28. November 2025, 13:13 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Man geht inzwischen davon aus, dass sich moderater Kaffeekonsum günstig auf die Gesundheit auswirkt. Er soll etwa das Risiko für verschiedene Erkrankungen senken können und in manchen Fällen sogar mit einer längeren Lebensdauer in Verbindung stehen. Kaffeebohnen enthalten antioxidative und entzündungshemmende Substanzen – Kaffeegenuss könnte daher möglicherweise zu „jünger“ wirkenden Zellen beitragen. Eine Studie hat diesen Zusammenhang nun speziell bei Menschen untersucht, bei denen aufgrund bestimmter medizinischer Befunde bereits Hinweise auf beschleunigte biologische Alterungsprozesse auf Zellebene vorliegen. FITBOOK geht näher auf die Untersuchung und ihre Ergebnisse ein.
Effekt von Kaffeekonsum auf Alterungsprozesse bei psychischen Störungen
Telomere sind die schützenden Enden unserer Chromosomen. Mit jeder Zellteilung werden sie kürzer und gelten als präziser Marker für das biologische Altern. Frühere Forschung zeigte, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, wie beispielsweise Schizophrenie oder affektiven Störungen wie der bipolaren Störung, wie der bipolaren Störung, im Vergleich zu gesunden Personen bereits früher im Leben kürzere Telomere auf.1 Auch ein Zusammenhang zwischen den psychischen Erkrankungen und einer teils zehn bis 20 Jahre kürzeren Lebenserwartung aufgrund ihrer zellulären Vorbelastung, wurden gefunden.2,3
Dass Kaffeekonsum die Länge der Telomere beeinflussen kann, wird in der Wissenschaft schon länger kontrovers diskutiert, beispielsweise im Zusammenhang mit der Früherkennung von Krebs.4 Aufgrund seiner antioxidativen und entzündungshemmenden Eigenschaften besteht die Vermutung, dass moderater Kaffeekonsum biologischen Alterungsprozessen vorbeugen und sich somit schützend auf die Telomere auswirken könnte. Das verantwortliche Forscherteam prüfte diese Hypothese nun bei Betroffenen der beschriebenen psychischen Erkrankungen.
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Details zur Datenerhebung
An der Studie nahmen 436 Erwachsene mit diagnostizierten psychischen Störungen teil. Die Probanden waren zwischen 18 und 65 Jahre alt, die norwegischen Forscher rekrutierten sie in psychiatrischen Kliniken in Oslo. Bei 259 der Probanden lagen Störungen aus dem Schizophrenie-Spektrum vor, 177 von ihnen litten an affektiven Störungen, beispielsweise an bipolaren Störungen oder psychotischen Depressionen.
Informationen zum Kaffeekonsum der Probanden holten die Forscher als Selbstauskünften ein. Die Frauen und Männer sollten angeben, wie viele Tassen Kaffee sie täglich trinken.
Dabei hatten sie die Auswahl zwischen:
- 0 Tassen
- 1 bis 2 Tassen
- 3 bis 4 Tassen
- 5 oder mehr
Die Empfehlung der Gesundheitsbehörde FDA liegt bei 400 Milligramm Kaffee pro Tag, was etwa drei bis vier Tassen pro Tag gleichkommt.5
Telomere der Leukozyten im Fokus
Die Forscher konzentrierten sich auf die Länge der Telomere der weißen Blutkörperchen. Denn diese wird als Marker für die allgemeine zelluläre Alterung des Körpers betrachtet. Es gilt als bestätigt, dass Veränderungen der Telomere in den Leukozyten mit Alterungsprozessen in anderen Geweben korrelieren. Für ihre Messungen nutzten die Wissenschaftler eine molekularbiologische Methode namens quantitative Polymerase-Kettenreaktion (qPCR). Mithilfe dieses Verfahrens konnten sie einen T/S-Wert (Telomer-zu-Einzelgen-Verhältnis) ermitteln, der als Maß für die relative Telomerlänge dient. Darüber hinaus errechneten sie, wie viele Jahre biologische Alterung den beobachteten Telomerunterschieden entsprechen. Dabei stellten sie fest, dass Telomere durchschnittlich um 70 Basenpaare pro Jahr schrumpfen. Zum Verständnis: Ein Basenpaar ist ein winziger Baustein der DNA. Die 70 Basenpaare stehen somit für 70 kleine „Sprossen” der DNA-Leiter, die jedes Jahr an den Telomeren verloren gehen.
Statistische Auswertung
Die Forscher nutzten ANCOVA-Modelle, um die Unterschiede zwischen den Gruppen mit unterschiedlichem Kaffeekonsum zu analysieren. ANCOVA-Modelle sind Analysen der Kovarianz, die es ermöglichen, die Mittelwerte einer abhängigen Variable über verschiedene Gruppen hinweg zu vergleichen, während gleichzeitig Einflussfaktoren kontrolliert werden. Dabei berücksichtigten sie verschiedene Einflussfaktoren: das Alter und das Geschlecht der Probanden, den Konsum von Genussmitteln und die tägliche Dosis von Psychopharmaka. Zusätzlich prüften sie, ob der Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und Telomerlänge je nach Diagnosegruppe oder Geschlecht variiert.
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3 bis 4 Tassen Kaffee = längere Telomere
Die Ergebnisse zeigten einen umgekehrt „J-förmigen Zusammenhang“ zwischen Kaffeekonsum und Telomerlänge, schreiben die Autoren. Die untersuchten Chromosomendkappen waren bei Probanden, die drei bis vier Tassen Kaffee pro Tag tranken, am längsten. Wurde diese Menge überschritten, nahm die Telomerlänge wieder ab. Die kürzesten Telomere wiesen Nicht-Kaffeetrinker auf.
Interessant: Die Auswertung zeigte, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen tendenziell sehr viel Kaffee trinken. Ein erheblicher Teil der Studienteilnehmer gab an, mehr als vier Tassen pro Tag zu sich zu nehmen. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass diese Personen auch mehr rauchen als die Allgemeinbevölkerung. Nikotin bewirkt einen schnelleren Abbau von Koffein, weshalb diese Personen schneller wieder zur Tasse greifen.
Als besonders auffällig heben die Autoren hervor, dass die Telomere von Patienten, die innerhalb der empfohlenen Menge von bis zu vier Tassen Kaffee pro Tag blieben, einer verminderten biologischen Alterung (biologischen Verjüngung) von etwa fünf Jahren entsprachen – verglichen mit denen von Nicht-Kaffeetrinkern. Dieser positive Effekt hatte unabhängig von Geschlecht und der konkreten Diagnose Bestand: Er war bei Frauen wie auch Männern mit Schizophrenie oder affektiven Störungen zu beobachten.
Bedeutung der Untersuchung
Die Studienautoren folgern aus den Ergebnissen, dass ein moderater Kaffeekonsum von bis zu vier Tassen täglich für Menschen mit psychischen Erkrankungen sinnvoll ist. Ein sehr hoher Konsum (mehr als fünf Tassen) scheint dagegen nicht mehr vorteilhaft zu sein. Sollten sich die Beobachtungen in zukünftigen Untersuchungen bestätigen, könnte eine entsprechende Empfehlung Teil von Versorgungs- und Gesundheitsstrategien werden. Denn offenbar könnte Kaffee in kontrollierten Mengen mit längeren Telomeren und somit mit einer geringeren biologischen Alterung verbunden sein. Die Forscher erklären, dass die Ergebnisse zudem zu einem besseren Verständnis darüber beitragen, wie Lebensstilfaktoren wie Ernährung und der Konsum koffeinhaltiger Getränke biologische Alterungsprozesse im Kontext psychischer Erkrankungen beeinflussen können.
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Einschränkungen
Es ist auf einige Einschränkungen der Studie hinzuweisen. Unter anderem basierte die Erfassung des Kaffeekonsums auf Selbstangaben – solche sind generell anfällig für Verzerrungen. Zudem wurde lediglich die Anzahl der täglich konsumierten Tassen erfasst, während wichtige Details (z. B. Zubereitungsart, Tassenvolumen, Kaffeestärke oder die Tageszeit des Konsums) unberücksichtigt blieben. Auch Informationen über die Aufnahme anderer koffeinreicher Getränke lagen nicht vor.
Weitere Einschränkungen betreffen das Fehlen von Messungen anderer biochemischer Einflussfaktoren. Etwa standen keine Daten zu antioxidativen oder entzündungshemmenden Markern zur Verfügung. Auch Informationen über die Einnahme von nicht-psychiatrischen Medikamenten (z. B. Betablocker, Statine, Metformin), die ebenfalls die Telomere beeinflussen könnten, fehlten. Ebenso fehlte eine gesunde Vergleichsgruppe, was die Aussagekraft der Ergebnisse für Menschen mit psychischen Erkrankungen einschränkt.
Wichtiger Hinweis
Die Ergebnisse sind nicht so zu interpretieren, dass man unbedingt Kaffee trinken sollte, um sein Leben zu verlängern beziehungsweise die biologische Alterung seiner Zellen aufzuhalten. Zumal sich Kaffeekonsum von Mensch zu Mensch unterschiedlich auswirkt. Es gibt auch Personengruppen, für die ein (zu hoher) Kaffeekonsum negative gesundheitliche Folgen haben kann, zum Beispiel Menschen mit Herzproblemen, Bluthochdruck oder bestimmten Magen-Darm-Beschwerden sowie Schwangere. Ohnehin zeigt die Studie lediglich einen statistischen Zusammenhang zwischen moderatem Kaffeekonsum und längeren Telomeren, ohne einen direkten ursächlichen Effekt nachzuweisen.