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Forschung

Studie identifiziert riskantestes Alter für Gewichtszunahme

Gewichtszunahme ist offenbar nicht in jedem Alter gleich riskant für die Gesundheit
Eine große Studie zeigt: Gewichtszunahmen im jungen Erwachsenenalter sind wesentlich stärker mit späteren Gesundheitsrisiken verbunden als in späteren Lebensphasen Foto: Getty Images
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13. April 2026, 13:07 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

In einer großen schwedischen Langzeitstudie mit über 620.000 Teilnehmern analysierten Forscher, wie sich die Gewichtsentwicklung im Erwachsenenalter und der Zeitpunkt einer Adipositas-Entwicklung auf die Sterblichkeit auswirken. Die Ergebnisse zeigen, dass insbesondere eine Gewichtszunahme im jungen Erwachsenenalter mit einem deutlich erhöhten Risiko für zahlreiche Erkrankungen verbunden ist. Auffällig ist zudem: Die Zusammenhänge unterscheiden sich teilweise zwischen Männern und Frauen.

Gewichtszunahmen in jüngerem Alter besonders kritisch

Es gilt inzwischen als gut belegt, dass starkes Übergewicht oder Adipositas in der Kindheit besonders problematisch sind.1 Häufig bleiben sie bis ins Erwachsenenalter bestehen und können früh Stoffwechselstörungen auslösen, etwa Insulinresistenz – eine Vorstufe von Typ-2-Diabetes. Entscheidend scheint vor allem die Dauer der Belastung bzw. Exposition zu sein. Je früher im Leben Übergewicht beginnt, desto länger ist der Körper diesen Risiken ausgesetzt, und entsprechend höher ist das spätere Sterberisiko.

In eine ähnliche Richtung weisen die Ergebnisse einer aktuellen Untersuchung mit Fokus auf bereits erwachsene Menschen.2 Die verantwortlichen Wissenschaftler erläutern ihren Forschungsansatz damit, dass bisherige Studien oft nur Momentaufnahmen der Gefahren von Adipositas beleuchtet haben. In der Regel wurden demnach die Gründe für Todesfälle basierend auf einem einmalig ermittelten Body-Mass-Index (BMI) untersucht.3 Unklar blieb somit bislang, welche Rolle der Zeitpunkt von Gewichtszunahmen spielt, und welche potenziellen Auswirkungen sich ergeben, je nachdem, wie sich das Gewicht über das gesamte Erwachsenenleben hinweg entwickelt. Die vorliegende Studie aus Schweden hatte das Ziel, diese Lücke zu schließen.

Details zur Untersuchung

Die Analyse basiert auf der schwedischen Kohortenstudie „Obesity and Disease Development Sweden“ (ODDS), einer großen, landesweiten Datensammlung.4 In den Probanden-Pool wurden 258.269 Männer und 361.784 Frauen aufgenommen, die zwischen 1963 und 2015 mindestens drei Gewichtsmessungen im Alter von 17 bis 60 Jahren hatten.

Die Forscher um Studienleiterin Huyen Le konzentrierten sich auf drei zentrale Aspekte:

  1. typische Gewichtsentwicklungen (sogenannte Gewichtstrajektorien) zwischen dem 17. und 60. Lebensjahr,
  2. das Alter, in dem erstmals Adipositas auftritt, und
  3. die Geschwindigkeit der Gewichtszunahme in verschiedenen Lebensphasen.

Messungen und Methoden

Um individuelle Gewichtsentwicklungen möglichst genau abzubilden, nutzten die Forscher sogenannte lineare gemischte Modelle. Es handelt sich hierbei um statistische Verfahren, die es erlauben, aus mehreren Messpunkten eine persönliche Gewichtskurve über die Zeit zu berechnen. Mithilfe dieser Modelle konnten sie unter anderem den Zeitpunkt der Adipositas sowie die durchschnittliche Gewichtszunahme pro Jahr in verschiedenen Altersphasen (17 bis 29, 30 bis 44 und 45 bis 60 Jahre) bestimmen.

Anschließend wurden die Teilnehmer über nationale Register bis zu ihrem Tod oder andere Ereignisse, die eine weitere Beobachtung unmöglich machten, z. B. eine Auswanderung, nachverfolgt; ohne ein entsprechendes Ereignis endete die Beobachtung mit dem Jahr 2020. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Mittel 23,3 Jahre bei Männern und 11,7 Jahre bei Frauen. Zur Bewertung des Sterberisikos verwendeten die Forscher sogenannte Cox-Regressionen. Mit dieser Methode wird das relative Sterberisiko (Hazard Ratio) unter Berücksichtigung verschiedener Einflussfaktoren wie dem Ausgangsgewicht, dem Bildungsgrad der Probanden und ihrem Rauchverhalten ermittelt.

Analyse zeigt: Gewichtszunahme vor 30 besonders gefährlich

Im Beobachtungszeitraum starben insgesamt 86.673 Männer und 29.076 Frauen. Die durchschnittliche modellierte Gewichtszunahme betrug bei beiden Geschlechtern rund 0,42 Kilogramm pro Jahr.

Besonders deutlich zeigt die Studie, dass eine Gewichtszunahme im jungen Erwachsenenalter ein entscheidender Risikofaktor ist. Wer zwischen 17 und 29 Jahren stärker zunahm, hatte ein maßgeblich erhöhtes Risiko für einen vorzeitigen Tod. Konkret stieg dieses Risiko pro zusätzlicher Gewichtszunahme von 0,5 Kilogramm pro Jahr um 18 Prozent bei Männern und 16 Prozent bei Frauen.

Der Zusammenhang war besonders deutlich beim Zeitpunkt der Adipositas-Entwicklung. Personen, die bereits in jungen Jahren adipös wurden, wiesen ein höheres Sterberisiko auf als Personen, die bis zum 60. Lebensjahr kein starkes Übergewicht entwickelten. Bei Männern lag die Risikoerhöhung bei rund 69 Prozent, bei Frauen bei etwa 71 Prozent.

Welche Rolle langfristige Veränderungen spielen

Teilnehmer mit besonders starker Gewichtszunahme über das gesamte Erwachsenenleben hinweg hatten ein deutlich erhöhtes Risiko für zahlreiche Todesursachen. Darunter waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen, verschiedene Krebsarten, Typ-2-Diabetes sowie Erkrankungen des Verdauungs- und Harnsystems. Gewichtszunahme in späteren Lebensphasen zeigte dagegen meist schwächere Zusammenhänge mit der Sterblichkeit.

Eine wichtige Ausnahme gab es jedoch – bei Frauen. Hier war eine Gewichtszunahme in allen Altersphasen ähnlich stark mit einem erhöhten Risiko für Krebstodesfälle verbunden. Eine mögliche Erklärung sind hormonelle Veränderungen, da Fettgewebe nach den Wechseljahren eine wichtige Quelle für Östrogene wird.

Die Studie zeigt eindrücklich: Es ist nicht nur entscheidend, ob eine Gewichtszunahme stattfindet, sondern auch, wann. Eine frühe Gewichtszunahme scheint besonders schädlich zu sein – sehr wahrscheinlich deshalb, weil der Körper über viele Jahre hinweg den negativen Folgen von Übergewicht ausgesetzt ist. Je früher schädliche Prozesse beginnen, desto länger wirken sie sich aus – und desto höher ist das Risiko für Krankheiten und einen vorzeitigen Tod.

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Studienleiterin erklärt FITBOOK die Bedeutung der Ergebnisse

Auf FITBOOK-Nachfrage erklärt Studienleiterin Huyen Le, dass das frühe Erwachsenenalter eine besonders sensible Phase für die langfristige Gesundheit ist. Als wichtigste Erklärung nennt sie die längere Dauer der Belastung durch Übergewicht. Entscheidend sei die lange Zeitspanne, die mit Adipositas gelebt werde. „Der zentrale Treiber ist die kumulative Zeit mit Adipositas oder überschüssigem Körperfett, nicht die Gewichtszunahme in einem bestimmten Alter.“

Doch wie beschrieben zeigte sich gleichzeitig bei der Krebssterblichkeit von Frauen, dass bei manchen Personen auch Gewichtszunahme im späteren Leben ähnlich starke Zusammenhänge aufweisen kann wie in jungen Jahren. Für die Prävention leiten die Forscher daraus ab, dass Maßnahmen möglichst früh ansetzen sollten. „Wir sind überzeugt, dass Präventionsstrategien stärker auf junge Erwachsene ausgerichtet sein sollten und darauf, ein gesundes Körpergewicht zu halten.“ Idealerweise beginne Prävention sogar noch früher – am besten bereits in der Kindheit und Jugend. Neben individuellem Verhalten sei vor allem das Umfeld entscheidend. Besonders wirksam sei es, „die strukturellen Ursachen eines sitzenden Lebensstils zu reduzieren und gesunde Entscheidungen für junge Menschen einfacher und zugänglicher zu machen.“

Auch interessant: Konstantes Körpergewicht ab 60 erhöht Lebenserwartung von Frauen maßgeblich

Unabhängiger Experte ordnet die Ergebnisse ein

FITBOOK sprach mit Dr. med. Matthias Riedl, Diabetologe und Pressesprecher des Bundes der Ernährungsmediziner (BDEM). Er erklärt, dass eine frühe Gewichtszunahme aus diabetologischer Sicht lange unterschätzt wurde. „Früher gingen wir davon aus, dass sich der Körper in jungen Jahren besser regenerieren kann. Heute sehen wir, dass die frühen Schädigungsjahre sogar stärker wirken können als spätere“, erklärt der Diabetologe. „Wer früh übergewichtig ist, lebt oft Jahrzehnte länger mit den negativen Stoffwechselveränderungen“, betont er noch einmal. Dies erhöhe das Risiko deutlich.

Betroffene haben es nach Einschätzung des Experten nicht so leicht, ihre Situation zu verbessern. „Wer nach der Pubertät noch stark übergewichtig ist, hat nur eine sehr geringe Chance, dauerhaft daraus herauszukommen“, erklärt er. Gründe seien unter anderem Veränderungen im Gehirn, insbesondere im Essverhalten, sowie langfristige Anpassungen des Stoffwechsels. Doch probieren sollten sie es unbedingt. Dr. Riedl: „Wenn eine Gewichtsreduktion gelingt, sind viele Risikofaktoren grundsätzlich reversibel“ – wenn auch bereits eingesetzte Gefäßverkalkungen meist bestehen blieben.

Mit Blick auf die Prävention findet der Arzt deutliche Worte: „Deutschland ist hier schlecht aufgestellt.“ Es fehle an früher Gesundheitsbildung, etwa in Kitas und Schulen, sowie an strukturellen Maßnahmen wie dem Schutz von Kindern vor ungesunder Werbung. „Ein großes Problem ist die geringe Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung“, sagt er, „das erlebe ich täglich in der Praxis.“ Dieses Wissensdefizit werde zudem „von Industrie und Influencern gezielt ausgenutzt“.

Einschränkungen der Studie

Die Studie ist eine der umfassendsten Analysen, die zu dem Thema je durchgeführt wurden. Die Kombination einer vergleichsweise hohen Teilnehmerzahl mit wiederholten Gewichtsmessungen über mehrere Jahrzehnte ermöglicht eine besonders detaillierte Betrachtung der Gewichtsentwicklung im gesamten Erwachsenenleben. Die Untersuchung basiert auf hochwertigen, landesweiten Registerdaten, die eine lange und nahezu lückenlose Nachverfolgung der Teilnehmer ermöglichen.

Dennoch ist auf verschiedene Einschränkungen hinzuweisen. Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, lassen sich lediglich Zusammenhänge ableiten, keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Zudem standen nicht alle relevanten Lebensstilfaktoren zur Verfügung. Informationen zu Ernährung, körperlicher Aktivität, Alkoholkonsum oder bestehenden Vorerkrankungen waren unvollständig. Auch das Rauchen wurde nur vereinfacht als „ja oder nein“ erfasst, nicht die Ausprägung. Dies schränkt die Aussagekraft bzw. Genauigkeit dieses maßgeblichen Einflussfaktors ein.

Zu berücksichtigen ist auch, dass nicht unterschieden wurde, ob dokumentierte Gewichtsverluste bewusst oder krankheitsbedingt erfolgten. Zudem kann das verwendete zweistufige statistische Verfahren dazu führen, dass die Unsicherheiten einzelner Schätzungen etwas unterschätzt werden.

Quellen

  1. Marcus, C., Danielsson, P., Hagman, E. (2022). Pediatric obesity—Long‐term consequences and effect of weight loss. Journal of Internal Medicine. ↩︎
  2. Le, H., Silva, M., Bennet, L. et al. (2026). Weight trajectories and obesity onset between 17 and 60 years of age, and cause-specific mortality: the Obesity and Disease Development Sweden (ODDS) pooled cohort study. eClinicalMedicine, ↩︎
  3. Bhaskaran, K., Santos-Silva, I., Leon, D. et al. (2018). Association of BMI with overall and cause-specific mortality: a population-based cohort study of 3·6 million adults in the UK. Diabetes and Endocrinology. ↩︎
  4. Lund University: The Obesity and Disease Development Sweden (ODDS) study (aufgerufen am 13.6.2026) ↩︎

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