30. Dezember 2025, 13:49 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Schlaf ist kein passiver Zustand. Während der Körper ruht, laufen im Hintergrund zentrale Reparaturprozesse ab: Das Immunsystem wird gestärkt, das Gehirn verarbeitet Erlebtes, Nervenzellen reinigen sich von Abfallstoffen. Für Konzentration, Stimmung und körperliche Belastbarkeit ist Schlaf unverzichtbar – die meisten Erwachsenen benötigen dafür zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht.1 Doch wie gut gelingt es im Alltag, gleichzeitig ausreichend zu schlafen und mindestens 8000 Schritte zu gehen? Eine Großstudie hat genau diese Frage untersucht und liefert überraschende Antworten.
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Nur rund 13 Prozent erreichen gleichzeitig Schlaf- und Bewegungsempfehlungen
Nur etwa eine von acht Personen (12,9 Prozent) schafft es regelmäßig, sowohl sieben bis neun Stunden pro Nacht zu schlafen und gleichzeitig mehr als 8000 Schritte am Tag zu gehen. Das ist das Ergebnis einer internationalen Studie mit fast 71.000 Personen, die aktuell in der Fachzeitschrift „Nature“ veröffentlicht wurde.2 Es zeigte sich auch: Wer sechs bis sieben Stunden schläft, ist am nächsten Tag am aktivsten. Doch umgekehrt wirkt sich Bewegung kaum auf die nächste Nacht aus. Die Studie deckt auf, wie eng Schlafqualität und körperliche Aktivität zusammenhängen – und warum beide Empfehlungen oft schwer gleichzeitig einzuhalten sind.
Wer hat mitgemacht und wie wurde gemessen?
Die Analyse basiert auf den Daten von 70.963 Erwachsenen zwischen 18 und über 80 Jahren (Durchschnittsalter 51), deren Schlaf- und Bewegungsgewohnheiten mindestens 28 Tage am Stück erfasst wurden: Ein Sensor unter der Matratze lieferte Informationen zur Schlafdauer und -qualität der Probanden. Eine Smartwatch zeichnete die Anzahl der gemachten Schritte pro Tag auf.
Beide Geräte funktionierten unabhängig voneinander, waren aber über ein gemeinsames Nutzerkonto miteinander verknüpft. So ließ sich jeder einzelne Tag eindeutig zuordnen – mit Schlafdaten aus der Nacht und Bewegungsdaten vom darauffolgenden Tag. In die Auswertung flossen nur Personen ein, bei denen beide Systeme über den gesamten Zeitraum lückenlos funktionierten. Auf diese Weise konnten die Forscher genau nachvollziehen, wie sich Schlaf und Bewegung gegenseitig beeinflussten.
Die meisten Nutzer lebten in Europa oder Nordamerika. Menschen aus Regionen mit geringerem Einkommen oder eingeschränktem Zugang zu digitaler Technik waren seltener vertreten. Um Verzerrungen durch regionale, jahreszeitliche oder biologische Einflüsse zu vermeiden, bezogen die Forscher weitere Faktoren in ihre Auswertung ein – darunter Tageslänge, Wochentag, Body-Mass-Index, Geschlecht und individuelle Schlaf-Wach-Rhythmen. Für die Analyse kamen sogenannte generalisierte additive Modelle (GAMs) zum Einsatz, die auch komplexe Zusammenhänge sichtbar machen können.
Ergebnisse im Detail
Wie schwer es ist, gleichzeitig genug zu schlafen und sich ausreichend zu bewegen, zeigt ein Blick in die Zahlen. Nur 12,9 Prozent der Teilnehmenden erfüllten während des Messzeitraums beide Empfehlungen: mindestens 8000 Schritte pro Tag in Kombination mit sieben bis neun Stunden Schlaf. 16,5 Prozent erreichten keines der beiden Ziele – sie schliefen zu wenig und bewegten sich kaum. Der Großteil lag irgendwo dazwischen.
Auffällig war auch der Zusammenhang zwischen Schlafdauer und Bewegung: Am aktivsten waren die Teilnehmenden nach rund sechs bis sieben Stunden Schlaf. Wer länger schlief, also acht Stunden oder mehr, bewegte sich am Folgetag im Schnitt etwas weniger. Das bedeutet nicht automatisch, dass viel Schlaf schadet – aber es zeigt, dass mehr Schlaf nicht unbedingt zu mehr Energie führt.
Gute Nächte, mehr Schritte
Besonders deutlich war der Zusammenhang bei der Schlafqualität. Teilnehmende mit hoher Schlafeffizienz, also mit wenig Wachzeit im Verhältnis zur gesamten Bettzeit, legten am folgenden Tag im Schnitt bis zu 192 Schritte mehr zurück. Wer dagegen unruhig schlief oder lange zum Einschlafen brauchte, war tagsüber meist weniger aktiv. Zwischen sehr schneller und sehr langsamer Einschlafzeit lagen im Durchschnitt 152 Schritte Unterschied.
In der Gegenrichtung zeigte sich dieser Effekt kaum. Mehr Bewegung am Tag führte nicht automatisch zu besserem Schlaf. Weder die Dauer noch die Qualität verbesserten sich spürbar bei einer höheren Schrittzahl. In diesem Fall kam der Einfluss eher vom Schlaf als von der Bewegung.
Alter, Alltag und äußere Einflüsse
Um mögliche Unterschiede zwischen Lebensphasen besser einordnen zu können, teilte das Forschungsteam die Teilnehmenden in Altersgruppen ein. Dabei zeigte sich: Ältere Menschen brauchten im Schnitt etwas mehr Schlaf, um ein ähnliches Aktivitätsniveau wie Jüngere zu erreichen.
Auch äußere Faktoren wie die Tageslänge oder der Wohnort hatten einen Einfluss – allerdings einen eher geringen. An Tagen mit mehr Tageslicht bewegten sich die Teilnehmenden zwar etwas mehr, doch das reichte nicht aus, um das generelle Muster zu verändern.
Zusätzlich konnten die Forscher zeigen, dass Schlaf- und Bewegungsverhalten über längere Zeiträume hinweg relativ stabil blieben. Das spricht dafür, dass es sich nicht um zufällige Schwankungen handelte, sondern um feste Gewohnheiten im Alltag.
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Auch frühere Studien zeigten Beeinflussung, aktuelle Studie geht jedoch weiter
Frühere Studien haben schon gezeigt, dass Schlaf und Bewegung sich gegenseitig beeinflussen können. Aber: Sie bestanden größtenteils auf deutlich kleineren Gruppen oder Selbstauskünften.3,4 Diese neue Studie geht mit objektiven Messdaten aus dem Alltag – in großer Zahl, über einen langen Zeitraum und mit moderner Methodik – jedoch mehrere entscheidende Schritte weiter – und genau darin liegt ihr wissenschaftlicher „Clou“.
Schlaf als Schlüssel für gesündere Gewohnheiten
Die Studie macht deutlich, wie selten zwei grundlegende Gesundheitsziele gleichzeitig erreicht werden. Selbst unter Menschen, die freiwillig ihre Daten aufzeichnen und ein überdurchschnittliches Interesse an Gesundheit zeigen, gelang dies nur wenigen. Auffällig ist dabei der Zusammenhang in nur eine Richtung: Wer genug schläft, bewegt sich am nächsten Tag häufiger. Umgekehrt zeigte sich dieser Effekt deutlich schwächer. Das widerspricht der verbreiteten Annahme, man müsse sich nur mehr bewegen, um besser zu schlafen.
Für Prävention und Gesundheitsförderung bedeutet das: Schlaf sollte nicht als passives Randthema betrachtet werden, sondern als Ausgangspunkt. Wer ausreichend und erholsam schläft, schafft die Grundlage dafür, auch andere Verhaltensweisen – wie regelmäßige Bewegung – leichter in den Alltag zu integrieren.
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Einschränkungen der Studie
Auch mit einer großen Datenmenge und objektiver Messung lassen sich nicht alle Fragen beantworten. Die Geräte wurden freiwillig genutzt, was darauf hindeutet, dass vor allem gesundheitsbewusste Menschen teilgenommen haben. Wer mit Technik unsicher ist, unter chronischen Krankheiten leidet oder aus sozioökonomisch benachteiligten Gruppen stammt, war vermutlich seltener vertreten.
Hinzu kommen Grenzen bei der Technik. Der verwendete Schlafsensor überschätzt laut Validierungsstudien die Schlafdauer im Schnitt um etwa 30 Minuten. Schrittzähler zeichnen zwar Gehen gut auf, erfassen aber keine anderen Aktivitäten wie Radfahren, Schwimmen oder Krafttraining. Auch körperlich anstrengende Haus- oder Gartenarbeit bleibt außen vor.
Zusätzliche Gesundheitsdaten wie Blutdruck, Entzündungswerte oder psychisches Befinden wurden nicht erhoben. Aussagen zur Vorbeugung von Krankheiten oder zu konkreten Risiken sind deshalb nicht möglich. Was die Studie aber sehr genau zeigt, sind typische Alltagsmuster und wie stark Schlaf und Bewegung im täglichen Leben zusammenhängen.
Fazit: Wer auf seinen Schlaf achtet, schafft mehr am Tag
Die Ergebnisse legen nahe, dass Schlaf im Alltag mehr ist als reine Erholung. Er beeinflusst, wie belastbar, aufmerksam und beweglich Menschen am nächsten Tag sind. Gerade weil viele Schwierigkeiten haben, mehrere Gesundheitsziele gleichzeitig umzusetzen, kann es sinnvoll sein, den Fokus neu zu setzen.
Wer zuerst den Schlaf verbessert, schafft oft bessere Voraussetzungen für alles Weitere. Mehr Bewegung entsteht dann nicht aus Disziplin, sondern aus Energie. Besonders im höheren Alter kann dieser Ansatz entscheidend sein, um Mobilität, Selbstständigkeit und Alltagstempo länger zu erhalten.