30. September 2026, 20:20 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Männer erkranken an vielen Krebsarten häufiger als Frauen. Warum das so ist, lässt sich bislang nicht vollständig erklären. Neben biologischen Unterschieden könnten auch Lebensgewohnheiten und bestimmte Erkrankungen eine Rolle spielen. Eine große Studie mit knapp 590.000 Erwachsenen aus China und Großbritannien zeigt nun, wie stark solche veränderbaren Faktoren mit den Unterschieden zwischen Männern und Frauen zusammenhängen – und dass sich beide untersuchten Bevölkerungen dabei deutlich unterscheiden.
Einfluss veränderbarer Faktoren variiert stark
Die untersuchten Lebensstil- und Gesundheitsfaktoren spielten in China und Großbritannien eine unterschiedlich große Rolle. In China konnten rund 84 Prozent des Unterschieds bei den Erkrankungsraten von Männern und Frauen (183 von 216 zusätzlichen Krebsfällen pro 100.000 Personenjahren) statistisch mit diesen Faktoren in Verbindung gebracht werden. In Großbritannien waren es dagegen nur rund 26 Prozent (52 von 200 Fällen). Das zeigt: Wie stark solche Faktoren mit den unterschiedlichen Krebsraten von Männern und Frauen zusammenhängen, kann sich von Bevölkerung zu Bevölkerung und je nach gesellschaftlichem Kontext deutlich unterscheiden.
So wurde die Studie durchgeführt
Das Forschungsteam um Zhuo-Ying Li wollte herausfinden, welchen Anteil veränderbare Faktoren daran haben könnten, dass Männer häufiger an Krebs erkranken als Frauen. Als weitere mögliche Erklärungen gelten biologische Unterschiede, etwa genetische Merkmale, Sexualhormone oder unterschiedliche Immunreaktionen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „JAMA Oncology“ veröffentlicht.1
Für ihre Untersuchung werteten die Forscher Daten von insgesamt 589.766 Erwachsenen aus Shanghai und der UK Biobank aus. Zu Studienbeginn waren die Teilnehmer zwischen 40 und 74 Jahre alt und nicht an Krebs erkrankt. Anschließend wurde über mehrere Jahre erfasst, wer an Krebs erkrankte.
Die Forscher betrachteten 34 Krebsendpunkte, die nicht geschlechtsspezifisch sind. Brustkrebs und Tumoren der Geschlechtsorgane wurden beispielsweise ausgeschlossen.
Untersucht wurden elf Lebensstil- und Gesundheitsfaktoren. Dazu gehörten unter anderem Rauchen, starker Alkoholkonsum, körperliche Inaktivität, Ernährung und Adipositas sowie Diabetes, chronische Lebererkrankungen und Gallensteine. China und Großbritannien eigneten sich für den Vergleich, weil sich einige dieser Faktoren dort unterschiedlich auf Männer und Frauen verteilen. Während in China Verhaltensweisen wie Rauchen (69,6 Prozent der Männer vs. 2,8 Prozent der Frauen) und starker Alkoholkonsum (26,6 Prozent vs. 0,9 Prozent) fast ausschließlich Männer betreffen, sind diese Gewohnheiten in Großbritannien zwischen den Geschlechtern deutlich gleichmäßiger verteilt (Rauchen: 50,7 Prozent vs. 39,7 Prozent).
Rauchen spielt in einem Land die größte Rolle
Während der Nachbeobachtung wurden insgesamt 70.300 Krebserkrankungen registriert. Die Erkrankungsrate der Männer war in beiden Studienpopulationen höher als die der Frauen: In China lag sie um den Faktor 1,66 höher, in Großbritannien um den Faktor 1,49.
Welche der untersuchten Faktoren besonders stark mit dieser Differenz zusammenhingen, unterschied sich zwischen den beiden Populationen erheblich. In China stach vor allem das Rauchen hervor: Es war statistisch mit rund 52 Prozent des Unterschieds zwischen Männern und Frauen verbunden. Auf starken Alkoholkonsum entfielen rund 15 Prozent, auf chronische Lebererkrankungen etwa zehn Prozent und auf eine geringe Obstaufnahme ebenfalls rund zehn Prozent.
In Großbritannien waren die einzelnen Beiträge deutlich kleiner. Den größten Anteil hatte dort Adipositas mit rund acht Prozent. Es folgten Rauchen mit rund sechs Prozent und Diabetes mit knapp vier Prozent.
Die Forscher überprüften die Stabilität ihrer Ergebnisse mit mehreren zusätzlichen Berechnungen, unter anderem mit einem auf zehn Jahre begrenzten Beobachtungszeitraum. Dabei kamen sie zu vergleichbaren Ergebnissen.
Der Geburtsjahrgang verändert offenbar das Krebsrisiko
Der Familienstand beeinflusst offenbar das Krebsrisiko
Stärken und Schwächen der Studie
Die Studie liefert durch den Vergleich zweier unterschiedlicher Bevölkerungen wichtige Hinweise darauf, welche Rolle veränderbare Risikofaktoren bei den unterschiedlichen Krebsraten von Männern und Frauen spielen könnten.
Bei der Interpretation gibt es jedoch einige Einschränkungen. Lebensstil und Gesundheitszustand wurden nur zu Beginn der Studie erfasst und beruhten teilweise auf Selbstauskünften. Veränderungen im Laufe der Zeit konnten daher nicht berücksichtigt werden. Zudem fehlten mögliche Einflussfaktoren wie Luftverschmutzung, berufliche Belastungen und bestimmte Infektionen.
Auch Unterschiede bei der Krebsvorsorge sowie bei der Zusammensetzung der untersuchten Bevölkerungsgruppen könnten die Ergebnisse beeinflusst haben. Hinzu kommen weitere methodische Aspekte: Die Teilnehmer waren zu Beginn 40 bis 74 Jahre alt, weshalb sich die Aussagen nicht auf jüngere Erwachsene unter 40 oder hochbetagte Menschen übertragen lassen. In China wurden Frauen und Männer zudem in leicht versetzten Zeiträumen befragt (1997 bis 2000 bzw. 2002 bis 2006), was in einer Phase rascher Lebensstilveränderungen zu Verzerrungen geführt haben könnte. Die britische Studiengruppe umfasst zudem eine überdurchschnittlich gesunde, sozioökonomisch besser gestellte Bevölkerung. Deshalb lassen sich die Ergebnisse nicht ohne Weiteres auf andere Länder, Altersgruppen oder Bevölkerungen übertragen.
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Frühere Studien weisen auf biologische Ursachen hin
Die Ergebnisse aus Großbritannien decken sich mit einer früheren US‑Studie. Ein Team des „National Cancer Institute“ um Sarah Jackson wertete Daten von knapp 300.000 Erwachsenen zwischen 50 und 71 Jahren aus.2 Männer erkrankten an den meisten nicht geschlechtsspezifischen Krebsarten häufiger als Frauen, beim Adenokarzinom der Speiseröhre sogar fast elfmal so oft. Lebensstil, Körpergewicht und Vorerkrankungen erklärten allerdings nur einen Teil dieses Unterschieds: bei Lungenkrebs etwa die Hälfte, bei Speiseröhrenkrebs nur rund elf Prozent. Die Autoren sehen darin einen Hinweis auf biologische Ursachen.
Wie solche Ursachen aussehen könnten, zeigt eine Analyse von mehr als 4100 Tumoren aus 21 Krebsarten.3 Frauen besitzen zwei X-Chromosomen, von denen eines weitgehend stillgelegt ist. Einige Gene auf diesem zweiten X, die normalerweise vor Krebs schützen, bleiben jedoch aktiv. Fällt bei Männern die einzige Kopie eines solchen Gens durch eine Mutation aus, fehlt der Schutz ganz. Bei Frauen springt die zweite Kopie ein. Tatsächlich waren sechs dieser X-Gene bei Männern häufiger mutiert, bei anderen Genen fanden die Forscher keinen solchen Unterschied.