9. September 2025, 10:49 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Die Zahl der Autismus-Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen steigt seit Jahren weltweit an. Zahlen der hkk Krankenkasse zeigen, dass sich der Anteil der dokumentierten Fälle in Deutschland von 0,4 Prozent im Jahr 2013 auf 0,8 Prozent im Jahr 2022 verdoppelt hat.1 Eine Gruppe bleibt dabei auffällig oft unerkannt: Mädchen mit Autismus. Warum sie seltener diagnostiziert werden und welche Rolle ein bestimmtes Testverfahren dabei spielt, zeigt nun eine der bislang größten Untersuchungen an Kleinkindern.
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Geschlechtsspezifische Unterschiede in der Diagnostik
Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) gelten seit Langem als häufiger bei Jungen vorkommend – das Verhältnis wird oft mit vier zu eins angegeben. Doch es häufen sich die Hinweise dafür, dass diese Zahlen nicht unbedingt biologische Unterschiede widerspiegeln, sondern vor allem durch Verzerrungen in der Diagnostik entstehen.
Eine neue Studie aus den USA zeigt: Ein weitverbreitetes Beobachtungsverfahren – das Autism Diagnostic Observation Schedule (ADOS) – bewertet Symptome bei Jungen und Mädchen nicht völlig gleich.2 Insbesondere bei zentralen Merkmalen wie Blickkontakt, sozialer Annäherung oder Reaktion auf soziale Reize wirken Mädchen im Test oft weniger auffällig – obwohl der tatsächliche Schweregrad der Erkrankung vergleichbar ist.
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Über 4500 Kinder untersucht – mit und ohne familiäres Risiko
Die Studie basiert auf Daten aus dem Baby Siblings Research Consortium (BSRC). Eingeschlossen waren 4.550 Kleinkinder im Alter von 20 bis 40 Monaten, die zwischen 2003 und 2021 bis zu dreimal untersucht wurden. Etwa 3.100 Kinder hatten ein älteres Geschwisterkind mit Autismus und galten damit als Hochrisikogruppe. Die übrigen 1.400 Kinder hatten kein bekanntes familiäres Risiko.
Untersucht wurden die Kinder mit dem ADOS, einem halbstrukturierten Beobachtungsverfahren, das durch geschulte Fachkräfte durchgeführt wird. Bewertet werden unter anderem:
- Qualität des Blickkontakts
- geteilte Aufmerksamkeit (z. B. beim Zeigen oder Nachschauen)
- Reaktionen auf soziale Reize
- sprachliche Besonderheiten oder Echolalie
- stereotype Bewegungen oder ungewöhnliche Interessen
Die Forscher wollten herausfinden, ob diese Verhaltensindikatoren bei Jungen und Mädchen im Test tatsächlich gleich bewertet werden – oder ob es systematische Unterschiede gibt.
Gleiche Symptome, unterschiedliche Bewertung
Die Auswertung zeigte: Ein und dasselbe Verhalten wird im ADOS je nach Geschlecht unterschiedlich interpretiert. Mädchen mit Autismus zeigten vergleichbare soziale Schwierigkeiten wie Jungen – doch sie wurden im Test seltener als auffällig bewertet.
Konkret zeigten sich Unterschiede in Bereichen wie:
- Blickkontakt
- Initiative zur sozialen Annäherung
- Reaktion auf gemeinsame Aufmerksamkeit
Diese Verhaltensweisen wurden bei Mädchen milder eingeschätzt – nicht, weil sie unauffälliger waren, sondern weil das Testsystem bei Mädchen weniger empfindlich auf diese Merkmale reagierte. Statistisch zeigt sich das als geschlechtsspezifische Messverzerrung, gemessen mittels Differential Item Functioning (DIF).
Mädchen müssen „auffälliger“ sein, um erkannt zu werden
Die Forscher stellten fest: Mädchen müssen im Verhalten stärker von der altersgerechten Norm abweichen, um im ADOS als auffällig zu gelten. Die tatsächlichen Symptome sind vorhanden, aber das Testsystem reagiert weniger stark darauf – vor allem im Bereich sozialer Kommunikation.
Ein Maß für diese Verzerrung ist der sogenannte REMSD-Wert, der in der Studie für Geschlecht (0,42) deutlich höher lag als für Alter (0,01). Das zeigt: Der Einfluss des Geschlechts auf die Bewertung war deutlich messbar.
Klinische Praxis: Worauf Ärzte und Therapeuten achten sollten
Die Studienautoren betonen: Mädchen mit Autismus zeigen ihre Symptome häufig anders als Jungen – etwa durch besseren Blickkontakt oder scheinbar „normales“ Sozialverhalten. Doch oft handelt es sich dabei um kompensatorische Strategien, nicht um echte soziale Kompetenz.
Für die Praxis bedeutet das:
- Fehlender Blickkontakt ist kein Muss für die Diagnose.
- Sozialer Rückzug, Überforderung oder intensive Spezialinteressen sollten auch ohne deutliche äußere Auffälligkeit ernst genommen werden.
- Elternbeobachtungen und Alltagssituationen sollten stärker in die Beurteilung einfließen.
Fachkräfte sollten lernen, subtile Formen des Autismus bei Mädchen gezielter zu erkennen, auch wenn klassische Symptome fehlen.
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Einordnung der Studie
Die Untersuchung gehört zu den bislang größten prospektiven Analysen zum Thema geschlechtsspezifische Messverzerrung bei Autismusdiagnostik im Kleinkindalter.
Stärken:
- Große Stichprobe (4.550 Kinder, 7.557 Einzelbeobachtungen)
- Prospektives Design ohne klinische Vorauswahl
- Einsatz differenzierter statistischer Verfahren (MNLFA, Mixed Models)
- Trennung nach Risikogruppen (mit und ohne familiären Hintergrund)
Limitationen:
- Das ADOS war teilweise selbst Grundlage der Diagnose – vollständige Unabhängigkeit bestand nicht.
- Sprache, Alter und verwendetes Testmodul lassen sich nicht vollständig voneinander trennen.
- Daten stammen aus dem Zeitraum von 2003 bis 2021 – Kohorteneffekte (z. B. durch DSM-Änderungen) sind möglich.
Trotz dieser Einschränkungen bietet die Studie einen relevanten Beitrag zur Weiterentwicklung der Diagnostik – und einen klaren Appell: Die Erkennungsrate bei Mädchen darf nicht länger von Testgrenzen abhängen, die ihre Symptome nicht ausreichend abbilden.
Fazit: Die Symptome sind da – der Test erkennt sie nur schlechter
Die Studie zeigt: Der Test erkennt die Symptome bei Mädchen mit Autismus schlechter – nicht, weil die Symptome fehlen, sondern weil er sie bei ihnen weniger deutlich erfasst.
Das ADOS bewertet bestimmte Merkmale bei Mädchen systematisch milder, was die Diagnosestellung erschwert. Die tatsächlichen Schwierigkeiten sind vergleichbar mit denen von Jungen, bleiben aber häufiger unentdeckt – weil das Testsystem auf typisch männliche Ausdrucksformen ausgerichtet ist.
Die Folge: Mädchen erhalten ihre Diagnose später oder gar nicht – und damit auch später Zugang zu gezielter Förderung. Die Autoren rufen dazu auf, Diagnosetools wie das ADOS geschlechtersensibel weiterzuentwickeln und Fachkräfte gezielt im Erkennen subtiler Autismusmerkmale bei Mädchen zu schulen.