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Trauriger Rekord! Mann litt zwei Jahre an akuter Corona-Infektion

Mann litt zwei Jahre an akuter Corona-Infektion
Bei einem Patienten hatte ein einziger ursprünglicher Virusstrang mehr als zwei Jahre lang eine akute Corona-Infektion aufrechterhalten Foto: Getty Images
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16. September 2025, 15:03 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Fälle von langanhaltenden Nachwehen einer Corona-Infektion gibt es mittlerweile zahlreiche. Die Rede ist von Long-Covid-Beschwerden – solche machen den Betroffenen auch nach überstandener Erkrankung zu schaffen. Die Geschichte eines Mannes, der kürzlich in einem wissenschaftlichen Bericht behandelt wurde, ist hingegen einzigartig. Der Patient hatte rund 750 Tage lang unter einer akuten Corona-Infektion gelitten, das sind mehr als zwei Jahre. Damit hält er einen unliebsamen Rekord. FITBOOK-Autorin Laura Pomer geht näher auf das Thema ein und sprach mit dem Studienleiter sowie einem externen Experten.

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Der längste Fall einer akuten Corona-Infektion weltweit

Die Fallstudie dokumentiert den bislang längsten bekannten SARS-CoV-2-Fall.1 Der betroffene Patient litt mehr als zwei Jahre lang ohne Unterbrechung an einer Infektion mit dem Coronavirus. Dabei handelte es sich die ganze Zeit über um dieselbe Infektion – nicht um mehrere Neuinfektionen. Ziel der Untersuchung war es, nachzuvollziehen, wie sich das Virus im Körper während dieses außergewöhnlich langen Zeitraums entwickelt und verändert hat.

Dass der Erreger so lange im Körper überleben und sich anpassen konnte, lag vor allem an der fortgeschrittenen HIV-Erkrankung des 41-jährigen Patienten, die sein Immunsystem stark geschwächt hatte. Doch womöglich haben derartige anhaltende Infektionen nicht nur für die betroffenen vulnerablen Patienten selbst Auswirkungen. Den Autoren ging es bei ihrer Untersuchung auch darum, herauszufinden, ob die Veränderungen möglicherweise auch eine Gefahr für andere Menschen darstellen.

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Details zur Untersuchung

Das Team um Studienautor Dr. Bill Hanage geht davon aus, dass sich der Patient seine folgenschwere Corona-Infektion im Mai 2020 zugezogen hat. Im März 2021 litt er somit bereits rund zehn Monate an der Erkrankung. Zwischen diesem Zeitpunkt und Juli 2022 entnahmen die Forscher insgesamt acht Rachenabstriche. Der Patient hatte in dieser Zeit keine HIV-Therapie in Anspruch nehmen und auch für seine Corona-Symptome (Atemwegssymptomen, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen und Schwäche) keine medizinische Versorgung erhalten können.

Die Forscher unterzogen die Proben aus dem Rachen des Mannes genetischen Analysen. Dabei zeigte sich, dass das Virus im Körper des Patienten eine einheitliche Entwicklungslinie verfolgte. Fachlich spricht man in diesem Zusammenhang von einem monophyletischen Cluster. Gemeint ist damit, dass alle Viren von einem einzigen ursprünglichen Virusstrang abstammen. Sie entwickelten sich im Körper des Patienten weiter, ohne dass eine neue Variante von außen hinzukam.

Im Verlauf der Infektion konnten die Wissenschaftler 68 sogenannte „Consensus“-Mutationen und 67 „Subconsensus“-Mutationen nachweisen. „Consensus“-Mutationen sind Veränderungen, die in allen Viruskopien der Probe vorkommen. Sie haben sich somit im gesamten Virusbestand durchgesetzt. „Subconsensus“-Mutationen wiederum treten nur in einem Teil der Viruspopulation auf. Ihr Vorkommen deutet darauf hin, so die Autoren, dass verschiedene Virusvarianten gleichzeitig im Körper des Patienten existierten und miteinander konkurrierten.

Spike-Protein-Mutationen, die mit späterer Omikron-Variante übereinstimmten

Als besonders interessant befinden die Forscher, dass einige der Mutationen an Stellen im Virusgenom auftraten, die im späteren Verlauf der Pandemie im Zusammenhang mit den Omikron-Varianten von Bedeutung waren. Im Spike-Protein gab es zehn Mutationen, die genau an denselben Positionen lagen, die später für Omikron relevant wurden. Neun von diesen zehn Mutationen waren schon vor November 2021 bekannt.

Weiterhin halten die Forscher fest, dass viele der gefundenen Substitutionsstellen in globalen Datenbanken selten waren. Deshalb sei davon auszugehen, dass jene Mutationen direkt im Körper des Patienten entstanden. Sie waren wahrscheinlich auf die spezielle Anpassung des Virus an diesen einen Wirt zurückzuführen. Anders gesagt: Es hatte sich wahrscheinlich so stark an den Körper des Wirts angepasst, dass es dabei die Fähigkeit verlor, andere Menschen zu infizieren.

Experte erklärt FITBOOK den Fall

FITBOOK bat den Allgemeinmediziner Dr. med. Michael Feld, der seit einigen Jahren intensiv in der Long-Covid-Forschung engagiert sind, die Beobachtungen fachlich einzuordnen. Für Laien könnte er die Frage aufwerfen, ob die lange, schwere Infektion dem Patienten nicht hätte das Leben kosten können. Es ist schließlich bekannt, dass vor allem zu Beginn der Pandemie sogenannte Risikopatienten vermehrt an Corona verstorben sind. Wie Dr. Feld erklärt, ist das aber eigentlich gar nicht im Sinne des Erregers. „Das Virus will den Wirt nicht töten. Eigentlich will es sich in ihm nur vermehren, sozusagen eine Familie Gründen“, so der Experte.

Im Körper des HIV-Patienten hat das Virus in gewisser Weise einen idealen Aufenthaltsort gefunden. Dr. Feld erklärt, dass die Person „nicht gut HIV-therapiert“ war. Denn wäre sie das gewesen, hätte ihr Immunsystem besser funktioniert und die SARS-CoV2-Viren eliminieren können. So weit, so bekannt: Ohne effektive Therapie führt eine HIV-Infektion zum Herunterfahren des Immunsystems. Deshalb sind entsprechende HIV-infizierte Personen auch gut geeignete Wirte für andere Erkrankungen. Dr. Feld erinnert an früher, „als Aids ausbrach und man das Erreger-Virus noch nicht kannte“. Betroffene erkrankten etwa am Kaposi-Sarkom, einer sehr seltenen Krebs der Blutgefäße. Ohne starke Immunsupression erkranken Menschen daran in der Regel nicht.

Wenn ein Virus gute Bedingungen vorfindet, wird es in den Worten von Dr. Feld „dekadent“. Solche lagen im Körper des Patienten vor: Das Virus fühlte sich relativ wohl, da es nicht von Antikörpern attackiert wurde. So konnte es sich in Ruhe einrichten, Nischen suchen und hatte dort genügend Zeit, sich weiterzuentwickeln, zu verbreiten und mutieren – „es sich gemütlich zu machen im Körper“, bringt er auf den Punkt.

Bedeutung der Erkenntnisse

Die Ergebnisse zeigen, wie sich das SARS-CoV-2-Virus über einen langen Zeitraum in einer einzelnen Person entwickeln kann. Auch liefern sie Hinweise darauf, wie neue Virusvarianten entstehen könnten. Umgangssprachlich ausgedrückt, könnten derartige dauerhafte Infektionen als Brutstätten für neue Virusvarianten fungieren. „Die Studie ergänzt die Beweislage dafür, dass viele, wenn nicht sogar alle wichtigen Varianten aus einer solchen persistenten Infektion entstanden sind“, so Studienleiter Dr. Bill Hanage zu FITBOOK. Gleichzeitig betont er, dass die überwiegende Mehrheit von ähnlich langwierigen Infektionen keine derartigen Varianten hervorbringt.

Auf jeden Fall sind die Beobachtungen ein mahnendes Beispiel dafür, wie wichtig es ist, chronische Infektionen zu behandeln. Stark immungeschwächte Patienten müssten engmaschig überwacht werden – auch um mögliche Risiken für die Allgemeinbevölkerung zu reduzieren. Hierfür sei es von höchster Bedeutung, unter Ärzten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass solche persistenten Infektionen existieren. „Die Überwachung sollte insbesondere in Regionen, in denen sie derzeit unzureichend ist, verbessert werden“, mahnt Dr. Hanage. Natürlich hänge die individuell geeignete Behandlung vom jeweiligen Fall und den Gründen für die Immunsuppression ab. Bleibt man beim Beispiel HIV, so sei bekannt, dass eine wirksame antiretrovirale Therapie das Immunsystem stärken und so dabei helfen kann, Viren besser zu bekämpfen. Der im Fallbericht behandelte Patient hatte keine entsprechende Therapie erhalten. „Es gibt auch mehrere wirksame antivirale Therapien gegen das Coronavirus“, erinnert der Forscher. Der Leidensweg des Patienten hätte wahrscheinlich verkürzt werden können.

Quellen

  1. Velasquez-Reyes, J., Schaeffer, B., Curry, S. et al. (2025), Characterisation of a persistent SARS-CoV-2 infection lasting more than 750 days in a person living with HIV: a genomic analysis, The Lancet Microbe ↩︎

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