erklärte.
Die vorliegende Studie untersucht die Veränderungen verschiedener Körpersysteme genauer, und das unter Berücksichtigung der letzten Menstruation.2 Ziel der Autoren war es, abrupte Veränderungen sichtbar zu machen und zu ermitteln, ob eine Hormontherapie in den Wechseljahren diese abschwächen kann.
Details zur Untersuchung
Die Studie war eine retrospektive, überwiegend querschnittliche Datenanalyse, keine randomisierte klinische Studie. Die Forscher werteten mit der US-amerikanischen NHANES-Studie (1999–2022) und anonymisierten Gesundheitsdaten des israelischen Versicherers Clalit (2004–2024) zwei große medizinische Datensätze aus.3 Die gesamte Analyse umfasste mehr als eine Million Frauen, über 300 Millionen Laboruntersuchungen, und es wurden auch Männer als Vergleichsgruppe herangezogen. Schwangere wurden ausgeschlossen. Auch entfernten die Forscher Messungen, die bestimmte Erkrankungen oder Medikamente beeinflusst haben konnten.
Untersucht wurden 90 verschiedene Laborwerte – darunter Hormone und verschiedene Blutbestandteile, Leber- und Nierenmarker sowie Blutfette, außerdem 31 klinische Merkmale. Die Forscher betrachteten dabei, wie sich diese bei Frauen in Abhängigkeit vom zeitlichen Abstand zur letzten Menstruation veränderten. Zeigten sich rund um diesen Zeitpunkt sprunghafte Veränderungen?
Für ihre Analyse nutzten sie ein eigens entwickeltes statistisches Verfahren, „YoGlen“. Dies kann unterschiedliche Altersverteilungen bei der letzten Menstruation berücksichtigen und zeitliche Unschärfen bei der Auswertung korrigieren. Das ermöglichte es den Autoren, durchschnittliche Veränderungen der Laborwerte in Abhängigkeit vom Abstand zur Menopause zu rekonstruieren.
Die Forscher verglichen die Ergebnisse einerseits zwischen beiden Datensätzen und dann noch einmal mit der männlichen Vergleichsgruppe. Zusätzlich blickten sie auf einen etwaigen Zusammenhang zwischen einer menopausalen Hormontherapie und Veränderungen der Laborwerte. Hierfür setzten sie statistisch vergleichbare Kontrollgruppen und Regressionsanalysen an.
Letzte Menstruation korreliert mit zahlreichen Veränderungen
Die Auswertung zeigte, dass sich rund um die letzte Menstruation zahlreiche Körperfunktionen deutlich verändern. Bei 52 der 90 untersuchten Laborwerte waren die Veränderungen bei Frauen (verglichen mit der männlichen Vergleichsgruppe) statistisch signifikant stärker ausgeprägt.
Besonders auffällig waren Veränderungen bei den Sexualhormonen. Aber auch andere Bereiche des Körpers waren betroffen – von den Knochen über die Leber und Nieren bis zum Fettstoffwechsel. Weiterhin betrafen sie verschiedene Bestandteile des Bluts. Ein Beispiel für die beobachteten Veränderungen ist das Ferritin – ein wichtiger Laborwert, der Aufschluss darüber gibt, wie viel Eisen der Körper gespeichert hat. Dieser Ferritinwert veränderte sich rund um die letzte Menstruation deutlich.
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Viele dieser Veränderungen können laut den Autoren mit einem höheren Gesundheitsrisiko verbunden sein. Sie betonen aber auch, dass nicht alle Veränderungen ungünstig waren. So entwickelten sich etwa bestimmte Werte für Eisen und rote Blutkörperchen in eine günstigere Richtung. Dies ist vermutlich darauf zurückzuführen, dass mit dem Ende der Menstruation auch die regelmäßigen Blutverluste wegfallen.
Die Ergebnisse der untersuchten Datensätze stimmten weitgehend überein. Bei Männern waren um das entsprechende Alter herum (ca. 50 Jahre) keine vergleichbaren abrupten Veränderungen festzustellen.
Menopause eine „physiologische Klippe“
Da zahlreiche Laborwerte rund um die letzte Menstruation innerhalb eines relativ kurzen Zeitraums deutlich springen, statt sich nur langsam mit dem Alter zu verändern, bezeichnen die Forscher die Menopause als eine Art „physiologische Klippe“.
So war auch bei den Hormonveränderungen eine klare zeitliche Abfolge zu beobachten. Der beschleunigte Abfall des Anti-Müller-Hormons (AMH) – diese Labormarke gibt Aufschluss über die Eizellenreserve – begann im Durchschnitt etwa 15 Jahre vor der letzten Menstruation. Der beschleunigte Anstieg des follikelstimulierenden Hormons (FSH) setzte etwa 14 Jahre vorher ein. Der Estradiolspiegel (E2), ein wichtiges weibliches Sexualhormon, begann etwa zwölf Jahre vor der letzten Menstruation beschleunigt zu sinken.
Nach der Menopause nahm zudem die Häufigkeit verschiedener Gesundheitsprobleme zu. Darunter waren Fälle von Osteoporose, Herzinfarkt und Schlaganfall. Dahingegen sank jedoch die Anämiehäufigkeit. Moderate bis schwere Depressionswerte waren im ersten Jahr nach der letzten Menstruation relativ häufig, in den folgenden 24 Jahren wurden sie seltener.
Interessant: Bei Frauen, die eine menopausale Hormontherapie erhielten, waren abrupte Veränderungen vieler Laborwerte weniger verbreitet. Von den 80 untersuchten Werten unterschieden sich 39 statistisch signifikant zwischen den Gruppen, insbesondere bei den Markern für Knochen, Leber und Nieren. Beim Entzündungsmarker CRP bestätigte sich der Zusammenhang aber nicht.
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Bedeutung der Ergebnisse
Die Studie legt nahe, dass die Menopause mit vergleichsweise abrupten Veränderungen in zahlreichen Körpersystemen einhergeht. Einige hormonelle Veränderungen setzen bereits mehr als zehn Jahre vor der letzten Menstruation ein und verlaufen dann beschleunigt. Für die Gesundheitsversorgung könnten die Ergebnisse zusammenfassend bedeuten, dass es sinnvoll sein könnte, die Zeit vor der Menopause stärker in den Blick zu nehmen.
Besonders bemerkenswert sind die Beobachtungen, dass die Häufigkeit von Osteoporose, Herzinfarkt und Schlaganfall nach der Menopause zunahm. Und gleichwohl, dass bei Frauen, die eine menopausale Hormontherapie erhielten, die Veränderungen vieler Laborwerte geringer ausfielen. Doch hieraus sollte man nicht ableiten, dass die Hormontherapie Erkrankungen verhindern kann. Außerdem ist die Behandlung nicht für alle Frauen geeignet.
Unabhängige Expertin zu den Ergebnissen
Die abrupten Veränderungen rund um die Menopause „betreffen tatsächlich nicht nur die Eierstöcke“. Dies betont Frau Dr. Heidi Gößlinghoff, Fachärztin für Frauenheilkunde, im Gespräch mit FITBOOK; sie war nicht an der Studie beteiligt.
Die Expertin lenkt den Blick der verschiedenen Veränderungen auf mögliche gesundheitliche Folgen und weist etwa darauf hin, dass auch Stoffwechselstörungen wie Diabetes und Fettleber eine Rolle spielen. Bei familiärer Vorbelastung könne eine Knochendichtemessung sinnvoll sein. „Der Abbau des Knochens beschleunigt sich mit dem Wegfall der Hormone.“
In diesem Beitrag geht die Expertin noch ausführlicher darauf ein, was die Menopause körperlich und mental für Frauen bedeutet.
Hormonersatztherapie – sinnvoll oder nicht?
Die Studienergebnisse zur Hormontherapie bewertet die Expertin positiv. „Aus Studien wissen wir, dass der Nutzen die Risiken überwiegt.“ Besonders Frauen mit sehr früh einsetzenden Wechseljahren sowie Frauen unter 60 Jahren, deren Menopause weniger als zehn Jahre zurückliegt, könnten profitieren.
Allerdings sei zu beachten, dass die Behandlung nicht für alle Frauen gleichermaßen geeignet ist. Zu den Gegenanzeigen zählen Vorgeschichten mit Brustkrebs oder Thrombosen, Schlaganfällen und Herzinfarkten. Ob eine Hormontherapie infrage kommt, müsse deshalb individuell ärztlich abgewogen werden.
Einschränkungen
Es ist einschränkend zu betonen, dass die Studie überwiegend auf rückblickend ausgewerteten Querschnittsdaten basiert. Mithilfe des statistischen Verfahrens ließen sich durchschnittliche Verläufe rekonstruieren. Die Beobachtungen kann man aber nicht mit denen einer Langzeitstudie gleichsetzen, welche dieselbe Stichprobe über mehrere Jahre begleitet. Auch ist zu berücksichtigen, dass die Menopause-Zeitpunkte teilweise auf Selbstangaben oder statistischen Schätzungen basieren. Es wurden zusätzliche Sensitivitätsanalysen vorgenommen, dennoch bleiben Unsicherheiten bestehen.
Zuletzt sind auch die Ergebnisse zur Hormontherapie mit Vorsicht zu interpretieren. Denn die Behandlung wurde nicht zufällig zugeteilt, die Frauen mit und ohne Therapie könnten sich daher in weiteren Merkmalen unterscheiden. Die Beobachtungen können daher nicht beweisen, dass die Therapie für die geringeren Veränderungen verantwortlich ist.
Die Autoren selbst räumen weiteren Forschungsbedarf ein, im besten Fall durch prospektive randomisierte Studien.