11. Mai 2026, 10:34 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Ein Halbmarathon ist für viele mehr als nur ein Lauf – er steht für Durchhaltevermögen, Veränderung und oft auch für einen Neuanfang. Doch wie gelingt die richtige Vorbereitung? Was macht einen Trainingsplan sinnvoll – und welche Fehler bremsen den Fortschritt aus? Einer, der sich auskennt, ist Jeffrey McEachern, Lauf-Instructor bei Peloton. Er ist in diesem Jahr selbst beim Berliner Halbmarathon gestartet und sprach mit FITBOOK nach dem Rennen über seine Leidenschaft fürs Laufen, seine besondere Lauf-Community und optimales Lauftraining.
„Ich bin weinend durchs Ziel gekommen“
FITBOOK: Warum war der Berliner Halbmarathon für Sie so besonders?
Jeffrey McEachern: „Berlin bedeutet mir sehr viel. Ich habe dort zehn Jahre gelebt und war, als ich in die Stadt kam, ziemlich verloren. Ich wusste nicht genau, wer ich bin und wohin ich will. Das Laufen hat damals vieles verändert. Als ich 2016 meinen ersten Berliner
Halbmarathon gelaufen bin, bin ich weinend durchs Ziel gekommen. In diesem Moment wurde mir klar: Dieses Gefühl müssen mehr Menschen erleben. Zu spüren, was man selbst schaffen kann, war für mich lebensverändernd.“
Was bedeutet Laufen für Sie persönlich – eher mentale Balance oder sportliche Leistung?
„Inzwischen ist es eine Mischung aus beidem. Es kommt sehr auf die Einheit an. Ein lockerer Lauf ist für mich oft ein Ort der Ruhe. Dann habe ich Zeit für mich, für meine Gedanken – oder auch bewusst einmal nicht für Gedanken. In unserem Alltag sind wir ständig von Reizen umgeben: Handy, Social Media, Nachrichten. Beim Laufen finde ich Ruhe. Gleichzeitig gibt es natürlich Einheiten, in denen Leistung im Vordergrund steht. Dann geht es um Struktur, Disziplin, Tempo und Trainingsziele. Aber grundsätzlich ist Laufen für mich vor allem ein Raum, in dem ich mich sortieren kann. Manchmal nehme ich ein Problem mit in den Lauf und komme mit einer Entscheidung oder einer neuen Idee zurück. Dieses Prinzip – Schritt für Schritt weiterzugehen – gilt für mich im Leben genauso wie beim Laufen.“
„Krafttraining macht Läuferinnen und Läufer belastbarer“
Wie kombinieren Sie Krafttraining und Laufen?
„Wenn mein Fokus auf einem Halbmarathon liegt, haben die Laufeinheiten Priorität. Dann laufe ich zum Beispiel dreimal pro Woche. Gleichzeitig versuche ich, mindestens zwei Krafttrainings einzubauen. Für mich ist Krafttraining das Fundament. Man kann kein Haus auf Sand bauen – und beim Laufen tragen uns nun einmal Muskeln und Stabilität. Früher dachte ich, ich müsse einfach immer mehr laufen. Irgendwann hat mein Körper mir gezeigt, dass das nicht reicht. Krafttraining macht Läuferinnen und Läufer belastbarer. Besonders wichtig sind Übungen, die Stabilität auf einem Bein fördern, denn beim Laufen fangen wir uns ständig einbeinig ab. Außerdem bin ich ein großer Fan von Yoga. Ich mag die fließende Bewegung und den Ausgleich, den es zum Laufen schafft.“
Gibt es Phasen, in denen sich Ihr Training verändert?
„Ja, absolut. Ich glaube, Training verläuft in Phasen. Manchmal steht Yoga mehr im Mittelpunkt, manchmal Kraft, manchmal das Laufen. Es kann nicht immer alles gleichzeitig Priorität haben. Entscheidend ist, dass man sich fragt: ‚Was brauche ich gerade?’ Dazu gehören auch Regeneration und bewusste Erholung. Das macht am Ende stärker.“
„Zu einem guten Halbmarathon-Training gehören vier Bausteine“
Wie sieht eine sinnvolle Trainingsstrategie aus?
„Wichtig ist vor allem, dass der Trainingsplan ins eigene Leben passt. Zuerst sollte man sich ein konkretes Ziel setzen und genügend Zeit für die Vorbereitung einplanen. Dann braucht es eine Struktur, die realistisch umsetzbar ist. Ich bin davon überzeugt, dass zu einem guten Halbmarathon-Training vier Bausteine gehören: das Lauftraining selbst, Krafttraining, Mobilität und Regeneration. Viele machen den Fehler, zu glauben, sie müssten einfach nur möglichst oft laufen. Aber ohne Stabilität und Erholung fehlt die Grundlage. Ein guter Plan unterstützt den Alltag, statt zusätzlichen Stress zu erzeugen. Und er sollte flexibel genug sein, damit man ihn anpassen kann, wenn das Leben einmal dazwischenkommt.“
Welche Fehler sehen Sie besonders häufig?
„Der häufigste Fehler ist, zu viel zu machen – vor allem ohne klaren Plan. Viele denken, sie müssten möglichst oft laufen, und vergessen dabei Krafttraining, Mobilität und Pausen. Ein weiterer Fehler ist, versäumte Einheiten nachholen zu wollen. Wenn man krank ist oder der Körper eine Pause braucht, sollte man darauf hören. Man muss nichts nachholen. Wer versucht, mehrere ausgefallene Läufe in kurzer Zeit zu kompensieren, schadet sich eher. Auch Schlaf und Regeneration werden oft unterschätzt. Wer trainiert, aber dauerhaft zu wenig schläft, schwächt seinen Körper, statt ihn aufzubauen.“
Welche Rolle spielen Mindset und Regeneration?
„Beides ist enorm wichtig. Zunächst muss man unterscheiden: Es gibt mentale Widerstände – und es gibt echte Schmerzen. Wenn etwas wirklich wehtut oder gesundheitlich nicht stimmt, sollte man unbedingt herunterfahren und sich fachlichen Rat holen. Im mentalen Bereich hilft mir vor allem, das anzuerkennen, was gerade da ist: Angst, Zweifel, Müdigkeit oder Unsicherheit. Wenn jemand beim Laufen denkt, er wolle aufhören, sage ich als Trainer oft: ‚Laufen Sie erst einmal bis zur nächsten Bank oder zur nächsten Laterne. Und wenn Sie dort noch immer aufhören wollen, dann ist das in Ordnung.’ Oft merkt man aber, dass noch ein Stück mehr geht. Dieses Denken in kleinen Schritten ist sehr hilfreich. Man muss nicht sofort den ganzen Weg überblicken. Es reicht, den nächsten Schritt zu gehen. So gewinnt man Kontrolle über die eigenen Gedanken zurück.“
„Den eigenen Körper besser kennenlernen“
Was sollten Läufer unbedingt beachten?
„Erstens: Wer vorher kaum gelaufen ist, sollte sich medizinisch durchchecken lassen. Das gibt Sicherheit und ist gerade vor einer neuen körperlichen Belastung sinnvoll. Zweitens: Regeneration ist entscheidend. Dazu gehören Schlaf, Erholung und eine Ernährung, die zur Trainingsbelastung passt. Drittens: Lernen Sie, auf Ihren Körper zu hören. Training ist nicht nur dazu da, fitter zu werden, sondern auch, den eigenen Körper besser kennenzulernen. Wie fühlt sich ein lockerer Lauf an? Wann muss ich Tempo herausnehmen? Wann kann ich mehr machen? Dieses Gespür ist sehr wichtig.“
Woran erkennt man das richtige Lauftempo?
„Das ist eine der wichtigsten Fragen überhaupt, weil viele zu schnell starten – im Training genauso wie im Rennen. Ein lockerer Lauf sollte sich wirklich locker anfühlen. Wenn Sie dabei nur durch die Nase atmen oder sogar mitsingen könnten, dann sind Sie meistens im richtigen Bereich. Wenn Sie dagegen schon früh außer Atem geraten oder Seitenstechen bekommen, ist das ein klares Signal, Tempo herauszunehmen. Viele könnten deutlich länger laufen, wenn sie bewusster und ruhiger starten würden. Dafür eignen sich spezielle Outdoor- und Tread-Kurse, wie es sie zum Beispiel bei Peloton gibt, bei denen zwischen Gehen und Laufen abgewechselt wird. Besonders für Anfänger kann das sehr hilfreich sein, um Ausdauer aufzubauen und herauszufinden, welches Tempo langfristig tragfähig ist.“
„Ich hatte nur Laufschuhe, Musik und die Motivation, loszulaufen“
FITBOOK: Sie haben ursprünglich in einem ganz anderen Bereich gearbeitet. Wie hat Sie der Weg zum Laufen und ins Coaching geführt?
„Der Einstieg in den Fitnessbereich war vor allem meine eigene Geschichte. Ich habe vor rund elf Jahren mit dem Laufen begonnen, in einer schwierigen Phase meines Lebens. Ich hatte wenig Geld, lebte mit meiner Freundin auf dem Sofa, und das Einzige, was ich hatte, waren Laufschuhe, Musik und die Motivation, einfach loszulaufen. Also bin ich hinausgegangen, habe Beyoncé gehört und bin im Park gelaufen. Damals wusste ich noch nicht, dass ich intuitiv bereits mit Intervallen gearbeitet hatte – also Gehen und Laufen im Wechsel. Genau daraus ist später auch viel von dem entstanden, was ich heute als Trainer unterrichte. Vor meinem heutigen Job habe ich mit Talenten gearbeitet und Menschen dabei unterstützt, auf die Bühne zu gehen und ihr Potenzial zu entfalten. Spannend war, dass ich selbst Menschen in meinem Leben hatte, die genau das auch in mir gesehen haben. Sie sagten mir, dass ich Talent für Motivation, Energie und Coaching habe. So bin ich zunächst über Cycling in den Trainerbereich gekommen und später immer stärker ins Laufcoaching.“
Was prägt Ihre Arbeit als Coach heute besonders?
„Zwei Dinge begleiten mich bis heute. Zum einen habe ich in einer früheren Tätigkeit gelernt, wie wichtig Struktur ist. Zum anderen habe ich schon immer gern Menschen motiviert und in ihnen etwas geweckt. Genau diese Kombination ist heute die Grundlage meines Coachings. Manche Menschen brauchen vor allem Struktur, andere die richtigen Worte im richtigen Moment. Wenn beides zusammenkommt, entsteht Disziplin. Und genau dabei möchte ich helfen. Für mich ist Bewegung nicht nur körperlich wichtig. Sie war der Anfang einer mentalen Veränderung in meinem Leben. Diese Erfahrung gebe ich heute weiter.“
Wie fühlt sich ein Halbmarathon an, wenn man aus dem Krafttraining kommt?
Diese Zeit schaffte Ex-Fußballer André Schürrle beim Halbmarathon
„Ich brauche die Community genauso“
Sie motivieren viele Menschen als Fitnesscoach. Wie erleben Sie diese Rolle?
„Das Schönste ist, dass viele Menschen nicht nur wegen des Trainings kommen, sondern auch wegen des Gefühls, das sie mitnehmen. Manche starten wegen eines Intervalltrainings und gehen mit neuer Motivation wieder heraus. Das berührt mich sehr, weil ich fest daran glaube, dass Training und mentale Stärke zusammengehören. Ich bin auch selbst nur deshalb der Läufer geworden, der ich heute bin, weil mehrere Dinge zusammenkommen: mentale Stärke, Training, Kraftarbeit – und die Community. Viele denken, als Coach sei man vor allem für andere da. Aber ich brauche diese Menschen genauso. Die Trainingscommunity gibt mir Sinn, sie treibt mich an, weiter zu lernen und besser zu werden.“
Was fasziniert Sie an der Lauf-Community besonders?
„Mich berührt, wie unterschiedlich die Menschen sind, die am Start stehen – und wie sehr sie doch etwas verbindet. Jede und jeder bringt eine eigene Geschichte mit: persönliche Ziele, Verluste, Neuanfänge, Gesundheit, Freude an Bewegung oder auch einen guten Zweck. Auf der Strecke erlebt man dann eine besondere Form von Gemeinschaft. Menschen feuern einander an, obwohl sie sich gar nicht kennen. Genau das liebe ich am Laufen.“
„Jede Entscheidung für Bewegung zieht Kreise“
Gab es einen Moment, der Sie besonders geprägt hat?
„Der erste Berliner Halbmarathon 2016 war sicher einer der prägendsten Momente. Damals entstand in mir die Vision, dass möglichst viele Menschen dieses Gefühl erleben sollten. Deshalb sind für mich die Begegnungen mit Menschen, die mit meinen Trainingsvideos trainieren, so wichtig. Bei Veranstaltungen sehe ich immer wieder, wie unterschiedlich die Wege zum Laufen sind. Das inspiriert mich sehr. Ein besonders emotionaler Moment war ein Community-Run in Köln. Dort waren Jugendliche dabei, die erzählten, sie seien nur gekommen, weil sie ihre Eltern beim Training mit meinen Kursen beobachtet hatten und davon motiviert wurden. Das war für mich ein starker Reminder, dass Coaching oft weit über die einzelne Person hinauswirkt. Ich glaube, jede Trainingseinheit, jede Entscheidung für Bewegung und jede positive Erfahrung zieht Kreise. Man sieht nicht immer sofort, was daraus entsteht. Aber genau das macht diese Arbeit für mich so besonders.“