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Millionen leiden unter Schmerzen

Forscher entschlüsseln Risikofaktoren für Fibromyalgie

Fibromyalgie
Manchmal wird Fibromyalgie nicht erkannt – obwohl Betroffene stark leiden. Morgan Freeman und Lady Gaga sprachen schon über ihre enormen Schmerzen. Foto: Getty Images/Science, AFP via Getty Images, Collage: FITBOOK Photo Libra
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Anna Echtermeyer
Redakteurin

31. Juli 2026, 13:37 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Fibromyalgie bedeutet für Patienten oft eine große Qual und Last. Und bislang gibt es keine Behandlung, die bei allen Betroffenen gleichermaßen hilft. Prominente Betroffene wie Lady Gaga haben beschrieben, wie eng ihre körperlichen Schmerzen mit ihrer psychischen Belastung verbunden sind. Nun haben Forscher die biologischen Wurzeln der Krankheit entschlüsselt. Patienten können damit auf schnellere Hilfe hoffen.

Forscher entdecken Risikofaktoren für Fibromyalgie

Wenn Hollywood-Legende Morgan Freeman1 über „entsetzliche Schmerzen“ in seinem Arm berichtet oder Popstar Lady Gaga ihren öffentlichen Kampf gegen einen „Kontrollverlust des Nervensystems“ dokumentiert, rückt eine Krankheit ins Rampenlicht, die Millionen Menschen meist im Verborgenen quält: Fibromyalgie. Lange Zeit mussten sich Betroffene mit der falschen Behauptung konfrontieren lassen, ihre Beschwerden seien rein seelischer Natur oder gar nicht existent. Neuste Forschungsergebnisse zeigen, dass Fibromyalgie größtenteils die gleiche genetische Basis hat wie das Reizdarmsyndrom oder posttraumatische Belastungsstörungen. Patienten könnten künftig schneller behandelt werden.

Prominente geben Fibromyalgie eine Stimme

 „Ich bin so wütend auf diese Schmerzen, auf all das, was ich durchmache“, offenbarte Lady Gaga in ihrer 2017 auf Netflix veröffentlichten Dokumentation „Gaga: Five Foot Two.2 Man sah, dass die Sängerin mit starken Muskelschmerzen im ganzen Körper zu kämpfen hatte. Bei Fibromyalgie, auch Fibromyalgiesyndrom (FMS) genannt, treten chronische Schmerzen in mehreren Körperregionen auf. „Faser-Muskel-Schmerz“ heißt der Begriff übersetzt. Betroffene leiden über mindestens drei Monate. Oft gehen die Schmerzen mit massiver Erschöpfung, Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen, dem sogenannten Brain Fog, einher.

FMS war bislang schwer zu greifen, weder klassische Blutuntersuchungen noch Röntgenbilder liefern einen klaren Befund. Um die Erkrankung fassbar zu machen, analysierte das Team um Isabel Kerrebijn von der Universität Toronto das Erbgut von rund 54.000 Fibromyalgie-Patienten. Das Ergebnis stellten sie Daten von über 2,5 Millionen gesunden Kontrollpersonen aus elf internationalen Datenbanken gegenüber. Dieser erlaubte es den Forschern, winzige genetische Variationen zu identifizieren, die bei Betroffenen signifikant häufiger vorkommen. Die Studie wurde im Fachmagazin „Nature Medicine“ veröffentlicht.3

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Fast alle entdeckten Risikogene haben eines gemeinsam

Die Forscher konnten die biologischen Wurzeln der Krankheit tief im Zentralnervensystem verorten. Sie identifizierten 26 feste Plätze auf der DNA Betroffener, die das Risiko für Fibromyalgie erhöhen. Viele der entdeckten Gene steuern die Entwicklung und Funktion von Nervenzellen oder sind an der Verarbeitung von Schmerzsignalen beteiligt.

Die stärkste genetische Verbindung fand man im HTT-Gen, das auch für die Huntington-Krankheit verantwortlich ist. Bei Fibromyalgie scheint es die Schmerzverarbeitung im Zentralnervensystem massiv zu beeinflussen.

Genetische Basis wie Reizdarmsyndrom, PTBS und Kreuzschmerzen

Zudem fand man bei FMS-Patienten extrem hohe genetische Übereinstimmungen mit Kreuzschmerzen, posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) und dem Reizdarmsyndrom. Das heißt: Wer die genetische Veranlagung für das eine trägt, hat aufgrund der geteilten biologischen Wurzeln im Nervensystem auch ein signifikant erhöhtes Risiko für das andere. Übrigens: Insgesamt erkranken Frauen deutlich häufiger als Männer.

Die Forscher erklären sich damit auch, warum Fibromyalgie-Patienten oft an vielen anderen Dingen gleichzeitig leiden. Betroffene Gene beeinflussen offenbar viele verschiedene Merkmale gleichzeitig. Dieselbe genetische Wurzel kann sich bei einer Person als Fibromyalgie, bei einer anderen als Reizdarmsyndrom oder als PTBS äußern. Auch Lady Gaga sprach beispielsweise nicht „nur“ von Schmerzen, sondern von einem Kreislauf aus Trauma und Panik. Die Studie zeigt auch, dass die Vererbbarkeit besonders in Regionen wie dem Hippocampus konzentriert ist.

Einschränkungen der Studie

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse hat die Studie auch Schwächen. Die meisten Teilnehmer stammten aus Europa, weshalb sich die Erkenntnisse nicht ohne Weiteres auf andere Bevölkerungsgruppen übertragen lassen. Außerdem identifizierten die Forscher Fibromyalgie anhand von Diagnosen in Patientenakten. Dadurch könnten einige Betroffene fälschlicherweise als Fibromyalgie-Patienten erfasst worden sein, während andere mit der Erkrankung gar nicht erkannt wurden. Weitere Studien müssen nun folgen.

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Bisher vermutete Risikofaktoren für Fibromyalgie

Auch wenn Mediziner als Ursache für Fibromyalgie schon länger eine „funktionelle Störung der Schmerzverarbeitung im Gehirn“ vermuten, fehlt etwa in der offiziellen S3-Patientenleitlinie von 2017 noch eine klare biologische Ursache. In der Leitlinie, die derzeit überarbeitet wird, steht etwa noch, dass die genauen Ursachen unbekannt seien und es explizit „kein FMS-Gen“ gebe.4,5 Letzteres stellt die Studie grundlegend infrage.

Die S3-Leitlinie der deutschen Fachgesellschaften nennt unter Risikofaktoren eines Fibromyalgiesyndroms:

  • Entzündlich-rheumatische Erkrankungen
  • FMS bei Eltern oder Verwandten 1. Grades
  • Rauchen, Übergewicht, mangelnde körperliche Aktivität
  • Körperliche Misshandlung in Kindheit und Erwachsenenalter
  • Sexueller Missbrauch in Kindheit und Erwachsenenalter
  • Stress am Arbeitsplatz

Bisher mühsame Diagnose könnte bald Geschichte sein

Fibromyalgie wurde 1994 in die offizielle Krankheitenliste der Weltgesundheitsorganisation aufgenommen. Es gibt bislang keine Behandlung, die bei allen Betroffenen gleichermaßen hilft. Die Diagnose blieb ein Ausschlussverfahren: Man suchte nach Entzündungen oder Rheuma, fand nichts und landete bei der Fibromyalgie. Für die Therapie kamen etwa Antidepressiva oder Nervenschmerzmittel zum Einsatz, um die Symptome zu lindern. Die Hoffnung: Man könnte dank der Erkenntnisse bestehende medizinische Innovationen gezielt auf Fibromyalgie anwenden.

Ein Ansatz für die Zukunft könnte im Blut liegen. Forscher aus Kanada und Israel fanden 2022 heraus, dass Frauen mit Fibromyalgie deutlich weniger einer bestimmten Gallensäure im Blut hatten als gesunde Frauen. Je niedriger der Wert, desto stärker waren Schmerzen, Erschöpfung sowie Schlaf- und Konzentrationsprobleme.6

Besonders spannend: Mithilfe von sechs Gallensäure-Werten konnte eine KI mit über 90 Prozent Genauigkeit erkennen, wer an Fibromyalgie erkrankt war. Für einen Bluttest ist es aber noch zu früh: Die Studie war klein, untersuchte nur Frauen und muss erst durch weitere Studien bestätigt werden.

Quellen

  1. BlackDoctor: Morgan Freeman: Giving A Voice To Fibromyalgia (2022, aufgerufen am 30.07.2026) ↩︎
  2. Entertainment Tonight: Lady Gaga Shows What It's Like to Live With Chronic Pain in New Documentary (2018, aufgerufen am 30.07.2026) ↩︎
  3. Kerrebijn I., Bjornsdottir I., Arbabi I. et al. (2026): The genetic architecture of fibromyalgia across 2.5 million individuals. Nature Medicine. ↩︎
  4. Deutsche Schmerzgesellschaft: Fibromyalgie-Syndrom (2019, aufgerufen am 30.07.2026) ↩︎
  5. „Das Wichtigste in Kürze“ zu S3-Leitlinie 145/004: Fibromyalgiesyndrom (2017, aufgerufen am 30.07.2026) ↩︎
  6. Minerbi, A. et al. (2022). Altered serum bile acid profile in fibromyalgia is associated with specific gut microbiome changes and symptom severity. Pain vol. 164,2 e66-e76. ↩︎

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