1. August 2025, 13:40 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Bei den Risikofaktoren für Lungenkrebs denkt man zuerst an die Zigarette. Doch eine neue Langzeitstudie liefert alarmierende Hinweise: Wer viele sogenannte „Ultra-Processed Foods“ (UPF) konsumiert, hat ein deutlich höheres Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken – selbst wenn man nicht raucht. Welche Lebensmittel besonders ins Gewicht fallen und warum dieser Zusammenhang ernst genommen werden sollte, erklärt FITBOOK-Redakteurin Sophie Brünke.
Nichtraucher sind nicht gewahrt vor Lungenkrebs. Immerhin 12 Prozent der Erkrankten haben nie eine Zigarette in der Hand gehalten.1 Was natürlich im Umkehrschluss bedeutet, dass der Tabakkonsum der größte Risikofaktor bleibt. Doch es scheint weitere Faktoren zu geben, die bisher nicht im Fokus der Wissenschaft standen. So berichtet der Lungeninformationsdienst, dass die Anzahl der Nichtraucher mit Lungenkrebs ansteigt.
Die Forschung hat in den vergangenen Jahren gezeigt, dass ein hoher Konsum von ultra-verarbeiteten Lebensmitteln (Ultra-Processed Foods, kurz: UPF) mit zahlreichen chronischen Krankheiten wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs verbunden sein kann. Selbst in unserer Muskulatur kann es durch UPFs zu einer Fettablagerung kommen. (FITBOOK berichtete). Ob diese Lebensmittel aber auch das Risiko für Lungenkrebs erhöht – eine der tödlichsten Krebsarten weltweit –, war bisher unklar. Doch angesichts der weltweit steigenden UPF-Verzehrmengen könnten solche Erkenntnisse große Bedeutung für die öffentliche Gesundheit haben.
Ultra-Processed Foods (UPF) definieren sich als industriell stark veränderte Produkte mit zahlreichen Zusatzstoffen, Aromen und Konservierungsmitteln – etwa Softdrinks, Wurstwaren, Fertiggerichte, Snacks, Instantprodukte oder verpacktes Weißbrot.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Daten von über 100.000 Probanden
Das chinesisch-amerikanische Forschungsteam untersuchte, ob ein hoher UPF-Konsum das Risiko für Lungenkrebs – insbesondere die beiden Hauptformen Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (NSCLC) und kleinzelliger Lungenkrebs (SCLC) – erhöht. Dabei stützten sie sich auf einen großen Datensatz einer amerikanischen Langzeitstudie, der PLCO Cancer Screening Trial (Prostate, Lung, Colorectal and Ovarian Cancer). Sie bezogen Datensätze von 101.732 Erwachsenen ein, die zu Studienbeginn einen umfangreichen Fragebogen zu ihren Lebensgewohnheiten sowie einen validierten Fragebogen zur Verzehrhäufigkeit von Lebensmitteln (Diet History Questionnaire) ausgefüllt hatten.2
Die Lebensmittel wurden mithilfe der sogenannten NOVA-Klassifikation nach Verarbeitungsgrad kategorisiert. UPFs landeten in Gruppe vier. Der UPF-Konsum wurde energiebereinigt (nach Kalorienaufnahme) in vier Quartile eingeteilt. Durchschnittlich wurden, 2,8 Portionen UPFs täglich gegessen. Die Teilnehmer wurden durchschnittlich 12,2 Jahre lang beobachtet. Medizinische Unterlagen gaben Aufschluss über etwaige Krebsdiagnosen während der Beobachtungszeit.
Die Wissenschaftler führten multivariable Cox-Regressionsanalysen durch, um den Zusammenhang zwischen UPF-Konsum und Lungenkrebsrisiko zu bewerten – unter Berücksichtigung wichtiger Faktoren wie Alter, Geschlecht, Rauchstatus, Diabetes, Blutdruck, körperliche Aktivität, Bildungsstand und allgemeine Ernährungsqualität (Healthy Eating Index-2015).
Auch interessant: Wie lange der Körper braucht, um sich von der letzten Zigarette zu erholen
Ultra-verarbeitete Lebensmittel erhöhten das Risiko für Lungenkrebs um 41 Prozent
Während der Nachbeobachtungszeit traten insgesamt 1706 Fälle von Lungenkrebs auf, darunter 1473 NSCLC-Fälle und 233 von SCLC. Personen im höchsten Viertel des UPF-Konsums (viertes Quartil: sechs Portionen täglich) hatten im Vergleich zur niedrigsten Gruppe (erstes Quartil: 0,5 Portionen täglich) ein signifikant höheres Risiko für:
- Lungenkrebs insgesamt: 41 Prozent höheres Risiko
- Nicht-kleinzelliger Lungenkrebs (NSCLC): 37 Prozent höheres Risiko
- Kleinzelliger Lungenkrebs (SCLC): 44 Prozent höheres Risiko
Diese Zusammenhänge blieben auch nach umfangreichen Sensitivitäts- und Subgruppenanalysen stabil – etwa nach Alter, Geschlecht, Rauchstatus oder Body-Mass-Index.
Besonders verheerend: Für Lungenkrebs insgesamt und für NSCLC zeigte sich eine nichtlineare Dosis-Wirkungs-Beziehung zum UPF-Konsum – das Risiko stieg mit zunehmender Verzehrmenge also nicht gleichmäßig, sondern überproportional mit höherem Konsum. Für SCLC war die Beziehung hingegen linear. Die am häufigsten von den Probanden verzehrten UPFs waren Wurstwaren, Softdrinks und Weißbrot.
Verarbeitete Lebensmittel als neuer Risikofaktor
Die Studie weist darauf hin, dass UPF-Konsum ein bislang unterschätzter Risikofaktor für Lungenkrebs sein könnte – unabhängig von klassischen Ursachen wie Rauchen. Das ist besonders bedeutsam, da UPF laut den Studienautoren weltweit bis zu 60 Prozent der täglichen Energieaufnahme ausmachen. So könnten auch Nichtraucher ihr Lungenkrebsrisiko durch eine UPF-arme Ernährung senken.
Die möglichen Mechanismen sind vielfältig: UPF enthalten oft problematische Zusatzstoffe, hohe Mengen Zucker, Salz, gesättigte Fette und haben eine niedrige Nährstoffdichte. Sie können chronische Entzündungen fördern, die Mikrobiota im Darm stören und durch Verarbeitung entstehende Schadstoffe enthalten, die krebserregend wirken könnten. Auch Verpackungsbestandteile wie polychlorierte Biphenyle (PCB) stehen im Verdacht, das Krebsrisiko zu erhöhen.
Aufgepasst bei Supplementen!
„Rauchen erhöht den Bedarf einiger Nährstoffe, z. B. Vitamin C und Vitamin A. Doch Sie sollten deshalb nicht munter und ohne ärztliche Absprache drauf los supplementieren. Zwar gibt es bisher wenig erkannte Zusammenhänge, zwischen der Ernährung und Lungenkrebs, doch in einem Punkt ist die Forschung sich einig: Hoch dosierte Beta-Carotin-Supplemente (die Vorstufe von Vitamin A) erhöhen bei Rauchern das Risiko für Lungenkrebs! Besser: Für eine ausreichende Versorgung eine extra Möhre am Tag knabbern.“
Diese Lebensmittel erhöhen Risiko für häufigste Darmkrebsvorstufe
Bestimmte Ernährungsform kann bei Rauchern das Lungenkrebsrisiko senken
Einordnung der Studie
Die Studie überzeugt durch ihre hohe Teilnehmerzahl, lange Laufzeit, exakte Diagnosen und umfassende Berücksichtigung möglicher Störfaktoren. Dennoch ist sie beobachtend, d. h. sie kann keine Kausalität nachweisen. Ein nicht gemessener Störfaktor könnte die Ergebnisse theoretisch verzerren – allerdings zeigt die sogenannte E-Value-Analyse, dass ein sehr starker (nicht gemessener) Einfluss nötig wäre, um den beobachteten Zusammenhang zu erklären.
Ein weiterer Kritikpunkt ist die Erhebung der Ernährung mittels Fragebogens, die auf Erinnerungen basiert und sich auf ein einziges Erhebungszeitfenster beschränkt. Veränderungen im Essverhalten über die Jahre wurden nicht erfasst.
Zuletzt sei erwähnt, dass die Studienpopulation überwiegend aus nicht-hispanischen Weißen bestand. Die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen ist somit eingeschränkt. Schließlich wurde zwar der Rauchstatus berücksichtigt, nicht aber die Intensität oder Dauer des Rauchens – was zu Restverfälschung führen kann.
Fazit
Diese große Langzeitstudie zeigt: Menschen mit hohem Konsum an industriell stark verarbeiteten Lebensmitteln haben ein deutlich erhöhtes Risiko für Lungenkrebs – auch unabhängig von klassischen Risikofaktoren wie Rauchen. So sollten Nichtraucher zur Prävention auf ihren UPF-Konsum achten. Wer täglich zur Zigarette greift, dem ist mit einer Errnährungsumstellung nur bedingt geholfen. Die wichtigste Prävention ist und bleibt der Rauchstopp.