22. Juli 2025, 13:21 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Zu den am häufigsten genannten Langzeitfolgen einer Corona-Erkrankung gehören anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung. Zudem berichten Genesene von Problemen mit dem Gedächtnis. Eine neue Studie legt nahe, dass dabei insbesondere die Fähigkeit betroffen ist, ähnliche Erinnerungen voneinander zu unterscheiden. Die Forscher haben diese mögliche Corona-Spätfolge und die ihr zugrunde liegenden neurokognitiven Mechanismen genauer untersucht.
Studie untersucht spezifische kognitive Defizite nach Corona
Auch wenn sich nicht mehr so viele Menschen mit dem Coronavirus anstecken wie zu Zeiten der Pandemie, besteht nach wie vor ein Risiko. Und auch längst überstandene Infektionen können Betroffene dauerhaft beschäftigen – in Form von Langzeitfolgen. Diese längerfristigen gesundheitlichen sogenannten Corona-Spätfolgen werden gemeinhin als Long Covid zusammengefasst. Viele der damit einhergehenden Symptome hängen mit Veränderungen des Gehirns und speziell des Nervensystems zusammen, wie FITBOOK hier genauer erklärt.1 Die genauen Mechanismen hinter den beobachteten kognitiven und affektiven Veränderungen sind jedoch bislang nicht näher erforscht – ein Umstand, dem sich die neue Studie widmete.2
Details zur Untersuchung
Für eine Online-Screening-Erhebung sammelten die Forschenden zunächst Daten von über 1400 Personen. Unter den Teilnehmenden waren sowohl Menschen mit als auch ohne frühere Corona-Infektion – und darunter jeweils solche mit und ohne anhaltende Beschwerden. Aus dieser großen Gruppe wurde später eine kleinere Stichprobe ausgewählt, um vertiefte Laboranalysen durchzuführen: eine Gruppe von Covid-Genesenen mit Langzeitbeschwerden sowie eine gesunde Kontrollgruppe. Die Teilnehmenden waren zwischen 18 und 90 Jahre alt.
Die Studienteilnehmer durchliefen digitale neuropsychologische Tests, mit denen gezielt Gedächtnisfunktionen untersucht wurden. Einer der zentralen Tests bestand darin, sich zuvor gehörte Wortpaare zu merken und später korrekt wiederzugeben. Hierbei handelt es sich um einen klassischen Test für das sogenannte episodische Gedächtnis. In einem weiteren Test wurde erfasst, wie gut sich die Teilnehmenden beim Lernen gegen ablenkende Reize behaupten konnten. Ergänzend wurden Kontrollaufgaben eingesetzt, bei denen es darum ging, über längere Zeit hinweg aufmerksam zu bleiben und Störfaktoren auszublenden.
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Erinnerungen schwerer unterscheiden – als Corona-Spätfolge
Die Auswertung ergab, dass Gedächtnisprobleme besonders dann auftraten, wenn die Teilnehmenden beim Lernen abgelenkt wurden – ein Problem, das in der Long-Covid-Gruppe deutlich ausgeprägter war. Die Probanden mit Long Covid schnitten in der Wortpaar-Aufgabe unter Ablenkung signifikant schlechter ab als die Kontrollgruppe. Dies lässt vermuten, dass die Schwierigkeiten nicht allein durch Störungen im Hippocampus – dem Hirnbereich, der für das Speichern von Informationen zuständig ist – erklärbar sind. Vielmehr scheint auch die Fähigkeit zur kognitiven Kontrolle, also zur gezielten Steuerung der Aufmerksamkeit, eingeschränkt zu sein. Die Forscher vermuten ein gestörtes Zusammenspiel zwischen präfrontalem Kortex (Aufmerksamkeit) und Hippocampus (Gedächtnisbildung).
Darüber hinaus zeigte sich, dass viele ehemals Infizierte Probleme hatten, ähnliche Erinnerungen voneinander zu unterscheiden. Dies ergaben die Tests, bei denen die Teilnehmer über zuvor gesehene visuelle Reize – dies waren etwa leicht unterschiedliche Objekte oder Szenen, die sie später korrekt identifizieren sollten – aussagen sollten, ob diese exakt gleich, nur ähnlich oder neu waren. Dieses Phänomen ist bekannt als mnemonische Diskriminationsleistung. Auffällig war, dass diese mögliche Corona-Spätfolge unabhängig von Alter, Bildung oder psychischen Faktoren wie Stress oder Depression auftrat. Andere kognitive Funktionen wie das flexible Denken oder das allgemeine Erinnerungsvermögen blieben hingegen weitgehend intakt.
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Bedeutung der Studie
„Unsere Ergebnisse belegen erstmals in einer großen Stichprobe eindeutig eine spezifische Gedächtnisstörung nach einer Covid-19-Erkrankung, die nicht allein durch psychische Belastungen oder allgemeine körperliche Erschöpfung erklärt werden kann“, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Patric Meyer, Professor der Heidelberger SRH University in einer Universitätsmitteilung.3 Viele der beobachteten Gedächtnisprobleme seien demnach nicht auf reine Vergesslichkeit zurückzuführen, sondern auf eine Störung im Zusammenspiel zwischen Aufmerksamkeit und Gedächtnisbildung. Betroffene könnten beim Lernen unwichtige Reize schlechter herausfiltern – mit der Folge, dass ähnliche Erinnerungen verschwämmen und sich schlechter voneinander trennen ließen.
Die Studienergebnisse liefern damit wichtige Anhaltspunkte für die Entwicklung gezielter Rehabilitationsstrategien. Denkbar wären etwa Trainingsprogramme, die die Fähigkeit zur Aufmerksamkeitssteuerung gezielt stärken. Gleichzeitig bleiben einige Fragen offen.
Einschränkungen
Nicht geklärt ist beispielsweise, wie lange die jeweilige Corona-Infektion der Probanden zurücklag. Dieser Aspekt kann für die Bewertung dieser möglichen Corona-Spätfolge, Erinnerungen nicht unterscheiden zu können, relevant sein. In die Laboranalyse wurden außerdem nur Menschen mit milden bis moderaten Krankheitsverläufen aufgenommen. Ob sich die Ergebnisse auch auf schwere Verläufe übertragen lassen, bleibt offen. Zudem wurde auf bildgebende Verfahren wie MRT verzichtet. Anstelle konkreter neuronaler Veränderungen wurden ausschließlich Verhaltensdaten ausgewertet. Da es keine Vorerhebung gab, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die beobachteten Defizite tatsächlich eine Folge der Infektion sind oder bereits vorher bestanden. Schließlich basiert die vertiefte Auswertung nur auf einer relativ kleinen Stichprobe, was ihre Aussagekraft zusätzlich begrenzt.