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Kurzvideos erhöhen soziale Angst und Schlafprobleme bei Jugendlichen

Was als harmloses Scrollen beginnt, kann den Schlaf und das Selbstwertgefühl beeinflussen
Was als harmloses Scrollen beginnt, kann den Schlaf und das Selbstwertgefühl beeinflussen Foto: Getty Images
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18. Dezember 2025, 10:45 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Man sieht es überall – in der Bahn, im Wartezimmer oder auf dem Spielplatz. Selbst Kleinkinder im Kinderwagen halten schon ein Smartphone in der Hand. Während viele Erwachsene noch ohne Handy aufgewachsen sind, gehört es für die heutige Generation von Anfang an dazu. Mobile Geräte und soziale Medien sind längst Alltag, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Besonders beliebt sind sogenannte Kurzvideos, auch bekannt als Reels oder TikToks. Die Clips sind kurz, unterhaltsam und endlos verfügbar – perfekt, um zwischendurch abzuschalten oder sich stundenlang treiben zu lassen. Doch genau hier liegt das Problem: Es gibt bereits Hinweise darauf, dass exzessive Kurzvideo-Nutzung mit schlechterem Schlaf und erhöhter psychischer Belastung einhergehen könnte. Eine neue Untersuchung aus China bestätigt diesen Zusammenhang nun deutlich und zeigt, dass soziale Angst dabei eine vermittelnde Rolle spielt.

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Was TikTok vor dem Einschlafen mit Ängsten zu tun hat

Guter Schlaf ist in der Jugend besonders wichtig – für die körperliche Entwicklung, für Konzentration und für die seelische Gesundheit. Doch immer mehr Jugendliche schlafen schlecht. Eine mögliche Ursache: die intensive Nutzung von Kurzvideo-Plattformen wie TikTok oder Kwai. Letztere ist besonders in China und Lateinamerika verbreitet. Die kurzen, unterhaltsamen Clips sorgen für schnelle Ablenkung und werden schnell zur festen Gewohnheit, manchmal sogar zur Sucht.

Eine chinesische Studie ging der Frage nach, ob diese Art der Nutzung mit einer schlechteren Schlafqualität zusammenhängt – und ob soziale Angst dabei eine vermittelnde Rolle spielt. Konkret wollten die Forscher herausfinden, ob Jugendliche mit stärkerem Kurzvideo-Konsum schlechter schlafen. Und ob dieser Zusammenhang (teilweise) durch ein erhöhtes Maß an sozialer Unsicherheit erklärt werden kann. Die Auswertung zeigt: Je intensiver die Nutzung, desto schlechter der Schlaf. Wer zusätzlich unter sozialer Angst leidet, ist besonders betroffen.

1.629 Jugendliche befragt – und was ihre Antworten zeigen

Die Daten für die Studie wurden im Juni und Juli 2023 an drei Gymnasien in der chinesischen Provinz Shandong erhoben.1 Insgesamt nahmen 1.629 Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Klassen teil, wobei das Durchschnittsalter bei etwa 16 Jahren lag.

Die Jugendlichen machten bei der Befragung anonym mit und beantworteten einen Fragebogen, der verschiedene Bereiche abdeckte. Darin ging es zum einen um ihre Nutzung von Kurzvideo-Plattformen wie TikTok oder Kwai. Zum anderen um ihre Erfahrungen mit sozialer Angst. Zusätzlich sollten sie Fragen zur Schlafqualität beantworten. Dafür kam ein international häufig genutztes Instrument zum Einsatz: der Pittsburgh Sleep Quality Index, kurz PSQI genannt. Dieser erfasst unter anderem, wie lange jemand zum Einschlafen braucht, wie oft er nachts aufwacht, ob er durchschläft und wie erholt er sich am nächsten Morgen fühlt.

Im Durchschnitt erreichten die Jugendlichen einen PSQI-Wert von 6,12 Punkten. Ab einem Wert von über sieben sprechen Fachleute von deutlich beeinträchtigter Schlafqualität. Das traf auf rund 31 Prozent der Befragten zu – fast ein Drittel der Jugendlichen in der Studie.

Neben der Kurzvideo-Nutzung und der Schlafqualität erfassten die Forscher auch weitere Angaben. Darunter das Geschlecht der Jugendlichen, ihre schulischen Leistungen, die wirtschaftliche Lage der Familien und die Häufigkeit körperlicher Aktivität. Für die Auswertung nutzte das Team nicht nur klassische Korrelationsanalysen, mit denen sich statistische Zusammenhänge zwischen zwei Faktoren darstellen lassen. Zusätzlich setzten sie ein Strukturgleichungsmodell ein. Hierbei handelt es sich um ein Verfahren, das komplexere Beziehungen abbildet und mehrere Einflussfaktoren gleichzeitig berücksichtigt.

Auf diese Weise konnten sie untersuchen, ob soziale Angst den Zusammenhang zwischen Kurzvideo-Nutzung und Schlafqualität mitvermittelt. Also ob die Nutzung nicht nur direkt, sondern auch indirekt über emotionale Unsicherheit auf den Schlaf wirkt. Die Berechnungen wurden mit der Statistiksoftware AMOS 20.0 durchgeführt.

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Wie schlechter Schlaf, soziale Angst und Videonutzung zusammenhängen

Die Auswertung der Daten ergibt ein klares Bild. Fast ein Drittel der Jugendlichen erreichte im PSQI auffällige Werte, die auf eine spürbar eingeschränkte Schlafqualität hinweisen. Gleichzeitig zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen intensiver Nutzung von Kurzvideo-Plattformen, ausgeprägter sozialer Angst und schlechtem Schlaf. Jugendliche, die besonders stark an Apps wie TikTok oder Kwai gebunden waren, berichteten häufiger davon, nur schwer einzuschlafen, nachts öfter aufzuwachen oder sich tagsüber erschöpft zu fühlen. Auch ihre soziale Unsicherheit fiel im Vergleich deutlich höher aus. Zum Beispiel in Form von Sorgen, negativ bewertet zu werden, oder dem Gefühl, in sozialen Situationen nicht richtig zu reagieren.

Besonders auffällig war, dass sich der Einfluss der Kurzvideo-Sucht nicht nur unmittelbar bemerkbar machte. Auch soziale Ängste verstärkten den negativen Effekt auf den Schlaf. 62,4 Prozent des Zusammenhangs ließen sich direkt durch die Handynutzung erklären, etwa durch spätes Scrollen oder Reizüberflutung. Weitere 37,6 Prozent wurden durch emotionale Unsicherheiten mitvermittelt. Auch wenn Bildschirmzeiten reduziert wurden, bleibt dieser Effekt bestehen.

Wie aus Ablenkung Unsicherheit wird und Schlaf darunter leidet

Wer stark an Kurzvideos gebunden ist, schläft nicht nur schlechter, weil das Handy bis spät genutzt wird. Auch das ständige Konsumieren wirkt sich auf das soziale Erleben und die innere Stabilität aus. Genau das beeinträchtigt den Schlaf zusätzlich.

Viele Jugendliche greifen vorrangig abends zur App. Manche suchen Ablenkung, andere wollen zur Ruhe kommen. Die kurzen Clips liefern schnelle Reize und funktionieren als kurzfristige Entlastung. Langfristig können sie jedoch Unsicherheiten verstärken und den Umgang mit anderen Menschen erschweren. Besonders anfällig scheinen Jugendliche zu sein, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, sich wenig bewegen, in der Schule schlecht zurechtkommen oder aus einem belasteten sozialen Umfeld kommen.

Was Studien aus Thailand, Kalifornien und Frankreich zusätzlich zeigen

Es sind längst nicht nur Einzelbefunde: Mehrere internationale Studien zeigen, dass intensive Kurzvideo-Nutzung die Psyche junger Menschen belasten kann, wie durch erhöhte Ängstlichkeit, inneren Druck oder soziale Unsicherheit.

Aufmerksamkeit und Kurzvideo-Konsum bei Kindern

Ein Forschungsteam in Thailand hat untersucht, wie sich Kurzvideos auf die Konzentration von Kindern im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren auswirken. Dabei stellten sie fest: Kinder, die solche Inhalte häufiger nutzen, zeigen deutlich mehr Anzeichen von Unaufmerksamkeit. Vor allem in der jüngeren Altersgruppe war dies der Fall. Selbst dann, wenn die Forscher andere Einflüsse wie die gesamte Bildschirmzeit, familiäre Belastungen oder den Erziehungsstil einberechneten, blieb der Effekt bestehen.2

Digitale Mediennutzung und spätere ADHS-Symptome

Eine Längsschnittstudie aus Kalifornien begleitete über 2500 Jugendliche über einen Zeitraum von zwei Jahren. Jugendliche, die in der 10. Klasse besonders häufig digitale Medien wie Social Media, Videos oder Apps nutzten, zeigten später vermehrt Symptome von Aufmerksamkeitsstörungen. Auch wenn zuvor keine Auffälligkeiten vorhanden waren. Der Zusammenhang war umso stärker, je mehr Plattformen gleichzeitig intensiv genutzt wurden.3

Soziale Vergleiche und Körperbildprobleme

Auch eine französische Studie weist auf psychische Folgen intensiver Social-Media-Nutzung hin. Dort wurden über 1.300 Jugendliche und junge Erwachsene befragt. Die Untersuchung ergab: Wer sich regelmäßig mit den Bildern anderer Nutzer vergleicht, empfindet häufiger Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und verspürt einen stärkeren Drang, schlanker zu sein. Beides stellt Risikofaktoren für Essstörungen dar.4

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Wo die Grenzen der Studie liegen – und was sie trotzdem leisten kann

Die Untersuchung liefert wichtige Erkenntnisse, bleibt aber nicht ohne Schwächen. Sie basiert auf Selbstauskünften, die grundsätzlich anfällig für Verzerrungen sind. Manche Angaben fallen ungenau aus, sei es durch Erinnerungslücken oder durch den Wunsch, sozial erwünscht zu antworten. Außerdem handelt es sich um eine Querschnittsstudie. Die Daten erfassen nur einen Zeitpunkt und lassen offen, wie sich Entwicklungen im Laufe der Zeit verändern. Ob schlechter Schlaf eine Folge der Videonutzung ist oder ob Jugendliche mit Schlafproblemen häufiger zum Handy greifen, lässt sich auf dieser Grundlage nicht eindeutig klären.

Außerdem wurden keine objektiven Schlafdaten erhoben. Technische Messungen wie mobile Sensoren oder digitale Schlaftracker kamen nicht zum Einsatz. Auch das familiäre Umfeld wurde nicht systematisch berücksichtigt. Es blieb offen, inwieweit Eltern den Medienkonsum begleiten oder ob psychische Belastungen innerhalb der Familie Einfluss nehmen. Die Forscher empfehlen deshalb, künftig Längsschnittstudien durchzuführen, die die Nutzung über einen längeren Zeitraum hinweg erfassen. Zusätzlich sollten medizinisch messbare Schlafdaten und psychologische Befragungen in die Auswertung einbezogen werden.

Was Jugendliche, Eltern und Schulen jetzt mitnehmen sollten

Kurzvideo-Plattformen wie TikTok, Reels oder Kwai sind für viele Jugendliche fester Bestandteil ihres Alltags. Die Ergebnisse aus China – ergänzt durch Befunde aus Thailand, Kalifornien und Frankreich – zeigen, wie eng intensive Nutzung, emotionale Unsicherheit und psychische Belastungen miteinander verknüpft sind. Besonders deutlich wird der Zusammenhang dort, wo Schlaf, Selbstbild und soziale Stabilität betroffen sind.

Diese Entwicklungen verlaufen nicht isoliert, sondern greifen ineinander. Damit entsteht ein Gesamtbild, das digitale Mediennutzung längst nicht mehr als reines Freizeitverhalten erscheinen lässt, sondern als Einflussfaktor, der psychische Gesundheit messbar mitprägt. Denn die Technologie wird bleiben – aber der Umgang damit entscheidet, ob sie uns guttut oder schadet.

Quellen

  1. Jiang, L., Yoo, Y. (2024). Adolescents' short-form video addiction and sleep quality: the mediating role of social anxiety. BMC Psychology. ↩︎
  2. Chiencharoenthanakij, R., Yothamart, K., Chantathamma, N. et al. (2025). Short-Form Video Media Use Is Associated With Greater Inattentive Symptoms in Thai School-Age Children: Insights From a Cross-Sectional Survey. Brain and Behavior. ↩︎
  3. Ra, CK., Cho, .J, Stone, MD. et al. (2018). Association of Digital Media Use With Subsequent Symptoms of Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder Among Adolescents. JAMA. ↩︎
  4. Jiotsa, B., Naccache, B., Duval, M. et al. (2021). Social Media Use and Body Image Disorders: Association between Frequency of Comparing One's Own Physical Appearance to That of People Being Followed on Social Media and Body Dissatisfaction and Drive for Thinness. International Journal of Environmental Research and Public Health. ↩︎

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