Wenn Frauen mit Krankheiten, Schmerzen, Erschöpfung oder anderen körperlichen Beschwerden zum Arzt gehen, hören sie offenbar deutlich häufiger als Männer einen Satz wie: „Das ist wahrscheinlich Stress.“ Eine neue Studie legt nahe: Ärzte nehmen Symptome von Patientinnen offenbar noch viel zu oft nicht ernst.
Forscher der Universitäten Cambridge und East Anglia befragten mehr als 6600 Menschen mit Autoimmunerkrankungen.1 Das Ergebnis: 33,9 Prozent der Frauen berichteten, dass ihre körperlichen Beschwerden zunächst als psychosomatisch eingestuft wurden. Bei Männern lag dieser Anteil bei 21,5 Prozent. Auch psychiatrische Fehldiagnosen wurden bei Frauen mit Erkrankungen deutlich häufiger dokumentiert.
Was sind Autoimmunerkrankungen?
Bei Autoimmunerkrankungen greift das Immunsystem irrtümlich körpereigenes Gewebe an. Dazu zählen Erkrankungen wie Lupus, Multiple Sklerose oder rheumatoide Arthritis. Die Symptome sind oft unspezifisch und reichen von starker Müdigkeit über Gelenk- und Muskelschmerzen bis hin zu Hautveränderungen. Nicht selten vergehen Jahre, bis Betroffene eine korrekte Diagnose erhalten.
Die Autoren der Studie vermuten, dass historische Vorurteile in der Medizin eine Rolle spielen könnten. Frauen würden demnach teilweise noch immer als emotionalere oder weniger verlässliche Beobachterinnen ihrer eigenen Beschwerden wahrgenommen. „Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass psychologische oder mentale Gesundheitserklärungen zu früh gegeben werden können“, sagt Studienautorin Dr. Melanie Sloan von der Universität Cambridge. Besonders Frauen könnten dadurch anfälliger für Fehldiagnosen sein.
Auch Shaista Tayabali, Mitautorin der Studie und selbst Patientin mit einer Autoimmunerkrankung, sieht darin ein strukturelles Problem: Obwohl Begriffe wie „Hysterie“ längst aus der modernen Medizin verschwunden seien, hätten Frauen noch immer häufiger Schwierigkeiten, mit ihren Symptomen ernst genommen zu werden.
Die Forscher betonen allerdings auch die Grenzen ihrer Untersuchung. Die Daten basieren auf den Erfahrungen und Angaben der Befragten. Daraus lässt sich nicht eindeutig ableiten, ob Vorurteile tatsächlich die Ursache für die Fehldiagnosen waren.
Experten warnen zudem davor, psychische Diagnosen grundsätzlich infrage zu stellen. Menschen können gleichzeitig unter Autoimmunerkrankungen und psychischen Belastungen leiden. Zudem können Ängste, Depressionen oder Erschöpfungszustände eine nachvollziehbare Folge schwerer chronischer Erkrankungen sein.
Dennoch zeigt die Studie ein Problem auf, das viele Patientinnen beschreiben: Bis zur richtigen Diagnose fühlen sie sich häufig nicht gehört. Oder, wie es viele Betroffene laut den Forschern formulieren: „Mir wurde nicht geglaubt.“
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