11. Mai 2026, 21:03 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Matthias Steiner bekam kurz vor seinem 18. Geburtstag die Diagnose Typ-1-Diabetes. Seine Karriere als Gewichtheber hielt das nicht auf – doch die chronische Autoimmunerkrankung begleitet ihn bis heute. Im Gespräch mit FITBOOK-Chefredakteur Nuno Alves auf der OMR erklärt der Ex-Olympiasieger, wie der Alltag mit Diabetes aussieht, warum ein zu hoher Blutzucker ihn reizbar macht und weshalb Softgetränke für ihn besonders kritisch sind.
Diagnose kurz vor dem 18. Geburtstag
Matthias Steiner gewann 2008 Gold bei Olympia. Was viele dabei nicht wissen: Seine Karriere bestritt der frühere Gewichtheber mit Typ‑1‑Diabetes. Die Diagnose bekam Steiner einen Tag vor seinem 18. Geburtstag. Wichtig ist Steiner dabei die Abgrenzung zu Typ‑2‑Diabetes. Denn diese Form ist häufig Folge eines ungesunden Lebensstils, gezeichnet durch Überernährung und Bewegungsmangel. Typ 1 hingegen ist eine Autoimmunerkrankung. „Mein Immunsystem richtet sich gegen mich“, erklärt er. Bei dieser Form greift das Immunsystem die körpereigenen Zellen in der Bauchspeicheldrüse an, die Insulin produzieren. Dieses Hormon schleust normalerweise Zucker aus dem Blut in die Zellen, um sie mit Energie zu versorgen. Deshalb kann Diabetes Typ 1 trotz eines gesunden Lebensstils auftreten. „Ich war als Kind schlank, sportlich, habe nicht geraucht, fast keinen Alkohol getrunken, mich gut ernährt, und trotzdem bekommt man Typ-1-Diabetes“, sagt Steiner. „Das hat damit nichts zu tun.“
Alltag mit Diabetes – „Man hat keine Schmerzen“
„In den ersten Jahren kämpft man eigentlich damit: Wie kriege ich das in den Griff, und welche Auswirkungen hat das Ganze?“ beschreibt Steiner die Anfänge. Das Fatale an Diabetes sei, dass man die Folgen nicht unbedingt sofort spüre. „Man hat keine Schmerzen. Man fühlt sich vielleicht ein bisschen träger, aber das fühlen wir uns alle mal, wenn wir überfordert sind“, so Steiner. Deshalb unterschätze man die Erkrankung in den ersten Jahren leicht.
Mit der Zeit habe er jedoch verstanden, wie wichtig stabile Werte sind. Regelmäßige Untersuchungen – etwa der Augen und der Durchblutung – gehören für Steiner dazu. Für ihn wurde immer klarer: Je besser die Blutzuckerwerte, desto besser funktioniert auch der Alltag.
Warum sollten Diabetiker zum Augenarzt?
Diabetes kann die Blutgefäße in den Augen schädigen, was Betroffene nicht unbedingt sofort bemerken. Über die Zeit kann das jedoch zu leichten Sehbeschwerden bis hin zur Erblindung führen. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) empfiehlt Typ‑1-Diabetikern ab dem elften Lebensjahr oder spätestens fünf Jahre nach der Diagnosestellung eine Kontrolle.1
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Das sind die Unterschiede zwischen Typ-1- und Typ-2-Diabetes
Steigt der Zucker, sinkt die Stimmung
Bei Typ-1-Diabetes merkt Steiner nach eigener Aussage sehr schnell, wenn der Blutzucker nicht passt. Steigt der Wert zu stark an, spüre er das nicht nur körperlich. „Dann kommt eine schnelle Müdigkeit, eine schnelle Gereiztheit“, sagt er. Obwohl er eigentlich ein gelassener Mensch sei, verändere ihn ein zu hoher Blutzucker deutlich: „Wenn der Blutzucker zu hoch ist, bin ich auch explosiv.“
Genau daran habe er auch gemerkt, welchen Einfluss Ernährung auf den Körper hat. Besonders drastisch zeigt sich für Steiner der Einfluss von kohlenhydratreichen Lebensmitteln und Getränken. „Wenn ich jetzt Softgetränke trinke und einen Teller Pasta esse und nicht spritze, dann bin ich ganz schnell im Koma.“ Seine Insulinpumpe habe ihm geholfen, diese Zusammenhänge noch klarer zu sehen. Für eine Pizza oder ein Softgetränk brauche er deutlich mehr Insulin als für Gemüse oder Eier.
Welche Rolle Ernährung für die Gesundheit spielt, greift auch Nuno Alves in seinem am 4. Januar 2027 erscheinenden Buch „Highway to Health – In 7 Schritten zu einem gesunden langen Leben“ auf.
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Diabetes bedeutet für ihn Management, nicht Einschränkung
Auch nach mehr als 25 Jahren bleibt Typ-1-Diabetes für Steiner eine Erkrankung, die stetig Aufmerksamkeit erfordert. „Ich muss schon 24 Stunden schauen, dass es passt“, sagt er. Vor allem Sport müsse er mitdenken: Trainiert er? Wie wirkt das Gewichtheben später noch auf den Blutzucker? Muss er nachts die Insulinpumpe reduzieren oder vorab etwas essen?
Für Steiner ist das viel Planung – aber keine Einschränkung. „Das ist Management. Aber es ist keine Einschränkung“, sagt er. Er nehme sich für jede Situation einfach ein paar Minuten mehr Zeit. Das sieht er nicht nur als Notwendigkeit, sondern auch als gesunden Umgang mit sich selbst: „Am Ende ist das sogar Stressreduktion, weil ich mir bewusst Zeit nehme und sage: Ich brauche Zeit für mich.“