14. Oktober 2026, 17:38 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Pandemien, Atomkriege und künstliche Intelligenz gelten als große Bedrohungen für die Menschheit. Doch wie gefährlich sind sie im Vergleich zu alltäglichen Gesundheitsrisiken wie ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel? Eine internationale Lancet-Kommission hat 17 globale Gefahren bzw. Gesundheitsrisiken untersucht und berechnet, wie stark sich ihre gesundheitlichen Folgen bis zum Jahr 2100 verringern ließen, wenn sich die Bedingungen weltweit verbessern.
Übergewicht und Bewegungsmangel mit größten Gesundheitsfolgen
Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel könnten die Gesundheit der Weltbevölkerung bis zum Jahr 2100 stärker belasten als jede andere der untersuchten Bedrohungen. Das zeigt eine umfangreiche Analyse, die im renommierten Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht wurde.1
Die Forscher schätzen, dass der Unterschied zwischen einer günstigen und einer ungünstigen Entwicklung dieser genannten Risikofaktoren rund 23,1 Milliarden gesunde Lebensjahre beträgt. Gemeint ist damit die Zeit, die Menschen weltweit zusammengenommen durch Krankheiten, gesundheitliche Einschränkungen oder einen vorzeitigen Tod verlieren könnten.
Auch ein niedriger Bildungsstand und Einkommensungleichheit gehören laut der Analyse zu den größten langfristigen Gesundheitsbedrohungen. Sie könnten eine größere vermeidbare Gesundheitsbelastung verursachen als Pandemien oder der Klimawandel.
Kommissions-Co-Vorsitzender Dr. Christopher J. L. Murray erklärt in einer Pressemitteilung: „Die Schätzungen verdeutlichen, wie viel gesundheitlicher Schaden in den einzelnen Bereichen vermieden werden könnte. Einige stellen bereits heute eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem dar, während andere, sollten sie sich realisieren, eine reale Gefahr bergen. Entscheidend ist, dass alle 17 Bedrohungen miteinander verbunden sind, weshalb sie gemeinsam und nicht isoliert angegangen werden müssen.“2 Murray ist unter anderem Leiter des Fachbereichs Gesundheitsmetrik an der University of Washington und Direktor des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME).
Wie die Untersuchung durchgeführt wurde
Für die Lancet-Analyse untersuchte eine internationale Kommission um Dr. Christopher J. L. Murray und Dr. Natalia Kanem, zu der noch weitere 35 Fachleute aus Gesundheit, Wirtschaft, Sicherheit, Regierungsführung und Technologie angehörten, 17 globale Gesundheitsbedrohungen. Ziel war es, ihre möglichen Folgen bis zum Jahr 2100 vergleichbar zu machen und herauszufinden, wie stark politische und gesellschaftliche Maßnahmen diese beeinflussen könnten.
Dafür werteten die Forscher Gesundheitsdaten aus 204 Ländern und Territorien aus und entwickelten Prognosen für die Jahre 2025 bis 2100. Sie berechneten den Unterschied zwischen dem besten und dem schlechtesten Verlauf.
Um die verschiedenen Bedrohungen vergleichen zu können, nutzten die Forscher sogenannte „DALYs“ (Disability-Adjusted Life Years), auf Deutsch „verlorene gesunde Lebensjahre“. Diese Maßeinheit berücksichtigt sowohl Lebensjahre, die durch einen vorzeitigen Tod verloren gehen, als auch die Zeit, die Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen verbringen. Stirbt ein Mensch beispielsweise fünf Jahre früher als erwartet, entspricht das fünf verlorenen gesunden Lebensjahren. Jahre mit gesundheitlichen Einschränkungen werden je nach Schwere der Beeinträchtigung anteilig berücksichtigt.
Für schwer vorhersehbare Ereignisse wie einen Atomkrieg oder den böswilligen Einsatz künstlicher Intelligenz nutzte die Kommission zusätzlich Einschätzungen von Fachleuten.
Nicht überall sind die Gesundheitsgefahren gleich
Neben Übergewicht, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel spielen auch gesellschaftliche Faktoren eine wichtige Rolle. Ein niedriger Bildungsstand könnte laut den Berechnungen mit 16,1 Milliarden verlorenen gesunden Lebensjahren verbunden sein, Einkommensungleichheit mit 13,8 Milliarden. Die gesundheitliche Belastung verteilt sich weltweit jedoch sehr unterschiedlich: Während in einkommensstärkeren Ländern chronische Krankheiten und psychische Belastungen dominieren, prägen in ärmeren Regionen wie Subsahara-Afrika und Südasien vor allem Bildungsdefizite und soziale Ungleichheit das Bild.
In 154 der 204 untersuchten Länder und Territorien könnten Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel die größte vermeidbare Gesundheitsbelastung verursachen.
In Subsahara-Afrika steht dagegen ein niedriger Bildungsstand an erster Stelle. Mehr als zwei Drittel der weltweit mit niedriger Bildung verbundenen vermeidbaren Gesundheitsbelastung entfallen auf diese Region. Das liegt laut den Modellen unter anderem daran, dass höhere Bildung mit einer geringeren Krankheits- und Sterblichkeit sowie Veränderungen der Bevölkerungsentwicklung verbunden sein könnte. In wohlhabenderen Regionen spielt dagegen die psychische Gesundheit eine vergleichsweise große Rolle.
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Gefahren mit Auslöschungspotenzial und katastrophale Szenarien
Auch außergewöhnliche Katastrophen könnten erhebliche Folgen haben. Zwei Bedrohungen stuft die Lancet-Kommission sogar explizit als Gefahren mit dem Potenzial zur Auslöschung der Menschheit ein: den böswilligen Einsatz künstlicher Intelligenz (etwa zur Entwicklung von Biowaffen) mit 10,4 Milliarden beeinflussbaren gesunden Lebensjahren sowie einen Atomkonflikt und die daraus folgende globale nukleare Hungersnot mit rund 9,35 Milliarden. Allerdings sind diese Schätzungen besonders unsicher, da sie auf subjektiven Expertenbefragungen basieren und kaum belastbare historische Vergleichsdaten vorliegen.
Dr. Richard Horton, Chefredakteur von The Lancet, sagt dazu, die Kommission biete einen radikalen Paradigmenwechsel im Denken über künftige Bedrohungen des menschlichen Überlebens. Es gehe darum, von einzelnen Problemen zu einer komplexeren Bedrohungslandschaft überzugehen. „Die Gefahren, denen wir gegenüberstehen, sind vielfältig. Unsere Lösungen müssen dieser Realität gerecht werden.“
Natürlich auftretende Pandemien kommen in der Analyse auf 2,39 Milliarden, der Klimawandel auf 1,89 Milliarden gesunde Lebensjahre. Dass diese Werte niedriger ausfallen, bedeutet jedoch nicht, dass die Gefahren grundsätzlich weniger schwerwiegend sind. Die Zahlen beschreiben lediglich die möglichen Unterschiede zwischen günstigen und ungünstigen Zukunftsszenarien.
Die 17 untersuchten globalen Gesundheitsbedrohungen im Überblick
| Bedrohung | Möglicher Verlust gesunder Lebensjahre bis 2100 |
|---|---|
| Adipositas, ungünstige Ernährung und Bewegungsmangel | 23,1 Mrd. DALYs |
| Niedriger Bildungsstand | 16,1 Mrd. DALYs |
| Einkommensungleichheit | 13,8 Mrd. DALYs |
| Böswilliger Einsatz künstlicher Intelligenz | 10,4 Mrd. DALYs |
| Atomkonflikt einschließlich nuklearer Hungersnot | 9,35 Mrd. DALYs |
| Schlechte psychische Gesundheit | 9,35 Mrd. DALYs |
| Ungesundes Altern | 8,26 Mrd. DALYs |
| Konventionelle Konflikte | 7,71 Mrd. DALYs |
| Rauchen | 7,06 Mrd. DALYs |
| Hoher systolischer Blutdruck | 4,79 Mrd. DALYs |
| Antimikrobielle Resistenzen | 3,44 Mrd. DALYs |
| Natürlich auftretende Pandemien | 2,39 Mrd. DALYs |
| Hoher Alkoholkonsum | 2,35 Mrd. DALYs |
| Klimawandel | 1,89 Mrd. DALYs |
| Luftverschmutzung | 1,64 Mrd. DALYs |
| Zusammenbruch der Entwicklungshilfe für Gesundheit | 1,50 Mrd. DALYs |
| Kindliche Mangelernährung | 1,02 Mrd. DALYs |
Welche Folgen der Klimawandel für unsere Gesundheit hat
1,3 Milliarden Menschen werden 2050 diese Krankheit haben
Wie die Ergebnisse einzuordnen sind
Eine Stärke der Analyse ist, dass sie sehr unterschiedliche Gesundheitsgefahren nach derselben Methode vergleicht. Zudem berücksichtigt das Modell, dass Menschen, die nicht an einer bestimmten Ursache sterben, später an anderen Krankheiten erkranken oder sterben können. Dadurch fällt die geschätzte vermeidbare Gesundheitsbelastung im Durchschnitt rund 50 Prozent niedriger aus.
Allerdings sind die Zahlen mit Vorsicht zu genießen. Niemand weiß exakt, wie sich die Welt bis 2100 entwickelt. Seltene Katastrophen fließen mathematisch nur schwach ein, obwohl sie im Ernstfall riesigen Schaden anrichten. Bei KI und Atomkrieg reichen die Schätzungen deshalb von fast null bis zu vielen Milliarden verlorenen Lebensjahren. Beim Klimawandel sind zudem Kettenreaktionen wie Dürren oder Fluchten noch gar nicht vollständig erfasst.
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Fazit
Die Lancet-Kommission zeigt, dass neben Katastrophen wie Kriegen und Pandemien auch Übergewicht, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und soziale Ungleichheit bis 2100 erhebliche gesundheitliche Folgen haben könnten. Besonders groß ist das Potenzial, gesundheitliche Schäden durch einen gesünderen Lebensstil zu vermeiden. Auch Atomkriege und der gefährliche Einsatz von KI bergen große Risiken, deren Ausmaß jedoch schwer abzuschätzen ist.
Die Ergebnisse sagen nicht voraus, was tatsächlich passieren wird. Sie zeigen vielmehr, in welchen Bereichen politische und gesellschaftliche Maßnahmen die Gesundheit der Menschen weltweit besonders stark verbessern könnten.
Die Ko-Vorsitzende der Kommission, Dr. Natalia Kanem, ehemalige Exekutivdirektorin des UN-Bevölkerungsfonds (UNFPA), mahnt: „Die jüngsten globalen Ereignisse zeigen uns, wie schnell Stabilität in eine Krise umschlagen kann und wie kostspielig es ist, erst nach einer Katastrophe zu reagieren.“ Regierungen und Gemeinschaften müssten ab heute entschlossen handeln, um die Gesundheit zu schützen und eine gerechtere, friedlichere und sicherere Zukunft für kommende Generationen zu schaffen.