1. Oktober 2026, 10:01 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Was nach dem Kaffeetrinken im Körper geschieht, hängt offenbar nicht nur von der Koffeinmenge ab. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt, dass Röstung, Mahlgrad, Brühmethode und sogar die Darmflora mitbestimmen könnten, welche Kaffeeinhaltsstoffe in den Dickdarm gelangen und zu bestimmten Stoffen umgewandelt werden. Die Erkenntnisse liefern spannende Hinweise darauf, wie Kaffee möglicherweise Stoffwechsel und Gesundheit beeinflusst.
Kann Kaffee den Stoffwechsel beeinflussen?
Im Schnitt trinken Menschen in Deutschland stolze 164 Liter Kaffee im Jahr.1 Das macht ihn neben Obst, Gemüse und Tee zu einer der Hauptquellen für Polyphenole – sekundäre Pflanzenstoffe, die antioxidativ wirken und so vor Entzündungen, vorzeitiger Alterung und Krankheiten schützen. Zu den wichtigsten Polyphenolen im Kaffee gehören die sogenannten Chlorogensäuren.
Beobachtungsstudien haben in den vergangenen Jahren wiederholt Zusammenhänge zwischen regelmäßigem Kaffeekonsum und einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes sowie günstigeren Leberwerten beschrieben.2,3 Allerdings ist bislang unklar, welche biologischen Mechanismen hinter diesen Beobachtungen stehen und ob das Darmmikrobiom dabei eine Rolle spielt.
Die Autoren der aktuellen Studie wollten deshalb untersuchen, was mit verschiedenen Kaffeeinhaltsstoffen während der Verdauung geschieht und welche Auswirkungen das möglicherweise auf Stoffwechselprozesse haben könnte. Ziel ihrer Übersichtsarbeit war es, den aktuellen Forschungsstand zu den Wechselwirkungen zwischen Kaffee, Darmmikrobiom und Stoffwechsel zusammenzufassen und bestehende Wissenslücken aufzuzeigen.4
Verschiedene Studientypen unter der Lupe
Bei der Arbeit handelt es sich um eine sogenannte fokussierte narrative Übersichtsarbeit. Anders als bei einer systematischen Übersichtsarbeit oder Metaanalyse wurden dabei verschiedene bereits veröffentlichte Forschungsarbeiten zum Thema Kaffee, Darmmikrobiom und Stoffwechsel ausgewertet und inhaltlich zusammengeführt. Berücksichtigt wurden dabei Erkenntnisse aus Humanstudien, Beobachtungsstudien, Laborversuchen, Zellkulturstudien und Tierexperimenten.
Im Mittelpunkt stand die Frage, welchen Weg unterschiedliche Kaffeeinhaltsstoffe nach dem Trinken durch den Magen-Darm-Trakt nehmen und wie sie von Darmbakterien weiterverarbeitet werden. Die Autoren betrachteten dabei insbesondere Koffein, Chlorogensäuren, Polysaccharide (Kohlenhydrate) und Melanoidine (Farbstoffe, die Kaffee seine Farbe verleihen). Analysiert wurde, welche dieser Stoffe bereits im Dünndarm aufgenommen werden und welche bis in den Dickdarm gelangen. Dort können sie von Mikroorganismen unter anderem zu kurzkettigen Fettsäuren (SCFA) oder kleineren Phenolverbindungen umgewandelt werden.
Darüber hinaus werteten die Autoren Untersuchungen zur Rolle verschiedener Zubereitungsarten aus. Dazu gehörten unter anderem Espresso, Filterkaffee, French Press, Kochkaffee, Cold Brew und Instantkaffee.
Was im Darm mit Kaffee passiert
Koffein wird nach dem Trinken schnell und nahezu vollständig im oberen Verdauungstrakt aufgenommen und anschließend in der Leber abgebaut. Es gelangt daher nur in geringem Umfang in den Dickdarm und dient den dortigen Mikroorganismen nicht als „Futter“. Anders verhält es sich bei den Chlorogensäuren. Ein großer Anteil erreicht den Dickdarm und wird dort zu kleineren Phenolverbindungen umgesetzt, die teilweise wieder im Körper aufgenommen werden können. Tier- und Zellkulturstudien deuten darauf hin, dass solche Abbauprodukte an Entzündungs- und Stoffwechselprozessen beteiligt sein könnten.
Auch bestimmte Ballaststoff-ähnliche Bestandteile des Kaffees gelangen in den Dickdarm. Dazu zählen vor allem Galaktomannane und Arabinogalaktane, die Bestandteil der Zellwand von Kaffeebohnen sind. Darmbakterien können diese Stoffe in SCFA wie Butyrat, Acetat und Propionat umsetzen. Sie dienen unter anderem als Energiequelle für die Zellen der Darmschleimhaut und werden mit der Stabilität der Darmbarriere sowie der Regulation von Entzündungsprozessen und des Zucker- und Fettstoffwechsels in Verbindung gebracht. Diese Wechselwirkungen zwischen Kaffee, Darmmikrobiom und Stoffwechsel können womöglich erklären, warum Beobachtungsstudien Kaffeekonsum seit Jahren mit einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes sowie günstigeren Leberwerten in Verbindung bringen.
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Der Einfluss der Zubereitungsmethode
Espresso, Filterkaffee, French Press, Kochkaffee, Cold Brew und Instantkaffee liefern unterschiedliche Mengen an Chlorogensäuren, Polysacchariden und Melanoidinen. Dabei spielt unter anderem eine Rolle, wie lange das Wasser mit dem Kaffeepulver in Kontakt ist, ob Druck eingesetzt und ob der Kaffee gefiltert wird. Dadurch kann sich auch unterscheiden, welche Stoffe den Dickdarm erreichen und dort von Darmbakterien weiterverarbeitet werden.
Gut untersucht ist hierbei der Einfluss von Filtern: Papierfilter reduzieren die Gehalte der Kaffeeöle Cafestol und Kahweol deutlich. In ungefiltertem Kaffee wie French Press oder Kochkaffee sind die Mengen deutlich höher. Das Problem: Bei regelmäßigem Konsum können sie den LDL-Cholesterinspiegel erhöhen. LDL ist als das „schlechte“ Cholesterin bekannt. Dauerhaft erhöhte LDL-Spiegel können zu Arteriosklerose führen. Die Übersichtsarbeit untersuchte jedoch nicht konkret, ob Menschen, die regelmäßig Kaffee aus der French Press trinken, auch tatsächlich zu Arterienverkalkung neigen.
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Wie soll ich meinen Kaffee trinken?
Für Kaffeetrinker sind die Ergebnisse erst mal eine gute Nachricht: Das Heißgetränk enthält offenbar deutlich mehr biologisch aktive Verbindungen als nur Koffein. Und einige davon gelangen bis in den Dickdarm, wo sie von Darmbakterien weiterverarbeitet werden und möglicherweise Stoffwechselprozesse positiv beeinflussen.
Einen klaren Sieger unter den Zubereitungsarten gibt es derzeit jedoch nicht. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, fährt nach aktuellem Wissensstand vermutlich mit Filterkaffee am besten. Ob Filterkaffee dadurch auch zusätzliche Vorteile für Darmmikrobiom oder Stoffwechsel bietet, muss allerdings noch untersucht werden.
Einordnung der Studie
Die Stärke der Arbeit liegt darin, dass sie Erkenntnisse aus Ernährungswissenschaft, Mikrobiomforschung und Stoffwechselmedizin zusammenführt und dadurch einen umfassenden Überblick über den aktuellen Forschungsstand liefert. Die Aussagekraft der bisherigen Daten ist jedoch begrenzt. Viele Studien untersuchten einzelne Kaffeeinhaltsstoffe wie Koffein oder Chlorogensäuren statt real konsumierter Kaffeegetränke. Zudem stammen zahlreiche Erkenntnisse aus Labor- und Tierstudien oder verwendeten Dosierungen, die nicht unbedingt dem üblichen Kaffeekonsum entsprechen. Auch die häufig beobachteten Zusammenhänge zwischen Kaffeekonsum und einer besseren Stoffwechsel- oder Lebergesundheit belegen keine Ursache-Wirkungs-Beziehung. Ob das Darmmikrobiom tatsächlich für einen Teil dieser Effekte verantwortlich ist, bleibt daher offen.
Die Autoren erklären, dass es Studien braucht, die verschiedene Zubereitungsarten, Röstgrade, Dosierungen und Filtermethoden direkt miteinander vergleichen. Erst dann lässt sich final beurteilen, welche Rolle die Kaffeezubereitung für Darm und Gesundheit tatsächlich spielt.