13. November 2025, 15:35 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Ein Blick auf die Bakterienzusammensetzung im Darm könnte vielleicht in Zukunft dabei helfen, frühzeitig Warnsignale für die koronare Herzkrankheit zu erkennen. FITBOOK-Autorin Friederike Ostermeyer erklärt die Hintergründe einer aktuellen Studie und zeigt mögliche Chancen auf, die sich für Betroffene aus der neuen Entdeckung ergeben.
Gesunder Darm, gesunder Körper, gesunde Psyche. Immer mehr Studien entdecken Zusammenhänge zwischen der Zusammensetzung der Darmbakterien und der Entstehung bzw. Vorbeugung von Krankheiten. Nun haben Forscher aus Seoul einen weiteren Hinweis gefunden. Demnach spielen bestimmte Bakterien im Darm wahrscheinlich eine Rolle bei der weitverbreiteten koronaren Herzkrankheit, indem sie Entzündungen verstärken und den Stoffwechsel stören. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift „mSystems“ veröffentlicht.1
Hintergrund und Fragestellung der Studie
Es gibt viele Faktoren, die das Risiko für Herzerkrankungen, darunter die koronare Herzkrankheit, beeinflussen. Dazu zählen genetische Vorbelastung, Umwelteinflüsse und Lebensstil. Letzterer hat einen großen Einfluss auf die Darmflora, die wiederum unser Wohlbefinden mitbestimmt. Aus diesem Grund wollten die Forscher konkret herausfinden: Gibt es Unterschiede in der Zusammensetzung des Mikrobioms im Darm bei Menschen mit koronarer Herzkrankheit im Vergleich zu gesunden Menschen? Und lassen sich dabei Hinweise auf die einzelnen Mechanismen dahinter finden?
So wurde untersucht
Die Forscher verglichen Stuhlproben von 14 Personen mit koronarer Herzkrankheit (KHK) mit Proben von 28 gesunden Personen. Das Durchschnittsalter lag bei 53 Jahren, drei der Teilnehmerinnen waren Frauen. Die Untersuchung erfolgte mittels Metagenomsequenzierung. Dabei betrachteten sie nicht nur einzelne Bakterienarten in den Proben, sondern die gesamte DNA. Die Forscher fanden 15 Bakterienarten, die sich bei Herzkranken und Gesunden deutlich unterschieden. Sieben waren häufiger, acht seltener als bei gesunden Probanden.
Neue Darm-Herz-Verbindung? Die Forscher entdeckten noch mehr
Die bei den herzkranken Personen erhöhten Bakterienstämme wiesen tückische Eigenschaften auf. So produzierten sie etwa Stoffe, die Entzündungen und Gefäßverengungen hervorrufen können. Dabei waren sie bei bestimmten negativen Stoffwechselvorgängen überaktiv, während die Produktion schützender Fettsäuren abnahm. Und noch eine Entdeckung sorgte für Erstaunen: Einige der „guten“ Bakterien verhielten sich bei den Herzkranken anders. Anstatt nützlich zu sein, förderte eine leichte genetische Veränderung ebenfalls Entzündungen oder trug zu der Produktion von Stoffen bei, die die Entstehung von Arteriosklerose (krankhafte Veränderung der Arterien durch Ablagerungen) begünstigt. Die Forscher nannten diese unerwartete „zweite Persönlichkeit“ deshalb scherzhaft „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“-Bakterien. Damit bleibt die große Frage offen: Welche Stämme sind tatsächlich heilsam?
Im Video erklärt Kardiologe Dr. Christopher Schneeweis die koronare Herzerkrankung:
Kranker Darm oder koronare Herzkrankheit – was kommt zuerst?
Es gibt jedoch noch weitaus mehr zu klären. Zwar wurden die beteiligten Mikroben entschlüsselt. Die Studie lässt jedoch nicht den Schluss zu, dass die identifizierten Darmbakterien die koronare Herzkrankheit verursachen. Es könnte auch sein, dass sie das Mikrobiom überhaupt erst verändern. Dennoch sind sich die Forscher sicher, dass der Zustand des Darms offenbar auch den Zustand des Herzens widerspiegelt. Im Idealfall könnte die Analyse des Mikrobioms dabei helfen, Herzrisiken frühzeitig zu erkennen. Mithilfe von Computermodellen konnten sie immerhin ziemlich gut erkennen, wer eine Herzkrankheit hatte und wer nicht.
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Herausforderungen der Studie
Herzschutz ist ein relevantes Thema von globaler Bedeutung. Denn Herz-Kreislauf-Krankheiten sind die häufigste Todesursache. Die neue Studie liefert Erkenntnisse, die über die bisherigen Arbeiten hinausgehen. Aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und des geringen Frauenanteils können Zufälle jedoch nicht ausgeschlossen werden. Es sind also größere Folgestudien mit unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen über längere Zeiträume notwendig. Zudem bleibt der Praxisnutzen unklar. Sind sie eher nützlich für die Therapie oder die Prävention oder beides? Ein bedeutender Anfang ist gemacht. Wichtig ist, dass die Forschung weitergeht.
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Was sich aus den Erkenntnissen für den Alltag mitnehmen lässt
Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit vielen Ballaststoffen fördert ein gesundes Mikrobiom im Darm und trägt dazu bei, dass dieses nicht so leicht aus der Balance gerät. Dazu gehören neben frischem Gemüse und Vollkornprodukten auch fermentierte Lebensmittel wie Kefir oder Sauerkraut. Diese liefern gesunde Darmbakterien gleich mit. Abschließend betonen die Forscher, dass Prävention die beste Vorsorge ist und jeder Einzelne viel selbst in der Hand hat, um vermeidbare Krankheiten, einschließlich Herzkrankheiten, zu verhindern. Im Darm scheint sich hierbei eine der wichtigsten Stellschrauben für den gesamten Körper zu befinden. Seien Sie gut zu ihm!