4. November 2025, 13:32 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Viren begleiten viele Menschen durch den Alltag – sei es in Form einer saisonalen Grippe, einer Corona-Infektion oder einer chronischen Viruserkrankung wie HIV. Während sich die meisten Menschen nach einer akuten Virusinfektion vollständig erholen, kann eine Infektion – je nach Art des Virus – auch langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Virusinfektionen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen könnten.
Jetzt dem FITBOOK-Kanal bei Whatsapp folgen!
Was Infektionen mit dem Herzen zu tun haben
Wenn wir über Virusinfektionen sprechen, denken viele zuerst an Erkältungssymptome wie Halsschmerzen, Fieber und Gliederschmerzen. Aber das, was Viren im Körper anrichten, geht oft tiefer. Immer mehr Hinweise zeigen: Einige Infektionen können das Herz-Kreislauf-System belasten – nicht nur während der Krankheit, sondern auch noch Wochen oder Monate später.1
Ein internationales Forschungsteam hat diesen Zusammenhang nun systematisch untersucht.2 In ihrer Analyse berücksichtigten sie verschiedene Viren, darunter akute Infektionen wie Corona und Grippe sowie chronische Erkrankungen wie HIV oder Hepatitis C. Dabei zeigte sich, dass einige Infektionen das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche erhöhen können – je nach Erreger entweder direkt nach der Erkrankung oder erst im Verlauf der Zeit.
So lief die Untersuchung ab
Das Forschungsteam hat mehr als 50.000 Studien durchforstet. Davon erfüllten 155 die Kriterien und wurden in die Analyse aufgenommen. Sie alle untersuchten den Zusammenhang zwischen Virusinfektionen und Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche. Dabei waren nicht nur klassische Grippe- oder Corona-Fälle dabei. Auch chronische Infektionen wie HIV, Hepatitis C oder Gürtelrose wurden einbezogen. Aber auch seltener untersuchte Viren wie Dengue, HPV oder RSV.
Besonders hilfreich für die Auswertung waren sogenannte „self-controlled case series“-Studien. Dabei wird bei einer Person geschaut, wie oft ein Ereignis – etwa ein Herzinfarkt – vor und nach einer Infektion auftritt. So lassen sich viele andere Einflüsse wie Alter oder Lebensstil herausrechnen.
Der Fokus lag auf folgenden Erkrankungen
Die Forscher konzentrierten sich auf fünf zentrale Erkrankungen:
- Herzinfarkt
- Schlaganfall
- koronare Herzkrankheit
- Herzschwäche
- und Todesfälle durch Herz-Kreislauf-Probleme.
Die meisten Studien stammen aus Nordamerika, Europa und Asien. Aus Regionen wie Afrika oder Südamerika, in denen besonders viele Menschen von Virusinfektionen betroffen sind, liegen dagegen bislang nur wenige verlässliche Daten vor. Bei HIV ist das besonders problematisch: Zwar leben laut den Studienautoren fast 70 Prozent aller HIV-Infizierten in Afrika südlich der Sahara, aber in die Analyse gingen nur zwei Studien aus dieser Region ein.
Auch interessant: Nächtliche Lichtbelastung könnte Auswirkungen auf Herzgesundheit haben
Deutlich erhöhtes Risiko – besonders bei bestimmten Viren
Die Ergebnisse zeigen klar: Manche Viren erhöhen das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erheblich. Besonders stark war das bei COVID-19 und Influenza.
In den ersten zwei Wochen nach COVID-19 steigt das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich
Bei einer Corona-Infektion war das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall vor allem in den ersten zwei Wochen nach der Erkrankung deutlich höher. Auch das Risiko für eine koronare Herzkrankheit war erhöht. Das liegt vermutlich daran, dass das Virus im Körper Entzündungsprozesse auslöst, die auch die Blutgefäße angreifen.
Grippe erhöht das Herzinfarktrisiko in der ersten Woche um das Siebenfache
Noch ausgeprägter war der Effekt bei Grippe. In der ersten Woche nach einer Influenza war das Risiko für einen Herzinfarkt nämlich bis zu sieben Mal so hoch wie üblich. Auch das Schlaganfallrisiko war in diesem Zeitraum deutlich erhöht. All das zeigt: Die Grippe ist keineswegs harmlos – vor allem nicht für das Herz.
Hepatitis C verdoppelt das Risiko für tödliche Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Auch bei chronischen Infektionen wie HIV oder Hepatitis C fanden die Forscher ein klares Muster. Das Risiko steigt über die Jahre an. Auch dann, wenn die Infektion gut behandelt wird. Menschen mit HIV erleiden häufiger Schlaganfälle oder entwickeln Herzinsuffizienz. Hingegen war das Risiko bei Hepatitis C für einen tödlichen Herz-Kreislauf-Vorfall sogar doppelt so hoch wie bei Nichtinfizierten.
Nach einer Gürtelrose ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Probleme in den ersten Wochen erhöht
Etwas schwächer, aber ebenfalls relevant, war der Zusammenhang bei Herpes Zoster (Gürtelrose). Vor allem in den ersten Wochen nach einem Ausbruch traten häufiger Herz-Kreislauf-Probleme auf.
Andere Viren: Hinweise, aber weniger klare Daten
Neben den stärker erforschten Virusinfektionen haben die Forscher auch Erreger wie Dengue, Chikungunya, HPV, RSV oder das Herpes-simplex-Virus Typ 1 betrachtet. Auch hier gab es Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen – allerdings ist die Studienlage noch begrenzt.3
Beim Cytomegalievirus (CMV) war das Bild gemischt: Einige Studien sahen ein erhöhtes Risiko für koronare Erkrankungen, andere nicht. Hier vermuten die Autoren, dass es auf die individuelle Reaktivierung des Virus ankommen könnte. Also darauf, ob das Virus nach einer Erstinfektion im Körper aktiv bleibt.
Klar ist ebenfalls, dass diese Erreger weiter untersucht werden sollten. Vor allem in Ländern, in denen sie besonders häufig vorkommen.
Impfungen – mehr als nur Infektionsschutz
Zudem zeigen die Ergebnisse der Studie, dass Impfungen nicht nur helfen könnten, Infektionen zu verhindern, sondern auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken.
So zeigen Studien zur Grippeimpfung, dass sie das Risiko für schwere Herzprobleme um bis zu ein Drittel senken kann.4 Auch bei COVID-19 gibt es Hinweise darauf, dass geimpfte Personen nach der Infektion seltener einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erleiden. Ähnliches gilt für Herpes Zoster: Wer geimpft ist, erkrankt seltener – und damit sinkt auch das Risiko für Komplikationen.
Die Forscher fordern deshalb, Impfungen nicht nur als Schutz vor Viren zu sehen – sondern auch als aktive Maßnahme für die Herzgesundheit.
Herzmuskelentzündung – Ursachen, Symptome, Behandlung
Mit speziellen Zuckermolekülen kann man Viren abtöten
Was die Studie (noch) nicht zeigen kann
Auch wenn viele Daten ausgewertet wurden, bleiben Einschränkungen. Die Analyse basiert auf Beobachtungsstudien, die zwar Zusammenhänge zeigen können, aber keine eindeutigen Ursachen belegen. So lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Infektion selbst das Risiko erhöht oder ob andere Faktoren – etwa Vorerkrankungen oder soziale Unterschiede – eine Rolle spielen. Hinzu kommt, dass ein Großteil der Studien aus Nordamerika, Europa und Ostasien stammt. Aus Regionen mit hoher Infektionslast, etwa in Teilen Afrikas oder Südamerikas, liegen deutlich weniger Daten vor.
In vielen Fällen wurden nur Infektionen erfasst, die im Labor bestätigt wurden – milde oder unbemerkte Verläufe fehlen also oft in den Daten. Das könnte dazu führen, dass die tatsächlichen Risiken anders aussehen – höher oder niedriger.
Fazit: Wer sich schützt, schützt auch sein Herz
Die Studie zeigt, dass Virusinfektionen nicht nur vorübergehend belastend sein können – sondern auch das Herz dauerhaft in Mitleidenschaft ziehen. Ob Grippe, Corona, HIV oder Hepatitis C. Infektionen gehen mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzschwäche einher – manchmal schon wenige Tage nach der Erkrankung, manchmal erst nach Jahren.
Es gibt aber auch eine gute Nachricht. Mit Impfungen, Vorsorge und gezielter Betreuung bei chronischen Infektionen lassen sich viele Folgeerkrankungen verhindern. Wer sich vor Infektionen schützt, schützt damit auch sein Herz – das sollte künftig stärker Teil der Gesundheitsvorsorge sein.