22. Dezember 2025, 14:02 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wie lässt sich dem großen Schreckgespenst des Alterns vorbeugen? Die Rede ist von Demenz. Davor, irgendwann nicht nur vergesslich zu werden, sondern wichtige Erinnerungen zu verlieren oder sogar liebe Menschen nicht mehr zu erkennen, fürchten sich viele Menschen. Demenz ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt unheilbar, aber – so die Hoffnung – vielleicht vermeidbar. Ein Lebensstil, der gesundes Altern fördert, hilft hier enorm. Ebenso wie die Erkenntnis, dass bestimmte Vorerkrankungen das Demenzrisiko erhöhen können, darunter Depression. Eine Studie zeigt nun, dass bestimmte Symptome besonders schwer wiegen, wenn es um das Demenzrisiko geht. FITBOOK erklärt die neuen Forschungserkenntnisse.
Die Zahlen rund um Demenz sind erschreckend. Im Jahr 2020 lebten weltweit 55 Millionen Menschen mit der neurodegenerativen Erkrankung. Bis 2030 werden 78 Millionen und bis 2050 sogar 139 Millionen Betroffene erwartet. Aktuell entwickelt alle drei Sekunden irgendwo auf der Welt eine Person Demenz.1 Angesichts dieser dramatischen Lage, sind Wissenschaftler bemüht, die Entstehung und den Verlauf der unheilbaren Erkrankung besser zu verstehen. Weiterhin wollen sie genau identifizieren, welche Faktoren in welchem Maß das Risiko für die Erkrankung erhöhen. Dabei lieferten Studien bereits Hinweise dafür, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Depressionserkrankung und dem Risiko gibt, später im Leben eine Demenz zu entwickeln.2,3 Auch der Zeitpunkt der Depression scheint eine Rolle zu spielen. Wer in der Lebensmitte erkrankt, muss womöglich mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Demenz im Alter rechnen.4
Auch interessant: 15 Risikofaktoren für eine früh einsetzende Demenz
Spielt Ausprägung der Depression eine Rolle für die Demenz?
Auf Basis dieser Erkenntnisse wollte es ein Forschungsteam des University College London nun genauer wissen. Kann man identifizieren, welche mit Depressionen assoziierten Symptome sich auf das Demenzrisiko auswirken? Das Ziel war es entsprechend, das Erkrankungsbild Depression differenziert zu betrachten und sogenannte Symptomcluster einzugrenzen, die für eine mögliche Demenzentwicklung eine bedeutende Rolle spielen.
Als Studiendesign wählten die Forscher eine prospektive Beobachtungsstudie. Das bedeutet, dass sie sich Gesundheitsdaten anschauten, die sowohl den gegenwärtigen als auch frühere Zustände von Personen umfassten. Indem sie sie miteinander in Bezug setzten und standardisierte Modelle der Statistik anwendeten, konnten sie herausarbeiten, in welchem Verhältnis bestimmte Faktoren und Erkrankungen zueinander stehen.5
Whitehall II ist auch bekannt als Stress and Health Study. Sie wurde 1985 am UCL IEHC gegründet, um die Ursachen sozialer Ungleichheiten in der Gesundheit zu untersuchen. Im Verlauf der Studie wurden 10.308 Teilnehmende aus dem britischen öffentlichen Dienst rekrutiert. Durch die Zusammenführung von über 35 Jahren Daten zu sozialen Ungleichheiten und chronischen Erkrankungen mit neuen klinischen Messungen der kognitiven Funktionen, psychischen Störungen und der körperlichen Funktionsfähigkeit hat sich die Whitehall-II-Studie zu einer international führenden, interdisziplinären Studie zum Altern entwickelt.6
Die Details der Studie
Für dieses Untersuchungsverfahren nutzten die Forscher Gesundheitsdaten aus der bekannten britischen Whitehall-II-Kohorte, die insgesamt 10.308 Teilnehmende umfasst. In die Analyse einbezogen wurden die Daten von 5811 Personen im Alter von 45 bis 69 Jahren (Durchschnittsalter: 55 Jahre). 28,3 Prozent waren Frauen, 71,7 Prozent waren Männer, 92,2 Prozent der Probanden waren weiß. Zwischen 1997 und 1999 hatten sie ihre depressiven Symptome mittels eines standardisierten Fragebogens angegeben. Zudem war bei ihnen eine lückenlose Verknüpfung mit nationalen Gesundheitsdaten möglich. Das bedeutet, bei ihnen konnte die Symptomatik mit möglichen Spätfolgen, also Erkrankungen, in Bezug gesetzt werden.
Die depressive Symptomatik war im Rahmen der Whitehall-II-Kohorte über den GHQ-30-Fragebogen erfasst worden – ein bewährtes Screeninginstrument zur Erkennung psychischer Belastung, insbesondere depressiver Symptome. Der Fragebogen umfasst 30 Einzelitems, zu denen etwa „Konzentrationsprobleme“, „Verlust von Selbstvertrauen“ oder „soziale Rückzugsgefühle“ gehören.
Über einen durchschnittlichen Zeitraum von 22,6 Jahren wurde der Gesundheitszustand der Teilnehmenden über britische Gesundheitsdatenbanken (u. a. Krankenhausdaten, Sterberegister) beobachtet. Von Interesse für die Studie war die erstmalige Diagnose einer Demenz. Die Analyse erfolgte mittels multivariabler Cox-Regressionsmodelle, die verschiedene andere Demenz-Risikofaktoren berücksichtigten (Alter, Geschlecht, Ethnie, APOEε4-Status, kardiometabolische und soziale Faktoren). Auf diese Weise wollten die Wissenschaftler sicherstellen, dass wirklich die Depressionssymptome der ausschlaggebende Faktor für das erhöhte Demenzrisiko waren. Zusätzlich wurde untersucht, wie stabil bestimmte Depressionssymptome über einen Zeitraum von zehn Jahren blieben.
Auch interessant: Erstaunlicher Zusammenhang zwischen Puls und Demenz
Demenzrisiko zwischen 29 und 51 Prozent erhöht – bei diesen Depressionssymptomen
Im Beobachtungszeitraum von knapp 23 Jahren entwickelten 586 Personen eine Demenz. Das macht von den 10,1 Prozent der untersuchten 5811 Personen. Die differenzierte Analyse von Depression als Vorerkrankung und den damit einhergehenden spezifischen Symptomen ergab starke Hinweise dafür, dass nicht alle depressiven Symptome im mittleren Lebensalter mit einem erhöhten Demenzrisiko einhergehen. Sechs spezifische Symptome konnten jedoch als Risikofaktoren identifiziert werden. Besonders deutlich zeigte sich das statistisch erhöhte Risiko für Demenz bei folgenden Symptomen – im Vergleich zu Personen ohne diese Symptome:
- Verlorenes Selbstvertrauen: 51 Prozent höheres Risiko
- Probleme nicht bewältigen können: 49 Prozent höheres Risiko
- Keine Zuneigung für andere empfinden: 44 Prozent höheres Risiko
- Ständig nervös und angespannt: 34 Prozent höheres Risiko
- Unzufriedenheit mit der Bewältigung von Aufgaben: 33 Prozent höheres Risiko
- Konzentrationsprobleme: 29 Prozent höheres Risiko
Die Assoziation zwischen den depressiven Symptomen und späterer Demenz war bei Personen, die zum Zeitpunkt der auftretenden Symptomatik jünger als 60 Jahre alt waren, größer als bei Menschen, die zu dem Zeitpunkt 60 Jahre und älter waren.
Zu wenig Schlaf bei Menschen zwischen 50 und 70 kann Demenzrisiko erhöhen
3 psychologische Profile, die Ihr Demenzrisiko laut Studie bestimmen
Bestimmte Depressionssymptome womöglich frühe Warnzeichen für kognitiven Abbau
Weder wer an einer Depression leidet noch wer die zuvor genannten Symptome aufweist, muss zwangsläufig an einer Demenz erkranken. Allerdings liefern frühere sowie die aktuelle Studie Argumente dafür, dass das Risiko erhöht sein kann und man die psychische Erkrankung sowie die einzelnen Symptome ernstnehmen sollte. Besteht eine Depression, lohnt sich ein Blick auf die gesamte Symptomatik. Sie lässt womöglich spezifischer eingrenzen, wer eher von kognitivem Verfall gefährdet ist. Denn – so die Vermutung der Forscher aus London – Beschwerden wie ständige Nervosität, Überforderung durch Probleme u. ä. könnten frühe Warnzeichen für kognitiven Abbau sein. Dieses Wissen könnte wiederum dabei helfen, Betroffene frühzeitig gezielt zu unterstützen.
Einordnung der Studie
Wie immer stellt sich die Frage, wie signifikant und verlässlich die Studienergebnisse sind. Um dies zu beurteilen, ist ein prüfender Blick auf das Studiendesign wichtig.
Die Stärke der vorliegenden Studie besteht darin, dass es sich um eine Langzeitstudie handelt, für die ein umfangreicher Datensatz ausgewertet wurde. Zudem verstärkt der durchschnittliche Beobachtungszeitraum von 22,6 Jahren die Aussagekraft der Erkenntnisse bezüglich der Wirkung früherer Beschwerden auf einen späteren Zeitpunkt im Leben. Es fanden eine sorgfältige Erfassung von Symptomen und Diagnosen sowie eine statistische Kontrolle zahlreicher Störfaktoren statt – ebenfalls Stärken der Untersuchung.
Aber auch die Schwächen sollten Erwähnung finden. So wurde die depressive Symptomatik nur einmalig und per Selbstbericht erfasst. Dies lässt Raum für Ungenauigkeiten und spiegelt nicht die Entwicklung der Symptome über einen längeren Zeitraum wider. Die Kohorte bestand aus überwiegend weißen und männlichen britischen Büroangestellten. Die Studienergebnisse sind somit nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung. Als Beobachtungsstudie konnte die Untersuchung zudem nur eine Verbindung zwischen den Depressionssymptomen und dem Risiko für eine Demenzerkrankung aufzeigen. Sie konnte keine Hinweise dafür liefern, dass die Demenzfälle direkt kausal auf die Symptome zurückzuführen waren.
Dennoch fördert die Studie das differenzierte Verständnis vom Zusammenhang zwischen Depression und Demenz. Sie bietet eine neue, differenziertere Basis für weitere Forschung in diesem Bereich.