16. Oktober 2025, 11:03 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die Auswirkungen von Krafttraining gehen weit über den Muskelaufbau hinaus. Es ist bekannt, dass sich Workouts mit Gewichten positiv auf die Knochendichte, den Stoffwechsel und die Gehirnleistung auswirken. Und möglicherweise auch auf den Darm? Die Forschung geht bereits davon aus, dass Ausdauertraining das Mikrobiom beeinflusst. Forscher der Universität Tübingen haben nun untersucht, ob es sich beim Krafttraining ähnlich verhält.
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Studie zeigt positiven Effekt von Krafttraining auf den Darm
Die Studie wurde bislang nur als Preprint veröffentlicht.1 Das bedeutet, dass das Peer-Review-Verfahren, also die Begutachtung durch unabhängige Fachkollegen zur Qualitätsprüfung, noch aussteht. Doch das verantwortliche Forscherteam der Universität Tübingen geht auf Basis seiner Erkenntnisse bereits davon aus, dass Resistenztraining – so der Überbegriff für verschiedene Arten des Krafttrainings, bei denen Widerstände genutzt werden – das Darmmikrobiom beeinflussen kann.
Das Mikrobiom, also die Gesamtheit der Darmbakterien, spielt eine zentrale Rolle für die Gesundheit, da es sich auf den Stoffwechsel, das Immunsystem und sogar Alterungsprozesse auswirkt. Neben der Ernährung können verschiedene Lebensstilfaktoren das Darmmikrobiom beeinflussen. Hinsichtlich Ausdauertraining ist dies inzwischen gut belegt – darauf verweisen die Studienautoren in ihrem Abstract, und auch FITBOOK berichtete bereits über entsprechende Untersuchungsergebnisse.2 Ob Krafttraining ähnliche Effekte hat, war bisher unklar. Frühere Untersuchungen zu diesem Thema konnten bislang kaum Veränderungen feststellen. Ein Forschungsteam aus Tübingen hat nun untersucht, ob gezieltes Krafttraining bei bislang wenig aktiven, aber insgesamt gesunden Erwachsenen messbare Veränderungen in der Zusammensetzung und Vielfalt des Darmmikrobioms hervorruft.
Details zur Untersuchung
An der Untersuchung nahmen 150 bislang körperlich inaktive Erwachsene teil. Aus dem Preprint gehen keine Details zum Rekrutierungsprozess hervor. Es ist denkbar, dass die Probanden über lokale Aushänge, Onlineportale oder universitäre Freiwilligenregister gefunden wurden. Über einen Zeitraum von acht Wochen absolvierten die Probanden ein betreutes Krafttrainingsprogramm. Die Forscher dokumentierten dabei die durchgeführten Übungen, die verwendeten Gewichte und die Anzahl der Wiederholungen genau. Daneben wurden auch Daten zur „Teilnahme-Compliance“ erfasst, also dazu, ob die Probanden alle vorgesehenen Trainingseinheiten konsequent absolvierten.
Um mögliche Effekte auf das Darmmikrobiom zu ermitteln, analysierten die Forscher Stuhlproben der Probanden im Labor. Diese hatten sie zu festgelegten Zeitpunkten im Verlauf der Studie abgegeben. Mittels 16S-rRNA-Gensequenzierung – einer der meistgenutzten Methoden zur Untersuchung des Darmmikrobioms – bestimmten die Forscher die Zusammensetzung und Vielfalt der Darmbakterien. Ergänzend kamen metabolische Analysen (Metabolomik) zum Einsatz, um die Aktivität der Mikroben und ihre Stoffwechselprodukte zu untersuchen.
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Ergebnisse der Untersuchung
Bei der Gesamtauswertung konnten die Wissenschaftler zunächst keine auffälligen Veränderungen feststellen, weder in Bezug auf die bakterielle Vielfalt noch hinsichtlich der Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Auch die metabolischen Profile der Probanden, die hier anhand der Stoffwechselprodukte im Darm bewertet wurden, blieben insgesamt stabil.
Doch bei genauerer Betrachtung fiel auf, dass größere Kraftzuwächse durch das Training mit messbaren Veränderungen im Mikrobiom einhergingen. Die betreffenden Probanden, die sogenannten „High Responder”, wiesen eine höhere Beta-Diversität der mikrobiellen Gemeinschaften auf. Bemerkenswert war dabei, dass sich der Anteil bestimmter gesundheitsfördernder Bakterien bei ihnen erhöhte. Viele davon stammten aus der Familie der Lachnospiraceae. Diese werden allgemein mit einer gesunden Darmflora in Verbindung gebracht. Speziell die Arten Faecalibacterium und Roseburia hominis, die für ihre entzündungshemmenden Eigenschaften bekannt sind, kamen vermehrt vor.
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Forscher erklärt FITBOOK die Bedeutung der Studie
Die Autoren folgern aus ihren Beobachtungen, dass sich Krafttraining tatsächlich auf den Darm auswirkt und konkret das Mikrobiom positiv verändern kann. Dies gilt insbesondere für Personen, die im Bereich der Muskelkraft stark darauf ansprechen. Die ermittelten Veränderungen ähneln denen, die durch Ausdauertraining bekannt sind. Dies deutet darauf hin, dass verschiedene Trainingsformen auf unterschiedliche Weise zu einer gesünderen Darmflora beitragen können.
Auf FITBOOK-Nachfrage betont Studienautor Prof. Sven Nahnsen, dass die beobachteten Veränderungen höchstwahrscheinlich durch das Training selbst entstanden seien. Zwar könnten auch Faktoren wie Ernährung, Schlaf oder Stress das Mikrobiom beeinflussen. Doch die Teilnehmer seien ausdrücklich gebeten worden, ihre Essgewohnheiten während der acht Wochen unverändert zu lassen. Zudem hätten die Forscher Medikamenteneinnahme und Ernährung dokumentiert, um Störfaktoren möglichst gering zu halten. Durch die vergleichsweise große Teilnehmerzahl – rund 150 Personen – hofften die Autoren, den Trainingseffekt klarer herausstellen zu können.
Einschränkungen
Trotzdem muss, wie bereits erwähnt, die Untersuchung noch einem standardmäßigen Qualitätssicherungsverfahren unterzogen werden. Und da es keine Kontrollgruppe ohne Training gibt, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, dass die beobachteten Veränderungen definitiv auf das absolvierte Krafttraining zurückzuführen sind.
Zudem handelt es sich bislang um kurzfristige Effekte – möglicherweise wären über einen längeren Zeitraum als acht Wochen andere oder mehr Veränderungen aufgetreten. „Wissenschaftlich wäre es von großem Interesse, auch die langfristigen Veränderungen des Mikrobioms nachzuverfolgen“, räumt Professor Nahnsen ein. Das Team sehe hierfür jedoch unter anderem aus finanziellen und datenschutzrechtlichen Gründen derzeit keine Möglichkeit. Auch sei es über längere Zeiträume kaum realistisch, dass die Probanden ihre Ernährungsgewohnheiten konstant halten.
Zuletzt ist zu einschränkend anzumerken, dass die Probandengruppe – allesamt allgemein gesunde, bislang inaktive Erwachsene – recht einheitlich war. Es bleibt daher offen, ob Krafttraining auch Effekte auf den Darm von Personen hat, die von vornherein sportlich aktiv waren, oder von Personen mit Vorerkrankungen. Besonders interessant erscheint den Forschenden die Beobachtung, dass vor allem Personen mit deutlichen Kraftzuwächsen auch ausgeprägte Veränderungen im Mikrobiom zeigten. Versuche, diese sogenannten „High Responders“ anhand mikrobiologischer oder physiologischer Merkmale vorherzusagen – etwa durch Analysen des Ausgangsmikrobioms und Methoden des maschinellen Lernens – waren bislang jedoch nicht erfolgreich. „Unsere aktuellen Analysen deuten darauf hin, dass bei der aktuellen Kohorte Faktoren wie das anfängliche ‚Sportniveau‘ und die Trainingsintensität einen deutlich höheren prädiktiven Wert für den Kraftzuwachs haben als das Mikrobiom.“